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Neuland
Die Banken stehen vor dem grossen Umbruch

Weniger Einnahmen, mehr Auflagen, neue Konkurrenz: Das traditionelle Bankgeschäft ist passé, ein neues Banksystem zeichnet sich ab – und die Gesamtwirtschaft profitiert.

Von Simon Schmid
am 20.08.2015

«Too Much Finance?» So lautete der Titel eines IWF-Forschungspapiers der drei Ökonomen Jean-Louis Arcand, Enrico Berkes and Ugo Panizza aus dem Jahr 2011.

Die Studie wirbelte einigen Staub auf. Die Wissenschafter wiesen darin nach, dass der Finanzsektor ab einer gewissen Grösse mehr volkswirtschaftlichen Schaden als Nutzen anrichten würde. Das BIP wächst lang­samer, wenn die Kreditmasse zu gross wird: Eine Frontalattacke auf J. P. Morgan, Citigroup, UBS & Co.

Starke Finanzbranche ist kein Vorteil

Zu ähnlichen Ergebnissen kam jüngst ein Forscherteam um die IWF-Direktorin Ratna Sahay. Die Finanzinfrastruktur von Ländern wie Polen genügt vollauf, lautet ihre Erkenntnis. Staaten, in denen Bankenwesen und Finanzmarkt verhältnismässig mehr Ressourcen verschlingen – wie etwa Irland, die USA, Japan und zweifellos auch die Schweiz –, wachsen deswegen nicht schneller. Im Gegenteil: Die Wirtschaftsentwicklung wird langsamer und unregelmässiger.

Der wenig schmeichelhafte Befund kommt nicht von ungefähr. Dies legen Zahlen zur Bedeutung der Finanzindustrie über die Zeit nahe. Der historische Anteil am BIP liegt in den USA bei knapp 4 Prozent. So gross war die direkte «Wertschöpfung» von Banken, Börsen und anderen Finanzfirmen im Durchschnitt.

Finanzsektor blähte sich auf

Der Wert wurde während der Belle Epoque und auch um 1970 etwa erreicht. Bis zur Finanzkrise stieg die Bedeutung der Finanzindustrie dann auf 8 Prozent. Banken und andere Finanzplayer nahmen für ihre Dienste einen immer grösseren Teil der gesamtwirtschaftlichen Ausgaben in Anspruch.

Doch der positive Effekt auf das Wachstum blieb aus. Seit der Finanzkrise stottert die globale Wirtschaft von Quartal zu Quartal, selbst Vorzeigeländer wie die USA bleiben historisch gesehen schwach.

Wem nützt die überdimensionierte Finanzbranche überhaupt noch? Diese fundamentale Frage stellen sich nicht bloss Akademiker. Sondern, nebst Occupy-Aktivisten, zunehmend auch Regulatoren, Silicon-Valley-Unternehmer und Banker selbst. Fundamentale Veränderungen zeichnen sich ab.

Schrumpfkur der Titanen

Gesetzgeber haben seit der Finanzkrise wesentliche Parameter angepasst. Riskante Geschäftsbereiche wie der Eigenhandel erfordern mehr Eigenkapital – Zocken auf Pump ist teurer geworden. Wegen der neuen Regeln haben sich Banken wie die UBS bereits aus Teilen des Investment Banking zurückgezogen. Es sind Teile, die nicht mehr profitabel sind.

Der Markt wurde konsolidiert. Laut der Beratungsfirma McKinsey sind die weltweiten Einnahmen im Banking seit 2008 bereits um 1 Prozentpunkt gesunken – von knapp 6 auf unter 5 Prozent am globalen BIP. Bei McKinsey schätzt man, dass dies so bleibt: Schuldenabbau und strengere Regulierungen bleiben Bremsklötze für das Banking.

