Als vor kurzem Australien brannte, waren die Leute schockiert und die Feuerwehren ohnmächtig. Jetzt schaut Australien – es hat derzeit bloss 300 Covid-19-Fälle – nach Europa und in die Schweiz und hält den Atem an. Wer löscht hier den Brand?

Die kurze Antwort: Es ist noch nicht abzusehen. Zwar wird das Virus in ein paar Wochen eingedämmt sein, aber die Folgen werden uns länger beschäftigen.

Am stärksten brennt es in der Gastronomie, im Tourismus, im Non-Food-Detailhandel, in der Kultur, im Event- und im Sportbereich; das sind insgesamt 100'000 bis 200'000 Firmen. Diese Betriebe stehen seit Montag per Bundesdekret still. Sie wurden in vielen Fällen unvermittelt getroffen. Ihr Umsatz sinkt auf null.

Der Bund will helfen

Und trotzdem laufen für sie die Zahlungsfristen für Mieten, Löhne der Festangestellten und Waren von Lieferanten. Der Staat fordert Gebühren ein, die Stromrechnung will bezahlt werden. In diesen direkt betroffenen Sektoren könnte es bald zu Konkursen wegen fehlender Mittel kommen, selbst wenn sie zuvor rentabel waren.

Um diesen Brand zu löschen, arbeitet das Wirtschaftsdepartement an einer Lösung, so etwa an einem Milliardenkredit für Bankbürgschaften zugunsten notleidender KMU. Er soll am Freitag präsentiert werden.

Die Gefahr eines Flächenbrands besteht in der inländischen Produktion, ob Maschinenbau, Elektro, Autozulieferer, Uhren oder Pharma. Sollte es zu Lieferunterbrüchen kommen, dürften ein Drittel dieser Firmen ebenfalls wegen fehlender Liquidität ins Schlingern kommen.

Sollten sie nicht mehr in der Lage sein, ihre Bankkredite zu bedienen, dürften Banken mit hineingezogen werden. Schrumpft deren Kapitalbasis unters gesetzliche Minimum, würde es zu Bail-outs à la UBS-Rettung kommen.

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Doch dafür gibt es jetzt keine Anzeichen. Der Brand ist noch klein, die Feuerwehr nicht am Limit. Doch sollte der Stillstand länger als sechs bis acht Wochen dauern, könnte es düster werden – so wie am Himmel über Australiens Bränden. (val)

Tourismus und Aviatik: Erholung kommt – aber erst mal überleben

Kaum eine andere Schlagzeile fasst so gut zusammen, was in der Reiseindustrie geschieht: «The Day the World Stopped Traveling», titelte der Online-Dienst Skift. Tatsächlich: Mit Grenzschliessungen, Airline-Teil-Groundings und verfügtem Gastro-Shutdown bricht den Anbietern jede Grundlage weg.

Dass etwa Europas grösster Reisekonzern TUI sein weltweites Reiseprogramm bis am 27. März aussetzt, ist ein Schritt, den sich so noch bis vor kurzem niemand je hätte vorstellen können, ebenso der Ruf der Swiss nach Staatshilfe. Was es aktuell noch zu tun gibt, ist das Gegenteil von allem, was Touristiker gerne tun: Reiseabsagen bearbeiten, Rückholaktionen aufgleisen. Für den Schweizer Tourismus, der gemäss CS-Zahlen 19 Milliarden Franken oder rund 3 Prozent zur Schweizer Wirtschaftsleistung beiträgt, ist die Situation besonders bitter.

Eben noch schaffte es die Branche aus einem mehrjährigen Loch und hatte allen Grund zur Annahme, dass 2020 ein Spitzenjahr werden würde. Jetzt geschieht das Gegenteil.

Einziges Licht am Ende des Tunnels: Es steht ausser Frage, dass ein Rebound kommen wird. Wenn sich die Lage normalisiert hat, wird die Reiselust neu erwachen. Wenn auch eventuell mit einer gewissen Verzögerung, weil Arbeitskräfte vielerorts zunächst wieder in die produktive Phase müssen, bis sie Reisen antreten können. Bis dahin gilt es für die kleinmargige Branche, zu überleben. Mit Kurzfrist-Kredit, Kurzarbeit und mit Staatshilfe. (ag)

Uhrenindustrie: Jetzt rächen sich die bisherigen Versäumnisse

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Überleben in der Nische: Uhrmacher bei der (Hand-)Arbeit.

