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Energieproduktion: Das Ziel ist erkannt, der Weg aber steinig

Der Rückbau: Alte Atomkraftwerke müssen stillgelegt werden.

Nach dem Atomausstieg weist das Bundesamt für Energie (BFE) der Wärme-Kraft-Kopplung eine bedeutende Rolle zu. Andere Bundesämter behindern diese wirtschaftliche Technologie.

Von Martin Stadelmann
am 22.08.2011

Eine Kehrtwende in der Politik zieht die nächste nach sich: Wärme-Kraft- Kopplung (WKK) war bei den schweizerischen Bundesbehörden allenfalls als Randerscheinung geduldet – sie produziert im Gegensatz zum sauberen Atomstrom CO₂. Der Beschluss zum beschleunigten Atomausstieg ändert dies. Das Bundesamt für Energie (BFE) musste rasch eine neue WKK-Strategie definieren, die im Juni vorgestellt wurde. Dezentrale Stromerzeugung mit WKK soll danach in Zukunft bis zu 20 Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs decken.

Das entspricht 11,5 TWh Strom, dessen Erzeugung wenige Gas- und Dampf-Kombikraftwerke, einige grössere GuD-Kombikraftwerke in der Industrie und vor allem aber kleinere und kleinste Blockheizkraftwerke (BHKW) übernehmen sollen. Und weil es viel mehr kleinere Häuser gibt als grosse, entfällt hier der grösste Teil auf Kleinstanlagen: Bis zu 160000 Mini- und Mikro-BHKW, sogenannte stromerzeugende Heizungen, sollen es bis 2035 richten, laut BFE. So schön das Ziel, so steinig ist wohl der Weg dahin. Von Fördermassnahmen, wie sie etwa Hajo Leutenegger, Präsident des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie, fordert, war bisher nicht die Rede. Adrian Jaquiéry, Präsident des WKK-Fachverbandes, wäre vorerst schon mit dem Abbau bestehender Hemmnisse zufrieden: Er fordert die Zulassung des Stromverkaufs an Dritte (zum Beispiel Wohnungseigentümer im gleichen Haus, in dem das BHKW Strom produziert) – statt wie bisher diesen Strom zum halben Preis ans Elektrizitätswerk abgeben zu müssen, welches ihn dann zum vollen Preis «zurückverkauft». Eine Umfrage des WKK-Verbands über Rücklieferungstarife (auf www.waermekraftkopplung. ch) offenbart: WKK wird von den Stromversorgern reihum wirtschaftlich verunmöglicht.

Eine echte Antifördermassnahme bereitet sich im gleichen Uvek vor, welches via Energie-Abteilung BFE der WKK hohe Ziele steckt. Ein paar Häuser vom BFE-Sitz in Ittigen bei Bern entfernt bereitet das Bafu (Bundesamt für Umwelt) strengere Stickoxid- Grenzwerte für Verbrennungsmotoren vor, welche BHKW je nach System verteuern oder verbieten. Bundesrätin Doris Leuthard hat also noch einigen Koordinationsbedarf, damit sich die Ämter in ihrem Departement nicht gegenseitig das Bein stellen.

Möchte sie zudem, dass der BHKWStrom möglichst CO₂-arm erzeugt wird, muss sie auch das Gespräch mit Finanz- Kollegin Bundesrätin Eveline Widmer- Schlumpf suchen. BHKW kann man nämlich auch mit Biogas betreiben – ganz oder teilweise, über die Erdgasleitung. Weil die Nachfrage nach Biogas schneller wächst als die schweizerische Produktion, will die Gasindustrie Biogas auch aus dem Ausland importieren – im Abtausch mit Erdgas, so wie dies an jeder Erdgas-Autotankstelle in der Schweiz gemacht wird. Nun fordert aber die Oberzolldirektion, dass ihre Zöllner jedes «Päckli» Biogas physisch «spüren» müssen. Das verunmöglicht den (zertifizierten) Abtausch zum Import bisher.

Von Deutschland lernen

Ein Blick über die Grenze in das Land, aus dem die Schweiz im Winter den grössten Teil ihres Spitzenstroms bezieht, zeigt, dass man WKK auch zuvorkommender behandeln kann. In Deutschland spart WKK nämlich CO2. Dass dieser Effekt sich an der Landesgrenze zur Schweiz schlagartig ins Gegenteil verkehrt, ist jedem Lufthygieniker sicher klar. Deshalb hat WKK in Deutschland einen höheren Stellenwert. Das KWK-Gesetz (WKK erfährt in Deutschland eine Buchstaben-Umkehrung) gewährleistet nicht nur anständige Rückliefertarife, sondern je nach Grösse der Anlage noch Förderzuschläge. Und eine im Vergleich zur Schweiz weiter gehende Strommarkt-Liberalisierung motiviert die Elektrizitätsversorger, sich auch für kleine BHKW finanziell zu engagieren, um Kunden zu halten oder zu gewinnen. Dazu zwei Beispiele: In Berlin kombinieren Vattenfall Europe Wärme AG, BHKWProduzent SenerTec (Modul Dachs, 5 kWe und Stirling-Mikro-BHKW mit integriertem Speicher, 1 kWe), SES Energiesysteme GmbH sowie Wärmepumpen-Hersteller Stiebel Eltron Blockheizkraftwerke und Wärmepumpen zu einem vernetzten, flexibel regelbaren und aus der VattenfallWärme- Leitwarte gesteuerten «virtuellen Kraftwerk», das beim Heizen mit BHKW Strom produziert und über Wärmepumpen Strom zu Spitzenlastzeiten verbraucht. Ende 2010 versorgten 50 Anlagen mit einer Leistung von 10 MW rund 6000 Wohneinheiten.

Frank May, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall Europe Wärme AG, sieht das Projekt als «intelligenteste Antwort, die es derzeit auf den Ökostrom-Boom gibt. Indem wir unterschiedlichste Anlagen anbinden, haben wir uns deutschlandweit ein enormes Erweiterungspotenzial erschlossen. Unser Ziel ist es, mit dem virtuellen Kraftwerk bis Ende 2011 rund 100 000 Wohneinheiten mit Wärme zu versorgen.»

Seit Juni 2011 fördert E.ON – dies das zweite Beispiel – zusammen mit Remeha (Kessel- und Mikro-BHKW-Hersteller, wie SenerTec im BDRthermea-Konzern) die Kraft-Wärme-Kopplung mit 1000 Euro pro Gerät. Private Haushalte, die das eVita- Mikro-BHKW (mit Stirling-Motor, 1 kWe) zur Strom- und Wärmeerzeugung nutzen, erhalten den Zuschuss, wenn sie einen Strom- oder Erdgaslieferungsvertrag mit E.ON abschliessen.

Auf die Schweiz übertragen, würde das heissen: EWZ (Zürich), IWB Basel, Axpo, BKW oder wer auch immer fördern jedes Mini- oder Mikro-BHKW mit 1200 Franken und nehmen den Überschussstrom zu marktgerechten Konditionen (für den Kunden!) zurück; selbstverständlich ist auch Reserveleistung gewährleistet. Da haben unsere Stromversorger noch einiges zu lernen …

 

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