Die Wirtschaftsdaten sind derzeit so grotesk schlecht, dass viele Ökonomen die Skalen ihrer Grafiken anpassen mussten, etwa jene für die Neu­anträge auf Arbeitslosigkeit in den USA: 23 Millionen Menschen alleine im Monat April.

Das ist so schockierend viel, dass alles andere in der Grafik jetzt klein und nichtig aussieht, selbst die ­Finanzkrise vor etwas über zehn Jahren. Auch in der Schweiz sind die Zahlen furchterregend und jeder dritte Arbeitnehmende ist von Kurzarbeit betroffen.

Je unsicherer die Arbeitnehmer, desto mehr Stimmen für Grundeinkommen

Angesichts der steigenden Unsicherheit, der Arbeitnehmende ausgesetzt sind, überrascht es nicht sehr, dass 70 Prozent der Europäerinnen und Euro­päer hinter der Idee eines Grundeinkommens stehen. Dass hat eine ­Studie der Oxford University ergeben. Dafür wurden im März 12'000 Menschen in Europa befragt. Die Schweiz gehörte nicht dazu, aber die Zustimmung wäre heute deutlich höher als im Jahr 2016, als knapp ein Viertel dafür stimmte.

Diese Stimmung wird dadurch kontrastiert, dass Investoren gleichzeitig an der Börse gewinnen. Die US-Technologieaktien stehen per Börsenschluss am 12. Mai sogar höher als zu Jahresbeginn. Der Schweizer Aktienindex SMI ist zwar im Minus, aber der Verlust von 9 Prozent scheint klein im Vergleich zum drastischen Wirtschaftseinbruch.

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Die Kursgewinne stammen von den Gross­konzernen. Die Internetfirmen, die Biotech- und Gesundheitskonzerne haben teilweise vom Virus sogar zusätzlich Schub erhalten. Bei Google bieten die Handelsfirmen die Preise für Adwords in die Höhe, bei Zoom gehen die Nutzerzahlen durch die Decke und bei Roche steigen die Sympathiewerte und das Umsatzpotenzial mit den Corona-Tests.

Auch wenn schon bald ein Börsentief droht, dürften es die Massnahmen von Regierungen und Zen­tralbanken wieder ausbügeln. Es sind ähnliche Heilmittel wie bei der grossen Finanzkrise, nur die Dosierung wurde diesmal erhöht.

Performance seit Jahrzehnten

Die «Methusalem-Fonds» haben schon so manche Finanzkrise überstandten. Mehr hier

Diese Medizin wirkt sich auf die Vermögensverteilung aus: Gemäss der Federal Reserve – also kein sozialistisches Institut, sondern eine Gralshüterin des Kapitalismus – verfügte das reichste Prozent der Amerikaner 2007 über einen Anteil von 33,7 Prozent am Vermögen. Nach der Finanzkrise – genauer im Jahr 2016 – waren es bereits 38,7 Prozent. Gleich­zeitig sank der Anteil der unteren 90 Prozent der ­Bevölkerung von 28,6 auf 22,8 Prozent. Unter 10 Prozent ist deren Anteil seit dem Jahr 1800 noch nie ­gefallen, wie Wirtschaftswissenschafter Thomas Piketty darlegt. Wir nähern uns also einer Verteilung, die Sprengstoff birgt.

Etwas Neues ausprobieren, sonst werden die Nebenwirkungen fataler

Ja, die unteren 90 Prozent sollten langfristig mehr an der Börse investieren, sich informieren, auch mal ein Sachbuch dazu lesen. Zudem darf in Krisen nicht immer dieselbe Medizin in immer höheren Dosen verabreicht werden. Sonst landen wir wegen all der Nebenwirkungen dort, wo Revolutionen ihren ­Anfang nehmen. Vorher sollten wir es aber mit neuen Krisenmedikamenten versuchen, allenfalls halt ­sogar mit einem Grundeinkommen.

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