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Probleme
Ölpreissturz: Die Schwächen von Musterschüler Norwegen

Öltanker in Norwegen: Die Exporte sind um die Hälfte eingebrochen. Bloomberg

Norwegen gilt als wirtschaftliches Vorbild. Oft fällt der Vergleich mit der Schweiz. Doch der Ölpreisverfall offenbart so manche Schwäche des skandinavischen Landes.

Von Marc Iseli und Mathias Ohanian
am 25.02.2015

Lange schon gilt Norwegen als wirtschaftlicher Musterschüler. Die Arbeitslosigkeit ist ähnlich niedrig wie in der Schweiz, die öffentlichen Schulden mit weniger als 30 Prozent vom Bruttoinlandprodukt sind sogar niedriger. Das Öfteren verwiesen heimische Politiker und Ökonomen auf das nordeuropäische Land, das ebenfalls nicht EU-Mitglied ist – etwa um für einen Staatsfonds nach norwegischem Vorbild zu werben.

Ein grosser Teil der Erfolge jedoch ruhte in den vergangenen Jahren auf den Exporten von Öl und Gas. Der massiv gesunkene Preis für die Brennstoffe trifft die norwegische Wirtschaft nun hart: Der Wert der Ölexporte ist im Januar auf umgerechnet gut 1,6 Milliarden Franken eingebrochen. Das ist gerade einmal halb so viel wie noch vor einem Jahr – und der niedrigste Wert seit November 2001, teilt Norwegens Statistikamt mit. 

Zunehmende Sorge vor Haushaltproblemen

Der Rückgang ist in erster Linie bedingt durch den tiefen Ölpreis. Aber auch die Exportmenge war rückläufig: 2015 exportiere das Land nur noch 35,5 Millionen Fass Rohöl. Das sind 7,9 Millionen weniger als in der Vorjahresperiode. In Norwegen wächst deshalb die Sorge vor wirtschaftlichen und haushalterischen Problemen.

Erst vor einigen Tagen rief Norwegens Zentralbankchef Öystein Olsen deshalb die Politik zu mehr Budgetdisziplin auf. Bislang rechnete die Regierung in der Regel mit einer jährlichen Rendite von vier Prozent aus dem 900 Milliarden Dollar schweren Erdölfonds. Der Zentralbankenchef warnte die Politik aber: Dieses Jahr könnten es weniger als drei Prozent sein; bei einem dauerhaft niedrigen Ölpreis könnte der Zufluss neuer Mittel überdies niedriger ausfallen als bisher.

Zentralbank reagierte bereits mit Leitzinssenkung

Der tiefe Ölpreis lastet denn auch auf dem Bruttoinlandprodukt. Die Wachstumsaussichten für das Land haben sich eingetrübt. Prognostiker gehen davon aus, dass Norwegen in diesem Jahr nur noch um ein Prozent wachsen wird. 2014 wuchs die Wirtschaft mit 2,3 Prozent.

Um der Schwäche zu begegnen, senkte die Zentralbank jüngst den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. Eine weitere Reduktion schliesst der Zentralbankenchef nicht aus. Raum dafür hat er: Im Gegensatz zu anderen Staaten in Europa – darunter auch die Schweiz – ist die Inflationsrate in Norwegen mit 2,5 Prozent hoch.

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