Erinnern Sie sich noch? Als im Frühjahr die ersten Panik-Lockdowns durchgesetzt wurden und die Staaten ihre Grenzen schlossen, warnten viele vor unterbrochenen Lieferketten, ja vor dem Ende der Globalisierung.

Die grösste Fabrik der Welt, China, machte die Schotten dicht. Die grösste Wirtschaftsmacht, die USA, schloss die Grenzen. Die Europäische Union zerstückelte vorübergehend ihren «Single Market».

Danach spürte man aber auch rasch, wie flexibel sich die weltweite Industrie anpassen kann: Bald schon klappte der Nachschub der wichtigsten Güter wieder – obschon viele Hürden bis heute bestehen. 

Engpässe? Heute lacht man über die Menschen, die damals WC-Papier horteten. Teurere Preise? Die sind vielleicht an der US-Börse ein Thema, aber kaum bei den Konsumenten in der Schweiz.

Die Erschütterungen wirken nach

Doch still und leise passiert es auf einer zweiten Ebene. Die Erschütterungen wirken nach. Ob beim Bau oder in der Industrie: Händeringend suchen die Einkaufsmanager nach dem, was sie dringend benötigen.

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Autofabriken müssen ihre Fliessbänder stilllegen, weil die Mikrochips fehlen. Die Mikrochips-Hersteller müssen pausieren, weil kein Silizium aus China kommt. Die Silizium-Verarbeitung wird heikler, weil Öl und Kohle teurer werden. Et cetera. 

Und folglich steigen vielfach die Preise: Holz, Mais, Kupfer, Plastik – überall Rekordwerte. Interessant am Phänomen: Die Gründe sind sehr vielfältig.

Der Schweinezyklus

Zum Teil hat man es mit einem klassischen Schweinezyklus zu tun: Erst führte der Coronaschock dazu, dass die Hersteller 2020 ihre Aufträge herunterfuhren. Dann sorgten die Impferfolge plötzlich für eine gute Konsumentenstimmung – schlagartig mussten die Fabriken wieder liefern.

Dann aber fehlten die Rohwaren, die sie zuvor nicht geordert hatten. Also wurde grossflächig nachbestellt, um die Lager wieder aufzufüllen. Und noch etwas grossflächiger, um sich abzusichern gegen allfällige Engpässe oder Preissteigerungen in der nächsten Zeit.

Lumber Futures

Holzpreise hoch: Entwicklung der Lumber-Futures in den letzten zehn Jahren.

Quelle: Nasdaq

Denn auch in der Industrie führt bereits die Furcht vor Engpässen zu Zusatzkäufen: Was viele Konsumenten letztes Jahr mit WC-Papier machten, veranstalten viele Unternehmen dieses Jahr mit Baumaterialien, Stahl oder Karton. Und alleine schon die Erwartungen treiben die Preise nach oben.

Und so zeigt auch diese Notlage, wie sich ein Problem über den Globus verbreiten kann. Und wie es – ähnlich einem Virus – eine Branche nach der anderen befällt.

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Vorübergehend oder Trendwende?

Was das mit der Inflation zu tun hat? Noch gar nichts. Die Preise, um die es hier geht, tauchen gar nicht im Konsumentenpreis-Index auf. Die Engpässe und Flaschenhälse bei den Roh- und Ausgangsprodukten sind am ehesten greifbar im Produzenten- und Importpreisindex, und was dort passiert, wirkt sich nur gedämpft und verzögert an der Ladenkasse aus. 

Doch man wird die Entwicklung beachten müssen: In der Schweiz stieg der Importpreisindex im April – der aktuellste Stand – um 4,1 Prozent. Es war das stärkste Plus seit September 2018.

Auf der anderen Seite sind diese Preise volatiler als die üblichen Inflationsbarometer. Das ist auch die Hoffnung: Dass all diese Mängel ein vorübergehendes Phänomen sind. Dass es Anpassungsprobleme sind, die nach einem Schlag wie dieser Pandemie nicht weiter erstaunen – die aber in Kürze auch wieder vergessen sein werden.

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Hier die (keineswegs abschliessende) List der Mängel-Wirtschaft 2021:

Container: Liegengeblieben am falschen Ort

Sowohl bei den Schiffskapazitäten als auch bei den Containern selber wird es eng. Dies wiederum treibt die Transportkosten nach oben. Ein Beispiel: Der Container-Frachtindex der Logistik-Plattform Freightos liegt derzeit mehr als dreimal höher als vor zwei Jahren.

Dabei sind – neben Spätfolgen der «Ever Given»-Blockade im Suezkanal – immer noch die Zerrüttungen der Coronakrise spürbar: Teils stockte die Produktion von Containern, vor allem aber blieben abertausende Container wegen der Pandemie am falschen Ort liegen – nicht nur in den Häfen, sondern mangels Transportkapazität auch im Landesinnern.