Banker rühren Top-Löhne nicht an

Der Rückgang bedeutet für die Finanzindustrie, dass mindestens einer von drei Faktoren abnehmen muss: Das in den Finanzunternehmen gebundene Sachkapital, die Anzahl beschäftigter Arbeitnehmer oder der Profit. Theoretisch. In der Praxis fand ­bisher eine Mischung statt.

Banken haben Büros verkleinert und Mitarbeiter auf die Strasse gestellt, um sinkende Einnahmen zu kompensieren. Und um gleichzeitig die Löhne für die verbleibenden Banker möglichst hochzuhalten.

Künftige Regulierungsvorhaben – wie etwa die erwartete Revision der «Too big to fail»-Gesetze in der Schweiz – werden Grossbanken zwingen, ihre Geschäfte mit noch mehr Eigenkapital statt mit künstlich verbilligtem Fremdgeld zu finanzieren. Dies wird manche riskanten Aktivitäten noch weniger attraktiv machen und die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Banking weiter schmälern.

Angriff der IT-Freaks

Noch vor fünf Jahren war das Wort «Fintech» in der Schweizer Presse inexistent. Inzwischen ist der Begriff in aller Munde. Fast schon im Wochenrhythmus tauchen neue Startups auf, die das Finanz­gewerbe aufmischen wollen.

Sie tragen Namen wie TrueWealth, Klimpr oder Advanon und wollen den etablierten Banken die Kundschaft mit neuartigen Apps abjagen. Ihre Geschäftsmodelle sind so unterschiedlich wie das Crowdlending (die Vermittlung von Krediten über Online-Plattformen), das Social Investing (followerbasiertes Investieren) oder das Robo-Advisory (Wealth Management mittels Algorithmen).

Banken braucht es weiterhin

Wachsame Banken können die Entwicklung für sich nutzen. Nicht jedes Startup wird sich durchsetzen: Einige Fintechs werden Erfolg haben, andere wieder in der Versenkung verschwinden. Beste­hende Banken, denen selbst die Innovationskultur fehlt, dürften manche der neuen Mitspieler auch einfach aufkaufen – um ihr bisheriges Geschäft in die neue Digitalära überzuführen.

Übrigens steht auch nicht jedes Fintech in Konkurrenz zur Indus­trie. Selbst die Bezahlsoftware Apple Pay ist bislang nicht mehr als eine Schnittstelle zwischen Nutzer und Bank beziehungsweise Kreditkartenfirma.

Die Bedeutung schwindet

Unter dem Strich zeichnet sich dennoch ab: Der volkswirtschaftliche Stellenwert der Finanzindustrie wird weiter schwinden. Fintechs sind effizienzgetrieben: Sie ersetzen alte Methoden – zum Beispiel Beratungen von Person zu Person – durch automatische Abläufe.

Statt des Angestellten arbeitet die Software, statt eines Anlagekomittees entscheidet die Crowd. Das ist billiger und wettbewerbs­inten­siver als das traditionelle Geschäft.

Blöcke von Bits und Bytes

Als wohl einflussreichste Neuerung könnte sich die Blockchain herausstellen. So heisst die Technologie, welche der Kryptowährung Bitcoin zugrunde liegt. Teilnehmer an diesem Währungssystem koordinieren über die Blockchain, wer zu welchem ­Zeitpunkt wie viele Bitcoin-Einheiten besitzt und welche Zahlungen ausgeführt wurden.

Das System ist dezentral, fälschungssicher und vollständig offen: Jede Transaktion, die in der Bitcoin-Geschichte ­jemals stattgefunden hat, ist in der Blockchain auf ewig registriert.

Revolutionäre Idee

Thomas Dapp, ein Forscher bei der Deutschen Bank, bezeichnet die Blockchain als «eine der ersten wirklich disruptiven Ideen aus dem Fintech-Bereich».

Banker wie Blythe Masters sehen dies ähnlich. Die ehemalige Chefin des Rohstoffhandels bei J. P. Morgan und einstige «Erfinderin» der Credit ­Default Swaps (eines Typus von Wertpapieren, die eigentlich nützlich sind, aber während der Finanzkrise zu zweifelhaften Ehren gekommen sind) hat diesen Frühling als CEO bei Digital Asset Holdings angeheuert – einer Firma an der Schnittstelle zwischen Banken und Bitcoin.

