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Analyse
Das braucht es für eine Revolution der Philanthropie

Zuckerberg, Bezos und Branson (v.l.): Kein Akteur kann die grossen Probleme allein lösen. Keystone

Amazon-Chef Bezos, Virgin-Boss Branson und Facebook-Gründer Zuckerberg sind nur drei Persönlichkeiten, die in der Welt der Philanthropie jüngst für Aufsehen sorgten.

Von Jürg Zeltner*
am 09.02.2016

Während des Besuchs von Richard Nixon in Peking im Jahr 1972 wurde Zhou Enlai, der erste Premierminister der Volksrepublik China, gefragt, wie er die Auswirkungen der Französischen Revolution des Jahres 1789 einschätze. «Es ist zu früh für eine Beurteilung», soll seine Antwort gelautet haben. 

Möglicherweise verstand Zhou die Frage falsch (und glaubte, sie würde sich auf die Revolte im Mai 1968 in Frankreich beziehen). Trotzdem könnte seine Antwort auch für jene Revolution gelten, die jüngst in der Welt der Philanthropie für Aufsehen sorgte. Deren Auswirkungen sind womöglich weitreichend – und es wird einige Zeit dauern, bis sie in vollem Umfang verstanden werden.

Jeff Bezos, Richard Branson und Jack Ma

Der Sturm auf die Bastille der Philanthropie setzte im November ein, als eine Gruppe von 30 Milliardären, darunter Amazon-Chef Jeff Bezos, Virgin-Boss Richard Branson und Jack Ma von Alibaba, die Gründung der Initiative Breakthrough Energy Coalition (BEC) ankündigten. Die BEC versprach ein «neues Modell», im Rahmen dessen man öffentlich-private Partnerschaften zur Mobilisierung von Investitionen in «wirklich bahnbrechende Energielösungen der Zukunft» nutzen würde. 

Dieser Ankündigung folgte kurz danach Mark Zuckerbergs und Priscilla Chans Zusage, 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien (mit einem aktuellen Wert von 45 Milliarden Dollar) für die Verbesserung des Lebens von Neugeborenen auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. Auch sie betonten die Bedeutung von «Partnerschaften mit Regierungen, gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen.»

Einzelner Akteur allein kann Probleme nicht lösen

Diese richtungsweisende Entwicklung resultiert aus der Anerkennung einer Finanzierungslücke – eines «kollektiven Versagens» von Staaten, der traditionellen Philanthropie und gewerblicher Investoren, aufgrund dessen laut BEC «ein nahezu unpassierbares Tal des Todes zwischen vielversprechenden Konzepten und einem marktfähigen Produkt» entstand. 

Kein einzelner Akteur – ob Regierung, Forschungslabor an einer Universität, NGO, Unternehmer oder Investorengruppe – ist in der Lage, die wirklich grossen Probleme der Gegenwart alleine zu lösen. Diese Lücke ist in so unterschiedlichen Bereichen wie Gesundheitsversorgung, Bildung und dem Kampf gegen den Klimawandel sichtbar. 

Traditionelle Philanthropie sollte ihren Auftrag überdenken

Deshalb ist die Chan-Zuckerberg-Initiative auf maximale Flexibilität ausgelegt, so dass die Mittel in gemeinnützige Organisationen gelenkt, direkt als private Investitionen eingesetzt oder als Beitrag zur Beeinflussung politischer Debatten genutzt werden können. In ähnlicher Weise bekennt sich die BEC zur Förderung der Arbeit von anderen, indem man «in der frühen Investitionsphase einen flexiblen Ansatz verfolgt und Seed-, Angel- sowie Serie-A-Investitionen anbietet, wobei man sich erwartet, dass das traditionelle Kapital in den späteren Phasen nachzieht, wenn die Risiken der ursprünglichen Investitionen geringer geworden sind.»