Inzwischen wiederum erschweren es die Lockdown-Restriktionen in Asien, dass die Container, die zuvor in Europa oder Nordamerika gestrandet waren, zurückkehren und wieder beladen werden können.

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Gummi: Millionen Reifen für China

Naturkautschuk ist ein Ausgangsstoff, bei dem die Produktion nur schwerlich mitkommt mit dem stetig steigenden globalen Bedarf. Ein wichtiger Treiber ist heute der stetig wachsende Reifenbedarf der Autos für den Markt China. Nun behinderten die Lockdowns die Gewinnung in den Plantagen, auch behinderten die Transportengpässe vielfach die Verschiffung. Das führt zu Preissteigerungen – wobei die Notierungen allerdings noch nicht auf dem Spitzenniveau von 2017 sind.

Karton: Vom E-Commerce-Boom überrumpelt

Seit Frühjahr 2020 melden die Experten eine enorme Nachfrage nach Wellpappe: Es ist eine direkte Folge der Lockdown-Politik, welche den Päckli-Handel anheizte. Das führte dann dazu, dass E-Commerce-Giganten – laut Gerüchten insbesondere auch Amazon – selber begannen, Verpackungsmaterialien zu horten.

Ein zusätzlicher Treiber war der Brexit, der auf den britischen Inseln die Händler veranlasste, vorsichtshalber Lagerbestände aufzubauen. Die Verlagerung vom Laden- zum Online-Handel hatte noch eine weitere Nebenwirkung: Die eingespielten Rückführ-Wege vom Gross- und Detailhandel zu den Verpackungsfabriken verlieren an Bedeutung – und das Recycling der Päckchen von den einzelnen E-Commerce-Kunden ist komplizierter. 

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Medikamente: Abhängig von wenigen Fabriken

Dass es bei Generika und Standard-Medikamenten immer wieder zu Ausfällen kommt, ist ein oft beklagtes und doch selten beachtetes Phänomen. Das Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung listet momentan Engpässe bei rund 30 zugelassenen Heilmitteln. Hauptgrund der Lücken ist grosse Konzentration bei der Herstellung von Wirkstoffen: Sie werden weitgehend in Indien oder China fabriziert. Bei einigen Medikamenten – insbesondere auch bei Impfstoffen – ist zudem kaum Vorratshaltung möglich, was die Lage bei unsicheren Lieferketten verschärft.

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Holz: Bauboom und Borkenkäfer

Der Mangel an Holz ist momentan das grosse Thema in vielen Branchen – Bau, Papier, Möbelhandel und -herstellung. Global gesehen wird der Holzbedarf angetrieben durch eine grosse Nachfrage aus den USA und China; der tiefere Grund ist die rege Bautätigkeit dort. Verschärft wird die Lage durch Schädlingseinbussen in Europa und Kanada. Das hat auch scharfe Auswirkungen auf die Preise: Seit November sind die Preise von Holzprodukten in der Schweiz um 10 bis 35 Prozent gestiegen, spürbar etwa bei OSB-Platten, Massivholz- und Mehrschichtplatten sowie bei Leim- und Konstruktionsholz. Im Land selber fehlt es zwar nicht an Holz – aber an Sägereien, die einspringen und nun massiv helvetisches Holz verarbeiten könnten.

Und so wurde das gute, alte Holz zuletzt vielfach zum Symbolprodukt für die Flaschenhälse in der Wirtschaft. Allerdings: Wenn man die Preise hier als Indikator sieht, dann kann man sich eher entspannen. In den letzten Tagen fielen die Notierungen wieder drastisch ab. 

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Unser Podcast zum Thema

Alle weiteren Folgen von «HZ Insights» finden Sie hier.

Baustoffe, Chemikalien, Plastik: Lockdown, Lockup

Auch bei vielen Materialien der Bauwirtschaft wird es eng – Dämmstoffe, Abwasserrohre, Harze, Polymere, bis hin zu Farbkübeln. Auch da wurden viele Werke in der ersten Phase der Pandemie heruntergefahren, konnten danach nicht so rasch wieder aufstarten und trafen dann auf eine angeheizte Nachfrage erst aus China, dann aus den USA. Und auf die erwähnten Probleme beim Container-Transport.

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Auto-Occasionen: Wer braucht schon einen Neuwagen?