Revolutionär an der Blockchain ist: Die Technologie ersetzt jene Aktivität, die seit dem 16. Jahrhundert die Raison d’être von Banken ist – das Führen von Kontoregistern, das gegenseitige Clearing von Transaktionen. Deshalb ist Bitcoin auch «disruptiv». Es dringt ins angestammte Kernterritorium der Banken ein, in den Zahlungsverkehr.

Die totale Ersetzbarkeit

Damit sind eigentlich alle Voraussetzungen gegeben, um die Finanzwelt komplett umzukrempeln. Der Totalumbau des Systems ist heute keine Science-Fiction mehr: Man nehme die Blockchain als Basis für ein dezentrales Peer-to-Peer-Zahlungs­system. Dazu Online-Plattformen wie Cashare als ­Ersatz für das klassische Kreditgeschäft. Plus eine Reihe von webbasierten Vermögensdienstleistern wie Wikifolio. Und neue Handy-Apps für individuelle Zahlungen: Fertig ist das Finanzsystem 2.0.

Welche Funktion bleibt den Banken dann noch? Im Banking der Zukunft brechen die traditionellen Einnahmequellen weg. Banken werden immer ­weniger gebraucht – sei es als Bereitsteller der Geldinfrastruktur, bei der Beratung von Kunden oder zur Gewährung von Krediten. Kompensieren lässt sich der Ausfall nur zum Teil.

Das wahrscheinlichste Szenario

Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass Banken sich anpassen. Je schneller der Wandel vonstattengeht, desto grösser wird der Innovationsdruck. Die Bank von morgen sieht dann aus wie das Fintech von heute: Sie trägt als automatisiertes Rädchen im Finanzsystem dazu bei, monetäre Ressourcen auf wirtschaftliche Akteure zu verteilen. Doch sie kon­trolliert diesen Prozess nicht mehr exklusiv innerhalb der eigenen vier Wände. Die Bank der Zukunft wird eine vernetzte Technikplattform sein: Eine Drehscheibe zwischen selbstständigen Individuen.

Reformen wie die Vollgeldinitiative könnten die Entwicklung beschleunigen. Sie wollen das Privileg der Banken, Kredite «aus dem Nichts» zu schaffen, per Gesetz verbieten. Fällt aber das Vermögen, Buchgeld herzustellen, so degradiert dies Banken automatisch zu reinen Kreditvermittlern. Die Umwandlung der Bank zur Crowdlending-Plattform wäre faktisch vorgezeichnet.

Profitiert die Wirtschaft?

Das Vollgeld könnte auch den Zahlungsverkehr aus den Händen der Banken reissen. Dies, wenn Zentralbanken wie die SNB den Bürgern künftig nicht mehr bloss Bargeld (also Banknoten), sondern auch elektronisches Geld (in Form eines SNB-Bankkontos) zur Verfügung stellen würden. Entsprechende Ideen werden als Light-Version des Vollgelds zurzeit diskutiert.

Die grosse Frage ist, ob all dies zu einem besseren Finanzsystem führt. Profitiert die Volkswirtschaft vom geschrumpften Banking 2.0? Die naheliegende Vermutung lautet: Ja. Ob die grosse Transformation wirklich erfolgreich ist, wird aber auch vom Gesetzgeber abhängen. Smarte Systeme brauchen smarte Regulierungen – auch in kritischen ­Bereichen wie der Geldwäscherei. Noch ist der Staat nicht ganz so weit, dass er aufs konventionelle ­Bankenwesen verzichten kann.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie der «Handelszeitung». Lesen Sie hier:

Teil 1 – Die prekäre Geschichte des Geldes

Teil 2 – Die Welt braucht ein Finanzsystem 2.0

 

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