Üblicherweise sind die Rekrutierungsprozesse für den oder die neue Verwaltungsrätin langwierig und mit viel Aufwand verbunden. Lange Wartefristen, viele Gespräche. Manchmal jedoch geht es zack, bumm, und der Posten ist vergeben. Wie kommts? Und so schnell? Eine Ausschreibung war auch nirgends zu finden.

Der wohl häufigste Grund dafür ist, dass die meisten Mandate unter der Hand, am Jasstisch oder im eigenen Netzwerk vergeben werden. Das ist bequem und vermeintlich effizient. Also keine Chance für Externe, kein Platz für frischen Wind und neue Perspektiven.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

In letzter Zeit hat sich zwar ein leichter Wandel bemerkbar macht. VR-Mandate werden öfter ausgeschrieben, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Insbesondere bei den grossen börsenkotierten Unternehmen führt der Weg meistens über eine Vermittlungsagentur.

Der bequeme Weg führt in den Stillstand

Doch im KMU-Land Schweiz gibt es noch sehr viel Potenzial. Gemäss Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz 99 Prozent der Firmen im KMU-Bereich angesiedelt. Es sind also Unternehmen, die bis 250 Mitarbeitende beschäftigen. Wobei die rund 9000 mittleren Unternehmen (50–249 Mitarbeitende) für Verwaltungsratsmandate wohl am relevantesten sind.

Bei diesen Unternehmen ist der Weg über das Netzwerk oft schneller und vor allem günstiger. Klar, ist es angenehm und einfach, in den eigenen Reihen nach einem neuen Verwaltungsrat oder einer Verwaltungsrätin zu suchen. Ein grosses, diversifiziertes Netzwerk ist Gold wert, und es ist absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn Kandidatinnen vorab aus diesem Kreis in Betracht gezogen werden. Aber macht das langfristig für die Unternehmung Sinn?

Die Rekrutierung sollte so ausgerichtet sein, dass der Verwaltungsrat sämtliche benötigten Expertisen abbildet und nicht nur Damen und Herren mit demselben Profil am Tisch sitzen. Wo bleibt die Reibung? Wer möchte schon den Jasskollegen verärgern, wenn dessen Marschrichtung missfällt? Ein homogener Verwaltungsrat erkennt keine neuen Chancen, verzettelt sich oder bleibt im Stillstand.

Mehr Wettbewerb ist gesund

Das ist für die Unternehmung auf die Dauer kein guter Weg. Pläne und Strategien müssen hinterfragt und von allen Seiten durchleuchtet werden. Nur ein breit diversifizierter Verwaltungsrat ist langfristig erfolgreich und führt die Unternehmung in die richtige Richtung.

Obwohl unter Umständen mit Kosten verbunden – es gibt auch kostenlose Plattformen mit potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten –, müssen VR-Vakanzen ausgeschrieben werden. Idealerweise öffentlich, sodass sich eine Vielfalt an Bewerberinnen und Bewerbern melden können. So entsteht ein gesunder Wettbewerb mit viel Auswahl.

Ein Arbeitgeber, der zu bequem ist, das richtige Profil zu suchen, ist unglaubwürdig und nicht wettbewerbsfähig. Wer möchte schon für ein Unternehmen tätig sein, das nur im engeren Kreis wurstelt und immer dieselben Charaktere um sich schart. Das ist weder für potenzielle Verwaltungsrätinnen noch für die Mitarbeitenden oder Kunden attraktiv.

Also raus aus der Komfortzone, weg vom Jasstisch und mit grossen Schritten dem nachhaltigen Erfolg der Unternehmung entgegen.

Alexia Hungerbühler ist Mitgründerin von Women for the Board, einem Netzwerk von Frauen, die sich für Verwaltungsrats- und Stiftungsratsmandate interessieren.