Die Schweizerische Nationalbank will die Devisenmarktinterventionen zur Schwächung des Frankens hoch halten. Andererseits belässt sie den SNB-Leitzins bei minus 0,75 Prozent. 

«Keine Überraschungen von der SNB, die nichts Neues tut», kommentierte Charlotte de Montpellier dazu. Für die Ökonomin von ING Belgium ist klar, dass die SNB mit dem etablierten Paket aus Minuszinsen und Devisenmarkt-Interventionen das Ende der Krise abwarten will.

Interessant sei die Inflationsprognose: Die SNB erwarte nun eine negative Inflation bis Ende 2021. «Eine 18-monatige Deflation ist als Szenario sehr 'taubenhaft' und würde unter normalen Umständen eine noch expansivere Geldpolitik signalisieren. Hier scheint die SNB jedoch den Kampf aufgegeben zu haben und einfach abzuwarten.» Sie erwarte nicht, so Charlotte de Montpellier, dass die SNB in den kommenden Monaten die Zinsen senken wird. Andererseits: «In jedem Fall ist für die nächsten Jahre jegliche Zinserhöhung ausgeschlossen.»

Auch Philipp Burckhardt von Lombard Odier erachtet eine weitere Zinssenkung in der nächsten Zeit als unwahrscheinlich. «Denkbar wäre dieser Schritt, wenn die SNB die Risiken weiterer Deviseninterventionen als zu hoch ansieht, um sie alleine zu tragen, und durch die Signalwirkung einer Zinssenkung der Schweizer Franken noch unattraktiver gemacht werden soll», so Lombard-Odier-Analyst Burckhardt.

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Das Vorgehen per Devisenmarkt-Eingriffen könnte sich aber auch ändern, falls die SNB von den USA der Währungsmanipulation bezichtigt würde oder die erhöhten Interventionen über einen längeren Zeitraum andauern sollten.

Ein erster Schritt zur Normalisierung scheine derzeit jedenfalls unwahrscheinlich: «Wir erwarten, dass dieses Tiefzinsumfeld mit den unorthodoxen geldpolitischen Massnahmen weiter anhalten wird.»

Jörg Angele, Senior Economist bei Bantleon, weist auf eine Sonderrolle der Schweizer Zentralbank hin: «Die SNB ist die einzige Notenbank innerhalb der entwickelten Volkswirtschaften, die bisher quasi überhaupt nicht auf die Coronavirus-Krise reagiert hat. Es wurden weder Zinsen gesenkt noch Anleihenkaufprogramme aufgelegt. Bei der Vergabe zusätzlicher Kredite beschränkt man sich auf die Covid-19-Refinanzierungsfazilität.»

Dies bedeute, dass Schweizer Wirtschaft so gut wie ohne zusätzliche geldpolitische Impulse durch die Krise kommen muss. Das helvetische Beispiel zeige, dass die Grenzen der Geldpolitik an einem bestimmten Punkt trotz aller Beteuerungen der Notenbanken weltweit erreicht sind: «Offenbar überwiegen in den Augen der Schweizerischen Währungshüter die Nachteile noch niedrigerer Zinsen die Vorteile, weshalb man darauf verzichtet, die Zinsen weiter zu senken beziehungsweise die Renditen durch Anleihenkäufe noch tiefer in den roten Bereich zu drücken.»

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«Die Devisenmarktinterventionen können als das 'Quantitative Easing' der SNB verstanden werden.»

Thomas Gitzel, VP Bank

Auch Angele hält es also für wahrscheinlich, dass die SNB auf eine weitere Zinssenkung verzichten wird. Sollte sich die Weltkonjunktur ab der zweiten Jahreshälfte erholen – was Bantleon erwartet –, und sollte sich die EU auf einen Wiederaufbaufonds verständigen, so werde der Aufwertungsdruck auf den Franken spürbar nachlassen. «Damit entfiele die Notwendigkeit für Devisenmarktinterventionen. Mit Zinsanhebungen wird die SNB voraussichtlich bis mindestens zum zweiten Halbjahr 2022 abwarten.»

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«Die Devisenmarktinterventionen können als das 'Quantitative Easing' der SNB verstanden werden» – so interpretiert Thomas Gitzel von der VP Bank einen geldpolitischen Aspekt: «Die Effekte sind immens. Die Bilanzsumme der SNB gemessen am BIP rangiert im Vergleich zu den grossen Notenbanken noch immer an erster Stelle. Was die Quantität der Geldpolitik anbelangt, stehen die eidgenössischen Währungshüter ihren Kollegen bei der EZB und der Fed in nichts nach.»

Bis ins Jahr 2025 hinaus blickt David Oxley von Capital Economics: Der SNB-Leitzins könnte sogar noch bis jenseits von 2025 unverändert bleiben. Denn die Notenbank wolle nicht noch mehr Druck auf den Bankensektor ausüben, «und Anzeichen dafür, dass die europäischen Entscheidungsträger die Zügel in die Hand nehmen, dürften es dem Franken in den kommenden Jahren ermöglichen, sich weiter zu entspannen.»

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(Reuters – rap)