Die EZB wird nach Einschätzungen ihres Chefökonomen Philip Lane und des deutschen Bundesbank-Präsidenten Joachim Nagel im Kampf gegen die Inflation ihren Zinserhöhungskurs noch länger fortsetzen. Lane sagte am Wochenende dem irischen Sender RTE, er gehe davon aus, dass auch in den kommenden EZB-Zinssitzungen in diesem und zu Beginn des nächsten Jahres die Phase noch nicht vorbei sei, in der die Zinssätze auf ein normales Niveau angehoben werden müssten.

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Nagel sagte, bei einer Inflationsrate von 9,1 Prozent im Euro-Raum im August gebe es noch eine gehörige Wegstrecke zu gehen. «Die letzten beiden Zinsschritte sind aus meiner Sicht an der Stelle nur der Anfang.»

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte im Juli die Zinswende eingeleitet und dabei die Schlüsselsätze erstmals seit 2011 nach oben gesetzt. Die Leitzinsen wurden um 0,50 Prozentpunkte angehoben. Bei ihrem zweiten Zinsschritt vor wenigen Tagen legten die Währungshüter mit 0,75 Punkten noch deutlicher nach. Der Leitzins liegt damit inzwischen bei 1,25 Prozent und der sogenannte Einlagensatz, der aktuell der massgebliche Zinssatz an den Finanzmärkten ist, bei 0,75 Prozent.

Zinsen bis nächsten Frühling auf über 2,5 Prozent

Aus Sicht von Lane ist der Einlagensatz noch zu niedrig. Denn er stimuliere weiterhin die Wirtschaft. Daher sei die Aufgabe der EZB noch nicht erledigt. Zu den Zinsanhebungen allgemein erklärte er, man glaube, dass dies die Nachfrage dämpfen werde. «Und wir werden nicht so tun, als ob dies schmerzfrei wäre.» Die Wirtschaft der Eurozone werde in den Wintermonaten wohl stagnieren. Eine Rezession könne angesichts hoher Energiepreise und einer Erdgas-Verknappung nicht ausgeschlossen werden.

Die meisten Volkswirte gehen davon aus, dass der neutrale Zins, der eine Wirtschaft weder anschiebt noch bremst, im Euro-Raum bei etwa 1,5 bis 2,0 Prozent erreicht wird. An den Börsen wird damit gerechnet, dass die EZB die Zinsen bis zum nächsten Frühling auf über 2,5 Prozent anheben wird.

Joachim Nagel: Keine harte Rezession in Deutschland

Nagel sagte auf den Tagen der offenen Tür der deutschen Bundesbank in Frankfurt, die Währungshüter müssten angesichts des anhaltenden Inflationsschubs auf der Oktober-Sitzung und den Zinstreffen bis zum Jahresende hartnäckig bleiben. Die Zinsen gingen weiter nach oben, «nicht nur im Oktober». Die Währungshüter machten mögliche Zinsschritte aber immer von der aktuellen Datenlage abhängig. Die nächste Zinssitzung EZB ist für den 27. Oktober geplant, die letzte Zinssitzung in diesem Jahr dann am 15. Dezember.

Für Deutschland rechnet Nagel mit weiter steigenden Preisen: «Wir sehen bei der Bundesbank möglicherweise den Höhepunkt der Inflation im Dezember, zum Jahresende, möglicherweise dann auch mit Inflationsraten im zweistelligen Bereich», sagte er bereits am Samstag auf der Veranstaltung. Das sei zuletzt im vierten Quartal 1951 der Fall gewesen.

Das zeige die Dimension, mit der es die Notenbank zu tun habe. Es könne sein, dass es zu einer wirtschaftlichen Abschwächung komme, wenn man mit höheren Zinsen gegensteuern müsse. Nagel geht aber nicht von einer scharfen Rezession in Deutschland aus: «Eine harsche, eine harte Rezession sehe ich für Deutschland aus heutiger Sicht nicht.»

Nicht von Verlangsamung der Konjunktur abschrecken lassen

Die EZB dürfe, auch wenn sich bei der Konjunktur erste Verlangsamungstendenzen zeigten, nicht von ihrem eingeschlagenen Weg abweichen, sagte Nagel. «Wir müssen jetzt, und das ist wichtig, Kurs halten.» Unter dem Motto «Backstage Bundesbank» informierte die Notenbank am Samstag und Sonntag in ihrer Hauptverwaltung Hessen über ihre Arbeit. Nagel wurde auf den beiden Veranstaltungstagen mehrmals interviewt.

(reuters/gku)