In der ersten Corona-Panik von 2020 fuhren die Autokonzerne ihre Produktion herunter: Überall gab es Brücke in den Lieferketten, und angesichts der völlig unsicheren Konjunkturaussichten erwarteten die Planer einen Rückgang der Verkäufe. Die tiefere Autoproduktion des vergangenen Jahres schlägt sich nun in einem kleineren Angebot für Wagen aus zweiter Hand nieder. Zwar haben VW, Toyota und Co. nun zwar die Produktion wieder hochgefahren – sofern es Lockdowns und der Chipmangel (s.u.) erlauben. Doch die Nachfrage zog eben auch unerwartet scharf an, was die Lieferfristen verlängert. Dies wiederum verleitet manche Kunden dazu, auf ein Occasionsmodell auszuweichen. 

Hinzu kommt eine dritte Gruppe: Viele Menschen in den Agglomerationen rechnen damit, dass sie auch künftig seltener ins Büro fahren müssen. Das bedeutet auch, dass ihnen ein günstigeres Auto auch genügt. Also auch ein Secondhand-Wagen.

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Mikrochips: Autos gegen Gamekonsolen

Im Chaos des Jahres 2020 strichen die Automobilkonzerne auch ihre Bestellungen bei den Chip-Lieferanten zusammen. Doch im neuen Jahr kam es bekanntlich anders – die Nachfrage für 2021 liegt nun doch deutlich höher, als es die Automobil-Manager vor einigen Monaten noch befürchtet hatten.

Zugleich werden mit jedem neuen Auto-Modell mehr Chips benötigt – schliesslich wird die Fahrzeugindustrie mehr und mehr zur Herstellerin von vierrädrigen Computern.

Auch das treibt die Nachfrage. Und die Autofabriken sind nicht alleine: Die Lockdown-Lage führt dazu, dass sich Gamekonsolen- oder Haushalts-PC-Hersteller über einen Run freuen durften und dürfen. Was auch auf dieser Seite den Bedarf an Chips nach oben treibt. 

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Mais, Soja, Weizen, Palmöl: Tockenheit trifft Schweinegrippe

Auch bei Getreide und insgesamt bei Nahrungsmitteln gibt es Nachschubmängel. Speziell ausgeprägt sind Preissteigerungen beim Mais, wo im Mai ebenfalls historische Rekordwerte erzielt wurden. Hier treffen erneut diverse Faktoren zusammen: Trockenheit und Arbeitskräftemangel in Lateinamerika (auch wegen Lockdowns), eine verspätete Aussaat in Europa wegen des kalten Frühjahrs (was nun die Spekulation antreibt), eine grosse Nachfrage in China (unter anderem auch wegen der Schweinegrippe: Nachdem im Vorjahr die Schweineherden dezimiert wurden, müssen sie nun hochgefüttert werden, auch mit Mais als Futter).

Kohle: Die Natur schlägt zurück

Klimawandel? Immer noch fördert die Menschheit rund 7 Milliarden Tonnen Steinkohle und 1 Milliarde Tonnen Braunkohle. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren weiter gestiegen, etwa durch die Ausbreitung von Klimaanlagen in heissen Gegenden Asiens. Auf der anderen Seite häuften sich in diversen Ländern Produktionsprobleme – Regenfluten in Indonesien, Unruhen in Kolumbien, Sicherheitsmängel in China, Lockdowns vielerorts.

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Öl: Unterinvestitionen

Der Ölpreis stieg seit Jahresbeginn kräftig an, soeben übertraf er wieder die Marke von 70 Dollar pro Fass. Eine Erklärung: Die nun anziehende Nach-Covid-Konjunktur dürfte die Nachfrage nach oben treiben, und dies wiederum hat jetzt schon Spekulationsgeschäfte belebt. Hinzu kommt  ein mittel- bis langfristiges Problem: Die Anti-Fossil-Fuel-Bewegung führt dazu, dass die Mittel hier versiegen (beziehungsweise, dass die Finanzierung teurer wird).

Igor Setschin, der Chef von Rosneft als zweitgrösstem Ölversorger der Welt, äusserte kürzlich entsprechende Warnungen: «Die langfristige Stabilität der Ölversorgung ist durch Unterinvestitionen gefährdet», sagte Igor Setschin. Und dies könnte schon dieses Jahr spürbar werden.

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Kupfer: Spekulationen auf die Zukunft

Eine spezielle Dynamik herrscht im Kupfermarkt: Es gibt zwar die üblichen Engpass-Faktoren wie steigende Nachfrage und vereinzelte Minenprobleme (etwa Streiks im wichtigen Herstellerland Chile). Hinzu kommen die ebenfalls üblichen Hausse-Spekulationen, die den Tonnenpreis im Mai auf einen historischen Rekord über 10'000 Dollar trieben. Über ein Jahr gesehen hat sich der Preis fast verdoppelt. Kupfer ist eines der Metalle, die mit dem Ausbau von Elektromobilität und erneuerbaren Energien wichtiger werden.