Kommt es nach der Corona-Krise zu einer Inflation oder zu einer Deflation? Wie schwierig diese Frage zu beantworten ist, zeigen die unterschiedlichen Meinungen der Experten. Wenn Notenbanken Geld drucken, erzeugen sie Inflation. Dies ist der häufigste Satz derer, die ein Eingreifen der Zentralbanken in die Wirtschaft befürchten: Wenn sie mehr Geld auf den Markt bringen – und damit in die Taschen der Menschen und Unternehmen –, wird die Nachfrage steigen und damit auch die Preise.

Doch noch ist das Gegenteil der Fall: Die Corona-Pandemie hat nicht nur einen Angebots-, sondern auch einen Nachfrageschock ausgelöst. Der Konsum ist durch den Lockdown auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten und auch die Rohstoffpreise sind stark gefallen. Eine Inflation scheint also die letzte unserer Sorgen zu sein.

So fiel die Inflation in den reichsten Ländern der Welt – zusammengefasst in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – von 2,4 Prozent im Januar auf 1,7 Prozent im März. In der Schweiz sind die Konsumentenpreise seit Anfang des Jahres immer weiter gesunken: Im April lagen sie bei minus 1,1 Prozent. Mit einem Anstieg der Preise in den positiven Bereich rechnet die SNB erst im kommenden Jahr.

Gefahr einer Deflation 

Haben wir es also mit einer Deflation zu tun? Zumindest könnte das ein grosses Problem werden. Eine Deflation entsteht, wenn die Konsumenten ihre Einkäufe in Erwartung niedrigerer Preise in der Zukunft aufschieben. Unternehmen könnten die Löhne senken, um mit der Preissenkung fertigzuwerden, was einen Teufelskreis in Gang setzen würde.

Bei all dem Schaden, den die Pandemie der globalen Gesundheit und Wirtschaft zugefügt hat, klingen sinkende Preise eigentlich wie eine gute Nachricht. Denn wenn Menschen Arbeit und Einkommen verlieren, wäre es umso schlimmer, wenn Waren teurer würden. Wieso sinken die Preise überhaupt? Der durch die Pandemie ausgelöste Nachfrageschock und der starke Rückgang des Ölpreises drücken die Preise nach unten. 

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Sinken die Preise weiter, besteht die Gefahr einer Deflation – was wiederum neue wirtschaftliche Sorgen hervorrufen und möglicherweise die Rezession in eine Depression verwandeln könnte. So weit die Meinungen derzeit unter Ökonomen auseinandergehen, eins ist klar: Deflation ist schlecht und sollte um jeden Preis vermieden werden. Ein Negativbeispiel ist Japan: Seit den 1990er Jahren leidet das Land unter einer stagnierenden Wirtschaft und Deflation.

Weniger Konsum und Investitionen

Die Konsumausgaben sind ein wichtiger Treiber der Wirtschaft. Fehlt die Nachfrage, wächst die Wirtschaft nicht. Wenn die Menschen glauben, dass die Preise fallen werden, neigen sie dazu, nicht notwendige Käufe aufzuschieben in der Hoffnung, dass die Dinge in den kommenden Monaten weniger kosten werden.

Die schwache Nachfrage zwingt Unternehmen wiederum, die Preise zu senken und dann ihre Kosten durch den Abbau von Arbeitsplätzen und Löhnen zu reduzieren, was das Deflationsproblem noch verschärft. Viele hatten schon vor der Pandemie Schwierigkeiten, ihre Umsätze zu steigern, und werden ihre Preise nicht mehr viel weiter senken können, ohne Gewinneinbussen hinnehmen zu müssen. In den nächsten Jahren wird der Schuldenabbau dann Vorrang vor neuen Ausgaben haben. Vermutlich schrammen wir deshalb nur knapp an einer Deflation vorbei.

Hier kommt auch die steigende öffentliche und private Verschuldung ins Spiel: Bei einer Deflation steigen die Kosten der Schulden. In einer Welt mit einer Rekordverschuldung könnte dies zu einem sehr ernsten Problem werden – trotz rekordtiefen Zinsen.

Deflation vs. Inflation

Wann kommt die Inflation zurück? Die Preise werden erst wieder zu steigen beginnen, wenn das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt halten kann. Längerfristig könnte die Inflation also ansteigen, wenn die staatlichen Konjunkturmassnahmen zur Bekämpfung der Rezession fruchten und die Nachfrage wieder ankurbeln. Sollten aber die globalen Lieferketten infolge der Corona-Pandemie über längere Zeit gestört sein, bleibt das Angebot hinter der Nachfrage zurück. Auch wenn die Ölpreise nach dem jüngsten 20-Jahres-Tief wieder deutlich anziehen, steigt die Inflation. Und dies ist in den kommenden Wochen und Monaten zu erwarten, denn immer mehr Menschen können wieder zurück zur Arbeit und werden auch wieder anfangen zu reisen.

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Doch ein Anstieg der Inflation ist, wenn überhaupt, erst längerfristig zu erwarten. Die unmittelbare Gefahr ist ein weiteres Abrutschen der Preise. Wenn Unternehmen und Konsumenten erwarten, dass Waren und Dienstleistungen immer günstiger werden, schieben sie viele Ausgaben auf. So kann sich die Deflation verfestigen und die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. In einer Welt mit so hohen Schulden ist die Aussicht auf eine Deflation daher sehr viel schlechter als eine Inflation.