Quelle: Marvin Zilm

Die gute Nachricht: Die bekannten Schweizer Uhrenmarken wie Rolex, Omega, Longines, Patek Philippe, IWC, Breitling oder Audemars Piguet wird es auch nach der Corona-Krise noch geben. Sie bleiben begehrte Luxusgüter. Und auch die relevanten Uhrenhändler wie Bucherer, Kirchhofer/Embassy, Gübelin oder Les Ambassadeurs werden sich nach dem schmerzhaften Lockdown des Handels aufrappeln.

Die wichtigen Akteure der Branche werden 2020 als Annus horribilis abbuchen müssen. Sie sind aber nicht in ihrer Existenz bedroht. Doch die aktuelle Krise zeigt die Versäumnisse der Branche schonungslos auf: Die Marken sind im Schnitt nach wie vor zu mehr als 80 Prozent abhängig von Händlern und Grosshändlern, um ihre Produkte zu den Konsumenten zu bringen.

Wer jetzt keinen E-Shop am Start hat, macht keinerlei Umsatz. Ausserdem sind die Marken zu 40 bis 60 Prozent abhängig von den Kauflaunen asiatischer Touristen, vornehmlich solchen aus China. Doch jetzt ist das Reisen eingeschränkt und wird wohl erst in Jahren auf das Vorkrisenniveau zurückgehen.

2020 wird, verstärkt durch die Viruskrise, also ein Jahr der Selektion: Die Polarisierung der Branche in wenige florierende globale Luxus-Brands und viele kleine Marken ohne eigenständige Positionierung und damit wenig Zukunft wird sich akzentuieren. Doch mit dem Rückzug der Branche aus dem Massengeschäft gefährdet sie ihre Basis – die industrielle Produktion in der Schweiz – mehr, als es die Corona-Seuche tut. (spm)

Industrie: Anhaltender Krisenmodus mit Lichtblicken

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Trübe Aussichten für die Industrie: Der Zielmarkt China könnte sich aber als erster erholen.

Quelle: LAURENT GILLIERON

Die Maschinen- und Elektroindustrie sah sich schon 2019 mit weniger Geschäft konfrontiert. Sowohl bei Aufträgen (minus 10,6 Prozent) als auch bei Umsätzen (minus 4,5 Prozent) und Exporten (minus 2,1 Prozent). Der Einkaufsmanager-Index – Frühindikator für die künftige Entwicklung – wies bereits im Februar auf einen weiteren Negativtrend hin. Dabei sind die Auswirkungen von Corona erst in Ansätzen berücksichtigt. Drei Beispiele: Der Automatisierungskonzern Mikron schreibt von «schwierigen Aussichten für Umsatz und Rentabilität 2020».

Der Hörgerätehersteller Sonova stoppt als Vorsichtsmassnahme sein Aktienrückkaufprogramm. OC Oerlikon rechnet mit kurzfristigen «Einschränkungen für Produktionsstandorte und Logistik». Wobei Oerlikon auch von der zeitversetzten Ausbreitung des Virus profitiert – China war früher dran und kann stellenweise schon wieder die Produktion aufnehmen. Das hilft: Oerlikon gewann soeben drei Aufträge in China für 600 Millionen Franken.

Fraglich bleibt für alle Industriebetriebe, wie sich die Unterbrüche in den europäischen Lieferketten auswirken. Gemäss Swissmem besteht dadurch ein erhebliches Risiko, dass die ohnehin schon schwache Industriekonjunktur noch stärker gebremst wird. Man rechnet derzeit mit einem Basisszenario von drei bis sechs Monaten Krise. Kurzund mittelfristig liegt die Hauptherausforderung bei den Liquiditätsengpässen. Instrument der Stunde ist die Kurzarbeit. In der Industrie hat bereits eine Zunahme stattgefunden, die Gesuche werden mehr. (fib)

Banken: Besser aufgestellt als 2008, aber vor Infektion nicht gefeit

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UBS und CS: 65 Milliarden Franken Firmenkredite in den USA.

Quelle: ALESSANDRO DELLA BELLA

Im Gegensatz zur Krise 2008, als das Systemversagen der Finanzbranche die Realwirtschaft in Schockstarre versetzte, ist es nun andersherum: Der Corona-bedingte Lockdown tangiert fast alle Branchen weltweit, sei es über fehlende Nachfrage oder mangelnden Nachschub aufgrund unterbrochener Lieferketten.

