«Nippon», wörtlich übersetzt «Land der aufgehenden Sonne», nennt sich Japan in der Landessprache. Doch von Aufbruchsstimmung und Morgenröte ist wenig zu spüren. Treffender wäre wohl «Land der untergehenden Sonne». In Tokio herrscht zwar nach wie vor ein geschäftiges Treiben, Businessleute und Heere von Angestellten werfen sich ins Getümmel. In den Vororten und auf dem Land ist die Armut aber unübersehbar. Vor allem die Altersarmut.

Alte Menschen sind überall. Kaum einer bettelt, das würde ihr Stolz nicht zulassen. Aber viele von ihnen verrichten niedrigste und teilweise mühselige Arbeiten. Sie reinigen auch mit 75 oder 80 Jahren noch Strassen, fahren Tag und Nacht Taxi oder verdingen sich als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Mit knöchriger Hand und gebeugtem Rücken – «Hiseiki», wie sie in Japan heissen, «Nichtreguläre».

Das offizielle Rentenalter liegt in Japan derzeit für Männer noch bei tiefen 62, für Frauen bei 60 Jahren. Die schrittweise Erhöhung ist beschlossen. Doch die Realität sieht bereits heute anders aus. 16 Prozent der 75-Jährigen arbeiten noch, hat die Stiftung Shigoto Zaidan, die japanische Pro Senectute, ermittelt. Wenig erstaunlich: Mit der spärlichen staatlichen Rente von 400 bis 1200 Franken im Monat kann man in Japan nicht leben – bestenfalls überleben.

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Viele Alte mit kleinen Renten

Über mehr verfügen die wenigsten. Das liegt zum einen daran, dass viele Japaner in den vergangenen Boomjahren ihre Altersvorsorge sträflich vernachlässigt haben. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass die Immobilienblase platzt. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung hat in der Vergangenheit ihren vollen Pflichtbetrag in die staatliche Rentenversicherung entrichtet. Auch die Pflegeversicherung ist heillos unterfinanziert.

Zur Hauptsache liegt es aber an der schieren Zahl der alten Menschen: 27 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt. In der Schweiz sind es aktuell 18 Prozent. Bis 2050, so rechnet die japanische Regierung, wird ihr Anteil auf über einen Drittel ansteigen. Zwei Erwerbstätige müssen dann einen Rentner finanzieren. Oder besser wohl «müssten». Denn bereits heute verabschieden sich viele jüngere Menschen aus ihrer traditionellen Verpflichtung älteren Menschen gegenüber.

Viele Eltern und Grosseltern, vor allem in der Provinz, beklagen sich, dass ihre Kinder und Enkel sie kaum je besuchen. Sie verarmen und verwahrlosen. Erst können sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, dann wird ihnen der Strom abgestellt. Und schliesslich werden sie tot aufgefunden. Auch dafür haben die Japaner ein Wort: «Kodokushi», «Tod in der Einsamkeit», nennen sie es.

Mehr als 80 Überstunden pro Monat

Schlechter Wille ist es bei den allerwenigsten der Jüngeren, vielmehr die eigene Not: Gemäss einer aktuellen, erstmals vorgelegten Studie der Regierung leistet fast ein Viertel der Berufstätigen mehr als 80 Überstunden pro Monat. Bei der Hälfte von ihnen sind es gar mehr als hundert Überstunden. Arbeiten bis spät in die Nacht und am Wochenende ist weit verbreitet. Noch immer herrscht in vielen Unternehmen eine Kultur, wonach die Mitarbeitenden erst dann das Büro verlassen dürfen, wenn der Chef gegangen ist.

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Wer den Druck nicht mehr aushält, stürzt sich vom Dach, wie die 24-jährige Matsuri Takahashi, die bei Japans grösster Werbeagentur Dentsu beschäftigt war. Als sich wieder mehr als hundert Überstunden in einem Monat bei ihr angesammelt hatten und sie auch das letzte freie Wochenende noch durcharbeiten sollte, nahm sie sich das Leben. «Karoshi» lautet dieser Befund, «Tod durch Überarbeitung».

Auch für Beziehungen bleibt wenig Zeit. Unzählige junge Japanerinnen und Japaner verzichten auf Partnerschaft und Kinder. Die Folge ist eine dramatisch schrumpfende Bevölkerung. Letztes Jahr verlor Japan fast 300'000 Einwohner. Bis 2050 werden auf den japanischen Inseln voraussichtlich weniger als 100 Millionen Menschen leben, 2060 nur noch 87 Millionen. Heute sind es 127 Millionen.

Hoffnung auf Roboter statt Menschen

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Zwar könnte Einwanderung den Trend dämpfen, vielleicht sogar umkehren. Doch die Inselnation zeigt auch da gewisse Parallelen zur Schweiz. Sie legt Wert auf ihre kulturelle Eigenart und bleibt lieber für sich. Der Arbeitskräftemangel ist entsprechend überall zu spüren, egal ob in der Fabrikhalle oder am Hoteldesk. Die konservative Regierung von Premier Shinzo Abe versucht es mit allen Mitteln: Mehr Frauen im Arbeitsprozess sollen es richten – und eben: die Alten. Zudem sollen Roboter und das Internet der Dinge Abhilfe schaffen. Doch die Ingenieure und Programmierer fehlen. Und Nachwuchs ist kaum in Sicht. Allein in Tokio fehlen laut dem renommierten Nomura Research Institute über 300'000 IT-Spezialisten.

Die Unternehmen müssen daher flexibel sein und sich den Bedingungen anpassen. Am besten gelingt der Spagat zwischen Alter und Moderne den kleineren und mittelständischen Gesellschaften. Allerdings sind an der japanischen Börse über 2000 Small Caps kotiert. Hier eine Auswahl zu treffen, ist schwierig. Japan-Spezialist Yunyoung Lee von Henderson Global Investors empfiehlt im Gespräch mit der «Handelszeitung» einen Blick auf den japanischen Industriesektor: Sein Fonds ist in die Titel Nippon Soda, Nippon Electric Glass und den Zughersteller Kin-ki Sharyo investiert. Auch der Konsumbereich bietet seiner Meinung nach Potenzial. Hier empfiehlt Lee Aktien des Elektronikherstellers Pioneer und die Titel der auf Bio-Kosmetik spezialisierten Fancl.

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