Diese Fähigkeit würde man bei einem Derivatespezialisten kaum vermuten. Doch ihm muss sie zweifelsfrei zugestanden werden: Georg von Wattenwyl ist ein begabter Kommunikator. Noch inmitten der regen Geschäftstätigkeit eines Trading Floor fühlt sich sein Gegenüber in eine schalldichte Blase versetzt, in der nur die eigenen Anliegen gehört werden.

Das ist einerseits wohl ein angeborenes Talent - sein Bruder ist ein bekannter Basler TV-Moderator. Anderseits hatte von Wattenwyl auch reichlich Gelegenheit zur Übung in den letzten zwölf Monaten. Als Leiter Financial Products, Advisory & Distribution im Investment Banking der Bank Vontobel ist er zum Botschafter für einen Bereich der Finanzbranche geworden, der mehr als andere der Kritik der Öffentlichkeit ausgesetzt war.

Selber in Derivate investiert

Der Botschafter von Wattenwyl sagt heute: «Es gab Negatives bei den strukturierten Produkten, darüber müssen wir nicht mehr diskutieren. Aber dies ist ein sehr breites Segment.» So seien etwa die Kreditderivate in den USA mit dem Derivatgeschäft von Vontobel nicht zu vergleichen. «Nach den Fehlleistungen in den USA wurden jedoch alle Derivatanbieter in Sippenhaft genommen.»

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Damit will sich von Wattenwyl nicht abfinden. «Wir müssen die Chance nutzen, den Investoren die strukturierten Produkte verständlich zu erklären.» In der Folge führt er mehr denn je Gespräche mit Kunden, zeigt sich an Anlässen. Das tue er gerne, versichert der 40-jährige Banker. Sei er doch überzeugt, dass sich mit strukturierten Produkten Mehrwert generieren lasse. Er selber hält weiterhin Derivate im Portefeuille.

Doch manchmal drückt auch bei von Wattenwyl der Frust durch. Gerade nach dem Fall Lehman oder den schwierigen Monaten Anfang 2009 habe man eine Art Ohnmacht verspürt. «Trotz unseren Erklärungen wurden wir nicht gehört. In dieser Zeit fragten wir uns schon, wie wir das Vertrauen der Anleger für strukturierte Produkte wieder gewinnen können.» Für einen wie von Wattenwyl sicher keine einfache Fragestellung. Ab dem Jahr 1998 hat er mitgeholfen, die Derivatesparte zu einem wichtigen Standbein seiner Bank aufzubauen.

«Nicht immer nur das Beste»

Die Erinnerungen an die Zeiten des Booms der derivativen Produkte sind noch frisch. «Am Anfang waren wir eine Randgruppe, wir galten als jene, die diese sehr komplexen, teilweise verrückten Produkte kreieren.» Doch die Randgruppe verdiente für die Bank gutes Geld und gewann schnell an Bedeutung. Das Wachstum befeuerte die Euphorie. «Wie für eine junge Industrie typisch, haben wir sehr viel unternommen und erfunden, nicht immer nur die besten Sachen», blickt von Wattenwyl zurück. Da sei es besonders wichtig gewesen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Der Boden, auf dem von Wattenwyl jetzt steht, ist fleckig vom Kaffee und könnte kaum stärker mit dem Marmor in der Eingangshalle des Vontobel-Sitzes an der Dreikönigsstrasse in Zürichs Bankenviertel kontrastieren. Trotzdem passt das gut, ist dies doch die «Fabrik», wie sie von Wattenwyl nennt. Auf einem Stockwerk werden hier die strukturierten Produkte von Vontobel produziert. Das Team sitzt nahe beisammen: Dort der Tisch mit den Derivatekonstrukteuren, dem Engineering, immer in Kontakt mit den Kollegen vom Advisory & Distribution, welche die Kundenwünsche aufnehmen und die Derivate an den Mann bringen.

Zurückhaltung endet beim FCB

Mitten in der Fabrik befindet sich auch von Wattenwyls Arbeitsplatz. Viel Raum nehmen die fünf Bildschirme ein, auf der Tischplatte reihen sich die Post-it-Notizen seiner Assistentin innert Kürze dicht an dicht. «Ich verstehe mich als Coach meines Teams, da will ich mich nicht in einem Büro einschliessen», sagt von Wattenwyl.

Zum Coach passt der kleine Fussball auf einem Stapel Akten. Beim Fussball übrigens endet die diplomatische Zurückhaltung des Derivatebotschafters: Hier gibt es einzig und allein den FC Basel. In seiner Freizeit ist er denn auch am Rasen anzutreffen - aber noch öfter auf dem Sand: Von Wattenwyl spielt Tennis, eine Leidenschaft, die er mit seiner Familie teilt.

Nicht, dass für Freizeit und Familie viel Raum bliebe. Sein Arbeitstag beginnt vor 7 Uhr und endet oft nach 20 Uhr bei Treffen mit Kunden. Neben hohem Engagement, einem Flair für Zahlen und Kreativität sei für Derivate-spezialisten dabei eine Fähigkeit gefragt: «Man muss die Begabung haben, auf Bedürfnisse einzugehen und diese umzusetzen. Das ist oft schwieriger, als es klingt.»