Der externe Schock trifft indirekt auch die Schweizer Banken – insbesondere im Kreditgeschäft mit Firmenkunden. Aufgrund des Corona-Lockdowns bricht die Ertragsbasis der Firmen weg. Sie leben von der Substanz, bis sie irgendwann ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Es kommt zu Kreditausfällen. Die Banken müssen die faulen Kredite in ihrer Bilanz abschreiben, die Solvenz leidet. Im schlimmsten Fall zehren die Kreditabschreiber die Eigenkapitalbasis ganz auf.

Es braucht frisches Geld von Investoren oder vom Staat, um zu überleben. Allerdings sind die hiesigen Finanzinstitute heute – auf massiven Druck der Regulatoren – besser kapitalisiert als noch vor der Finanzkrise 2008. Trotz erhöhter Widerstandskraft sind vor allem die beiden Grossbanken, UBS und Credit Suisse, weiterhin exponiert.

Der Finanzstabilitätsbericht der Nationalbank von 2019 ortet Risiken: «Eine Verschlechterung der Kreditqualität in den USA könnte zu substanziellen Verlusten der Grossbanken auf Unternehmenskrediten führen.» So hatten CS und UBS ungedeckte Forderung in den USA über 65 Milliarden ranken ausstehend. Hierzulande beliefen sich die Firmenkredite auf 50 Milliarden Franken. Die systemrelevanten Inlandbanken sind vor allem bei Hypotheken exponiert und weniger stark im Firmenkreditgeschäft. (mil)

Versicherungen: Die Kosten bleiben nicht an den Versicherern hängen

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Für die meisten Versicherer ist die Ansteckungsgefahr klein.

Quelle: WALTER BIERI

Das Coronavirus wirkt sich auch auf die Versicherer aus. Sollte es zu einer Absage der Olympischen Spiele von Tokio kommen, dürften die Rückversicherer Munich Re und Swiss Re mit Forderungen im tiefen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich konfrontiert werden. Auch Reise- und Lebensversicherungen werden zusätzliche Schadenfälle verbuchen.

«Insgesamt werden sich diese Aufwände aber in Grenzen halten», schätzt ZKB-Analyst Georg Marti. Der Grund: In vielen Policen sind Leistungen aufgrund einer Virenpandemie ausgeschlossen. Das gilt für Versicherungen gegen Betriebsunterbrüche, aber auch für die beliebten Reiseversicherungen. Meist decken diese nur Kosten, wenn der Versicherte selbst am Coronavirus erkrankt.

Die Pandemie an sich ist als Versicherungsgrund meist ausgeschlossen. Das gilt auch für behördlich verordnete Reiseverbote wie in den USA. Baloise-Chef Gert De Winter rechnete vergangene Woche mit Mehrkosten im «tiefen zweistelligen Millionenbereich». Kostenfolgen seien weniger im technischen Versicherungsgeschäft als im Anlagegeschäft zu erwarten, sagt Analyst Marti.

Bei den Aktien, die nur einen geringen Teil der Asset Allocation der Versicherer ausmachen, sei zwar mit gewissen Abschreibungen zu rechnen. «Deutlich grössere Verluste könnten jedoch bei den Obligationen resultieren, vor allem wenn es zu Ausfällen von Emittenten kommt.» Im Fokus stehe das BBB-Segment der Unternehmensanleihen. Existenzbedrohende Verluste sind wohl eher unwahrscheinlich. Die meisten Versicherer übertreffen die Kapitalanforderungen deutlich – teilweise um ein Mehrfaches. (hec)

Pharma: Was, wenn der Nachschub ausbleibt?

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Produktion von Pharmazeutika: Die Lieferketten greifen nicht mehr ineinander.

Quelle: MARTIN RUETSCHI

Viele Industrien bangen, weil beides gleichzeitig droht: eine Nachfragekrise, weil der Konsum einbricht, und eine Angebotskrise, weil Güter nicht mehr geliefert werden können. Das ist bei der Pharmaindustrie anders: Sie ist in einem Moment wie diesem ganz besonders gefragt – als Hoffnungsträgerin für einen Impfstoff oder wirksame Medikamente gegen Covid-19, aber auch allgemein für die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten. Die Risiken liegen hier ganz bei den Wertschöpfungsketten. Einer Studie von BCG zufolge kommen 80 Prozent der Wirkstoffe aus aller Welt, darunter die meisten Generika, also die für die Versorgung unerlässlichen Nachahmermedikamente – wobei China und Indien eine zentrale Rolle spielen. Ein Covid-19-Ausbruch in Indien könnte deshalb die durch die Ausfälle in China ohnehin schon beeinträchtigten Wertschöpfungsketten weiter gefährden.

