Die britische Wirtschaft ist wahrscheinlich zum ersten Mal seit der Coronavirus-Krise Anfang 2021 geschrumpft. Das erhöht den Handlungsdruck auf die Kandidierenden für das Amt des Premierministers.

So ist das Bruttoinlandprodukt für das zweite Quartal wohl um 0,2 Prozent geschrumpft, wie aus einer Bloomberg-Umfrage unter Ökonomen hervorgeht. Die Umfrage hat im Vorfeld der offiziellen Zahlen stattgefunden. Diese sollen erst im Laufe der Woche veröffentlicht werden.

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Der Wirtschaftsrückgang würde eine Pause in der Erholung von der Pandemie und den Beginn eines länger anhaltenden Abschwungs markieren. Diese Pause soll nach Einschätzung der Bank of England (BOE) bis Anfang 2024 andauern.

Nachfolge von Boris Johnson gerät unter Druck

Diese Aussichten bringen das Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson als Vorsitzender der regierenden konservativen Partei und Premierminister in Aufruhr.

Liz Truss und Rishi Sunak, die in dem Rennen, das im September zu Ende gehen soll, miteinander konkurrenzieren, haben am Wochenende für ihre Ideen geworben, um zu helfen. Die Zentralbank prognostizierte in der vergangenen Woche, dass die Inflation in diesem Jahr über ein 40-Jahres-Hoch hinaus auf mehr als 13 Prozent ansteigen wird, was die Kaufkraft der Verbraucher stark beeinträchtigt.

Der ehemalige Premierminister Gordon Brown und der ehemalige Chefökonom der BOE, Charlie Bean, sprachen sich am Wochenende für ein Hilfspaket aus, das den am stärksten Betroffenen helfen würde. Sie sagen, dass die Massnahmen, die Johnsons Regierung Anfang des Jahres vorgelegt hat, nicht ausreichen.

«Das Hauptpaket für die Haushalte hatte einen Wert von etwa 15 Milliarden Pfund, und es gibt sicherlich Gründe für ein weiteres Paket in dieser Grössenordnung», sagte Bean in einem Interview mit Times Radio.

Fast die Hälfte der Haushalte könnte in Energiearmut abrutschen

Brown forderte einen Nothaushalt und warnte davor, dass fast die Hälfte aller Haushalte in diesem Winter in die Energiearmut abrutschen werde, weil die Kosten für Strom und Gas stark gestiegen seien.

«Eine finanzielle Zeitbombe wird für Familien im Oktober explodieren, wenn eine zweite Runde von Brennstoffpreiserhöhungen innerhalb von sechs Monaten Schockwellen durch jeden Haushalt schickt und Millionen über den Rand drängt», schrieb Brown in der Zeitung «Observer». Am Montag soll er bei ITV auftreten.

Die Äusserungen und die Aussicht auf steigende Erdgaspreise erhöhen den Druck auf Truss und Sunak, zu erklären, was sie zur Wiederbelebung der Wirtschaft tun würden. 

Liz Truss will sofortige Steuersenkungen

Liz Truss, die Spitzenkandidatin, hat gesagt, sie würde sofortige Steuersenkungen durchsetzen, um zu helfen. Sunak, der ehemalige Schatzkanzler, sagt, dass diese Massnahmen zu lange dauern würden und den Bedürftigsten nicht ausreichend helfen würden.

Eine YouGov-Umfrage, die auf der Titelseite der neuesten Ausgabe der «Times» veröffentlicht wurde und Sunak unterstützt, ergab, dass die meisten Wählerinnen und Wähler es vorziehen würden, wenn sich der nächste Premierminister, die nächste Premierministerin auf die Bekämpfung der Inflation und der drohenden Lebenshaltungskostenkrise konzentrieren würde, anstatt die Steuern zu senken.

Grossbritannien könnte dieses Jahr in eine Rezession eintreten

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern sich rapide, da der Inflationsanstieg Unternehmen und Verbraucher dazu veranlasst, bei ihren Ausgaben zurückhaltender zu sein.

Der BIP-Bericht wird wahrscheinlich zeigen, dass die Wirtschaft allein im Juni um 1,2 Prozent geschrumpft ist, was zum Teil auf die Feiertage anlässlich des Jubiläums von Königin Elisabeth II. zurückgeführt wird. 

Die BOE warnte letzte Woche, dass das Vereinigte Königreich wahrscheinlich im vierten Quartal dieses Jahres in eine Rezession eintreten und im gesamten nächsten Jahr weiter schrumpfen wird. 

Die Energiepreise sind der grösste Faktor, der die Haushalte belastet. Ab Oktober dürfen die Versorgungsunternehmen 4000 Pfund oder 4860 Dollar pro Jahr für die durchschnittliche Strom- und Gasrechnung verlangen. Das ist so viel wie noch nie und fast viermal so viel wie vor einem Jahr.

Die BOE erklärte letzte Woche, dass die Gasfutures jetzt etwa doppelt so hoch sind wie im Mai, was die Inflationsprognosen der Zentralbank stark ansteigen liess.

Truss will Rezession verhindern

Liz Truss verbrachte das Wochenende damit, die Aufmerksamkeit auf ihr Versprechen einer sofortigen Steuersenkung zu lenken, und sagte, dass diese Massnahme dazu beitragen könnte, eine Rezession zu verhindern.

«Ich glaube nicht daran, dass wir uns mit dem Niedergang unseres grossen Landes abfinden oder die Unvermeidbarkeit einer Rezession hinnehmen müssen», schrieb Truss im «Sunday Telegraph».

Sie würde diese Gelegenheit nutzen, um die Lebenshaltungskostenkrise sofort anzugehen: «Indem ich die Steuern senke, den Anstieg der Sozialversicherung rückgängig mache und die Ökosteuer auf Energierechnungen aussetze.»

(Bloomberg/bsc)