Die Baubranche ist euphorisch. Sämtliche Grossunternehmen, seien das Sika, Geberit oder LafargeHolcim, aber auch kleinere Zulieferer wie der Holzwerkstoffler Swiss Krono oder der Gebäudetechniker Meier Tobler können bis dato ein Plus vorweisen und arbeiten ihre Aufträge ab. Schweizer Bauprodukte sind derzeit noch gefragt, produziert wird auf Hochtouren. Bauzulieferer rechnen nach wie vor mit dem Besten.

Das steht im krassen Widerspruch zu den Prognosen, um die sich das Schweizer Bauwesen offenbar noch kaum schert und auf Sicht fährt. Es agiert unverdrossen nach der Devise: Hauptsache positiv. Und das, obwohl alle Indikatoren für die Schweizer Hochbauwirtschaft längerfristig nach unten zeigen. Das Wachstum verlangsamt sich zusehends.

Manifester Negativtrend

Die Summe der geplanten Bauprojekte im Juni ist gegenüber dem Vormonat um 10,7 Prozent gesunken. Im Juli hat sich das Schweizer Bauhauptgewerbe erneut rückläufig entwickelt. Die Bausumme ist im ersten Quartal um 3 Prozent auf 12 Milliarden Franken geschrumpft.

Der Wohnbau im ersten Quartal war wie schon in den drei Quartalen davor erneut im Minus. Die Anzahl der Baugesuche: stagnierend bis rückläufig. Der Hochbau liegt im Argen, wenn es um die Zukunft geht.

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Die Konjunkturforschungsstellen der Schweiz und von 19 EU-Mitgliedstaaten sprechen von einem «manifesten Negativtrend». Selbst erklärte Optimisten unter den Auguren kriegen nicht mehr als ein «Stagnation» über die Lippen.

Eingepreiste Konjunktursorgen

Die Anleger ahnen es längst: Die düsteren Aussichten sind in den Kursen teils bereits eingepreist. Das Sika-Papier hat von Anfang Juli bis Mitte August rund 18 Prozent an Wert eingebüsst. Der Kurs des Sanitärausrüsters Geberit kommt seit Monaten kaum vom Fleck. Und die Aktie des Zementriesen LafargeHolcim ist seit Mitte Mai um mehrere Prozent getaucht.

Viele Firmen lässt die Schwarzmalerei dennoch kalt. Bedenken werden weggewischt. Aktuelle Massnahmen? Unnötig. Schliesslich läuft es im Ausland ohnehin blendend, wenn es im Inland doch einmal düster werden sollte.

«Wir sind in einem wirtschaftlich anspruchsvollen Umfeld gut aufgestellt und haben im ersten Halbjahr ein starkes Umsatzwachstum realisiert», sagt Sika-Chef Paul Schuler an der Bilanzkonferenz im Juli.  Tatsächlich setzte Sika bereits im -Geschäftsjahr 2018 seine Erfolgsgeschich-te mit neuen Rekordwerten fort. Während die Bautätigkeit in der Schweiz 2018 gesunken ist, ist das Unternehmen in Europa weiter gewachsen. Die von ihm produzierten Bauchemikalien werden im Tief- wie auch im Hochbau eingesetzt.

Von einem «starken Ergebnis» im ersten Halbjahr berichtet auch Lafarge--Holcim-Chef Jan Jenisch: «Wir setzen unsere profitable Wachstumsstrategie weiter erfolgreich um.» Für LafargeHolcim sind «die Aussichten in der Schweiz insgesamt immer noch erfreulich, auch wegen grösserer Infrastrukturprojekte mit solider Finanzierung». Produktionsverlagerungen ins Ausland seien derzeit kein Thema.

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Projekte laufen aus

All das sind Einschätzungen aus einer anderen Zeit. Denn in der Schweiz laufen grössere Projekte im Infrastrukturbau (Tiefbau) aus. Die Anzahl neuer Projekte im Hochbau sinkt. Das Tiefbau--Gross-projekt Neue Eisenbahn-Alpen-trans-versale (Neat) neigt sich dem Ende zu. Die Durchmesserlinie rund um den Zürcher Hauptbahnhof ist auch bald durch. Und das Potenzial mit einem neuen Stadionbau in Zürich samt Wohnanlagen in der Zukunft ist begrenzt. Nachfolgeprojekte dieser Art gibt es nicht mehr so viele.

Wobei die grossen Grundstoffhersteller besonders von solchen Grossprojekten profitieren. Und kommt es doch mal dick, dann würde ein Schweizer Rückgang vor allem mit Wachstum im Ausland kompensiert. Swiss Krono, ein Familienbetrieb mit immerhin 2 Milliarden Franken Umsatz, glaubt daher weiter an das Schweizer Holz im Wohnbau: «Das ist zwar teurer als im Ausland, dafür darf bei unseren Produkten Swiss Made draufstehen. Das ist ein essenzieller Mehrwert für uns, da wir in über 80 Länder exportieren.»

Steigende Leerstandsquote

Geberit erwartet zwar einen «leicht rückläufigen Bausektor». Teilt aber mit, ein internationaler Konzern zu sein, der rund 10 Prozent in der Schweiz umsetze. «In diesem Sinne beeinflusst die Entwicklung in einem einzelnen Markt, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt das Handeln der gesamten Gruppe», sagt ein Sprecher. Vielmehr investiert der Konzern 2019 rund 180 Millionen Franken in Sachanlagen, «um dem zu erwartenden Wachstum gerecht zu werden».

Von der noch guten Entwicklung im Tiefbau hat eine Geberit als Sanitärausrüsterin im Hochbau allerdings wenig. Und das Wachstumsniveau im Hoch- und Wohnungsbau dürfte mit einer steigenden Leerstandsquote und einem mittelfristig erwarteten Zinsanstieg noch weiter sinken. Beziehungsweise in eine höhere Volatilität und Abschwächung der Baukonjunktur münden. Das legen die Konjunkturindikatoren nahe. 

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Realitätsnähe gefordert

Beim börsenkotierten Gebäudetech-niker Meier Tobler gibt man sich realis-tischer. «Die Einschätzung der Entwicklung des Hoch- und Wohnungsbaus teilen wir.» Zurzeit sieht Meier Tobler noch -einen grossen Bestand an offenen Projekten. Aber: «Ein Rückgang im Bereich der Neubauten wird sich in unserem Handels- und Systemgeschäft auswirken.»

Das Unternehmen sucht das Glück in der Renovation und erneuerbaren Energien. «Schweizweit besteht ein Potenzial von rund einer Million Gebäuden, die energetisch saniert werden sollten. Es ist unsere Aufgabe – und die der ganzen Branche –, die Aufklärungsarbeit zu intensivieren.» Zudem erwartet Meier Tob-ler, dass durch heisser werdende Sommer immer mehr Gebäude Kühlungen benötigen.

Jobs gefährdet

Überlegt sich die Branche nicht rechtzeitig, angesichts der Konjunkturaussichten vorzusorgen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Und zwar nicht nur für die Bauwirtschaft und ihre Zulieferindustrie. Sondern für die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes. So schreibt die Konjunkturforschungsstelle der ETH: «Obwohl die Bauwirtschaft nur gut 5 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt, machen die Bauinvestitionen etwa 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.» Gehen die Investitionen zurück, dann sinken die Aufträge, damit die Umsätze der Baufirmen, und auch die Gewinne der Zulieferer schmelzen dahin. Das wird nicht zuletzt Jobs kosten. Viele Jobs.