Komplexere biologische Medikamente werden hauptsächlich in den USA und in Europa hergestellt. Aus Sicht der Industrie gibt es zwei Gefahren – und beide sind dramatisch. Offensichtlich ist das Risiko, dass die Medikamentenversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann – mit all den Folgen, die das für die Patienten hätte. Und dann gibt es die zweite, weniger offensichtliche Gefahr, dass klinische Studien scheitern, etwa weil die Gesundheitssysteme überlastet sind. Das heisst, grosse Investitionen – die klinischen Studien zählen zu den grössten Kostenfaktoren der Industrie – wären unwiederbringlich verloren. (rai)

Autozulieferer: Kurzarbeit und Liquidität sind dringend gefragt

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Schweizer Autozulieferer müssen schleunigst ihre Liquidität sichern können.

Quelle: VCG

Schweizer Autozulieferer sind alarmiert. Allerdings war die Lage schon vor Ausbruch der Corona-Krise angespannt. Insbesondere infolge der Handelsstreitigkeiten zwischen den Schweizer Hauptzielmärkten USA, China und EU sowie des Preisdrucks in der Branche. Aber auch infolge der Umstellung auf alternative Antriebe, was ebenfalls zur Überlebensfrage für Autozulieferer geworden ist.

Von den erschwerten Bedingungen im aktuellen Krisenfall betroffen sind in der Schweiz 574 Betriebe, 34'000 Mitarbeitende und ein Gesamtumsatz von gut 12 Milliarden Franken. Wie es in den kommenden Monaten aussehen wird, hängt davon ab, wie viele Hersteller ihre Werke sperren und wie viele Mitarbeitende zu Hause bleiben müssen. «Wenn zu viele am Produktionsprozess nicht mehr teilnehmen, dann steht die Lieferkette still. Und diese ist eng verzahnt. Das zieht sich dann durch bis zur Absatzseite», sagt Anja Schulze, Leiterin des Swiss Center for Automotive Research.

Was es jetzt braucht: mehr Investitionen in F&E. Aber: Die aktuelle Krise könnte das Kapital der in diesem Bereich überwiegenden KMU auffressen. Das Geld dafür könnte fehlen, weil es zum Überleben dringender gebraucht wird. Was der Staat tun kann: Kurzarbeit unterstützen, Steuerentlastungen für die betroffenen Betriebe und deren Liquidität sichern. Das ist insbesondere für die Zeit danach nötig, wenn die Betriebe wieder hochfahren und dafür Geld benötigt wird. Denn: «Die finanziellen Polster der Betriebe sind nicht überragend», warnt Schulze. (fib)

Detailhandel: Online boomt – aber was wird aus den Innenstädten?

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Schweizer Supermärkte: Müssen sich gegen Hamsterkäufe wehren.

Quelle: CHRISTIAN BEUTLER

Die Wasserstandsmeldungen aus dem Detailhandel könnten unterschiedlicher nicht sein: Offline-Lebensmittelmärkte werden gestürmt und müssen sich gegen Hamsterkäufe wehren. Online ist der Boom gar so gross, dass selbst langjährig etablierte Anbieter wie Le Shop oder Coop@home nicht mehr nachkommen mit Lieferungen.

Und wenn US-Riese Amazon 100'000 Jobs ausschreibt, ist die Botschaft klar: Jetzt strömen die Retailumsätze noch stärker in den Online-Kanal. Wenn es den Digitalhändlern denn auch gelingt, einen entsprechenden Service zu bieten und nicht der Ruf als Verspätungsweltmeister an ihnen hängen bleibt.

Auf der anderen Seite ist die Lage für den Non-Food-Sektor, für Ketten wie auch für den Fachhandel, extrem heikel: Möbelhäuser, Fachmärkte, Baumärkte – geschlossen. Einkaufszentren: Was nicht zur Grundversorgung gehört – abgeriegelt. In den Innenstädten trifft es Modeboutiquen, Elektronikanbieter, Spielzeughändler – einfach alle, die ausserhalb des Lebensmittel- und Arzneimodus funktionieren.

Wie die Online-offline-Balance im 100 Milliarden Franken schweren Schweizer Detailhandel zum Schluss ausfällt, ist das eine. Das andere: Was geschieht mit den Händlern in den Innenstädten? Personal und Miete sind in der Regel ihre grössten Kostenblöcke. Bei Ersterem könnte die Öffentliche Hand helfen. Bei den Mieten sind die Eigentümer gefragt: Werden sie mit Mietaufschub dazu Hand bieten, dass das Leben in der City dereinst auferstehen kann? (ag)