Natürlich können nicht einmal Milliardäre die Probleme dieser Welt auf sich allein gestellt lösen. Auch andere Akteure werden im Rahmen dieser Revolution eine Rolle spielen müssen. Die traditionelle Philanthropie sollte ihren Auftrag überdenken. Und Regierungen müssen mehr tun, um einen umfangreicheren Strom privater finanzieller Mittel in nachhaltigere Infrastruktur-Projekte zu ermöglichen. Politische Entscheidungsträger könnten ihren Blick auf steuerliche Anreize richten, einschliesslich Steuergutschriften in besonders bedeutsamen Bereichen.

«Soziale, aber keine finanzielle Rendite»

Auch für die Finanzindustrie bietet sich die Gelegenheit zur Teilnahme durch so genannte Impact-Investitionen, die darauf abzielen sowohl sozialen Fortschritt zu erreichen als auch finanzielle Renditen zu erwirtschaften, die hoch genug ausfallen, um auch private Mainstream-Investoren anzulocken.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Bill Gates, der mehr gespendet hat als jemals eine andere Person in der Weltgeschichte, formulierte es folgendermassen: «Viele Dinge erbringen zwar eine soziale, aber keine finanzielle Rendite. Man muss wirklich vorsichtig sein, wenn man meint, alles auf einmal haben zu können.»

Das gilt insbesondere für diejenigen, die Finanzinstrumente für Impact-Investitionen konzipieren. Zu den innovativsten Instrumenten dieser Art gehören Impact-Anleihen für den Entwicklungsbereich, im Rahmen derer Investoren Finanzierungen für Entwicklungsprojekte anbieten, um im Gegenzug Renditen zu erhalten, die von Gebern, NGOs oder Regierungsbehörden finanziert werden, wenn – und nur wenn – die Ziele, auf die man sich zuvor geeinigt hatte, auch wirklich erreicht wurden. 

Impact-Anleihen mit Rendite

Mit einer derartigen Anleihe werden beispielsweise Bemühungen finanziert, Mädchen im indischen Bundesstaat Rajasthan den Besuch einer Schule und deren Absolvierung zu ermöglichen. Abhängig von Anwesenheitsquoten und dem Erfolg bei der Vermittlung von rechnerischen und sprachlichen Fähigkeiten, bezahlt die Stiftung Children’s Investment Fund Foundation den Anleiheinhabern eine Rendite. Mit derartigen Programmen, so hofft man, werden Modelle geschaffen, die anderswo nachgeahmt und in grösserem Rahmen umgesetzt werden.

Eine weitere vielversprechende Gelegenheit sind Investitionen während der risikoreichsten Phasen des Entwicklungsprozesses neuer Medikamente: also im Zeitraum zwischen Grundlagenforschung und klinischen Studien an Menschen, für den es traditionellerweise schwierig ist, an Finanzierung heranzukommen. Tatsächlich stehen 1 Million Dollar, die in dieser Phase ausgegeben werden, etwa 8 Millionen an Ausgaben für Grundlagenforschung und weitere 20 Millionen Dollar für klinische Studien gegenüber.

Pharmafirmen sollten innovativer forschen

Die Präsentation von Quartalsergebnissen, Echtzeit-Preisgestaltung und ständige Kontrolle durch die Aktionäre drängen Pharmaunternehmen zu Projekten mit klaren, unmittelbaren Ergebnissen – zu Lasten stärker spekulativer, aber potenziell bahnbrechender Forschung. Angesichts der Rekordtiefstände der Zinssätze in weiten Teilen der Industrieländer haben die grossen Akteure des Finanzsystems die Gelegenheit – und ich würde hinzufügen: die Verantwortung – einen Beitrag zu leisten, diese Kluft zu überwinden. Neben der starken sozialen Wirkung würde eine Investitionsstrategie im Sinne der Patienten in diesem Bereich langfristig auch hohe finanzielle Erträge bieten.

In der Finanzindustrie besteht vielerorts ein starker Wunsch, Investitionen zur Verbesserung der Welt zu tätigen. Die Revolution in der Philanthropie wird erst dann wirklich von Erfolg gekrönt sein, wenn wir erkennen, dass wir keine Milliardäre sein müssen, um etwas zu bewirken.

* Jürg Zeltner ist Chef der Vermögensverwaltung der UBS.

Copyright: Project Syndicate, 2016. www.project-syndicate.org

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