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Japan: Viel Leid - wenig Folgen

 

Gut 200 Milliarden Dollar an Schäden richtete das Desaster in Japan an. Dennoch bleiben die Auswirkungen auf die Konjunktur minim – wie schon bei anderen Naturkatastrophen.

Von Stefan Lüscher
am 26.03.2011

 

Tagelang stand Japan unter Schock. Die Bilder der Zerstörung und des Leids, die nach dem Erdbeben und dem Tsunami von der Nordostküste des Landes ausgestrahlt wurden, haben sich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit eingebrannt. Noch ist für das Atomkraftwerk Fukushima keine Entwarnung erfolgt. Doch Ministerpräsident Naoto Kan macht seinen Landsleuten Mut: «Wir werden diese Tragödie überwinden und uns erholen. Und wir werden Japan ein weiteres Mal wiederaufbauen.»

Es wird Monate dauern, den Schaden des Doppelschlags zu beziffern. Klar ist schon heute: Es wird der grösste sein, den je eine Naturkatastrophe verursacht hat. Schätzungen reichen von 150 bis 300 Milliarden Dollar, die Weltbank geht von 235 Milliarden aus. Und das, obwohl die drei betroffenen Regionen hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt werden und deshalb nur 3,6 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen. Kein Vergleich mit dem Erdbeben in der dicht besiedelten Region von Kobe 1995, die für 14 Prozent des Bruttoninlandproduktes (BIP) verantwortlich war.

Gravierende Stromlücken. Dennoch ist der finanzielle Schaden ungleich grösser, weil die vom Tsunami betroffene Region zehnmal so gross ist wie Kobe. Zwei Branchen hat es besonders stark erwischt: Die Autohersteller und die Elektronikindustrie haben in der Gegend um Sendai Dutzende Werke. Hier stehen viele Anlagen still, so bei Toyota, Honda oder Sony. Zu Buche schlagen auch die Folgeschäden, etwa in der Logistikkette: Die zerstörten sechs Häfen haben bisher sieben Prozent der Containerschifffahrt abgewickelt. Grösstes Problem freilich ist die Stromknappheit: Weil 20 Prozent von Japans Energieversorgung lahmgelegt sind und die Regierung zum Stromsparen aufgerufen hat, können auch intakte Fabriken nicht mit voller Leistung produzieren. «Die Hauptprobleme sind grundlegend: zur Arbeit zu kommen, ein funktionierendes Telefon zu haben, Computer und Maschinen in Gang zu bekommen», all dies ist nicht mehr gewährleistet, sagt Guy Cote von Japan Tobacco, weltweit drittgrösstem Tabakhersteller mit Sitz in Tokio.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Volkswirtschaft. Analysten der CS gehen davon aus, dass Japans Wachstum 2011 im ärgsten Fall um einen Prozentpunkt schwächer ausfallen wird, die UBS rechnet mit einem halben Prozent. Die Folgeschäden durch Stromengpässe schätzt Goldman Sachs auf 0,5 bis 1,4 Prozent des BIP. Für die Weltwirtschaft rechnet die Bank of America mit einem Wachstumsverlust von 0,1 Prozent.

Dramatischer wäre es bei einem GAU: Sollte Japan die beschädigten Atomreaktoren nicht in den Griff bekommen und etwa die Region Tokio verstrahlt werden, dann droht ein BIP-Absturz in der Grössenordnung von zehn Prozent. «Grosse Teile des Wirtschaftslebens in Japan würden dann für Monate zum Erliegen kommen», sagt Jan Poser, Chefvolkswirt der Bank Sarasin. Dies würde auch die Weltwirtschaft zurückwerfen; statt 5 Prozent würde sie dieses Jahr, so schätzt Poser, nur noch 4,2 Prozent Wachstum aufweisen. Aber auch dann ist man noch weit entfernt von einer Rezession.

Selbst im schlimmsten Fall wird Japan die Weltwirtschaft also nicht in eine Krise stürzen. Das erstaunt nicht, denn der globale Einfluss Japans ist in den letzten Jahren stark gesunken. Statt wie einst 18 Prozent erarbeitet Nippon heute nur noch 9 Prozent des weltweiten BIP. Und die Volkswirtschaft, obwohl nominell noch immer die drittgrösste der Erde, ist international wenig verflochten: Japans Anteil an den weltweiten Importen beläuft sich auf nur 4,2 Prozent.

Kaum Konjunktureinflüsse. Es ist fast immer so bei Naturkatastrophen: «Ein Einfluss auf die Volkswirtschaft ist nur in extremen Ausnahmefällen sichtbar», sagt Oliver Zenklusen, der 2007 zum Thema Naturkatastrophen und ihre wirtschaftlichen Folgen an der HSG seine Dissertation schrieb. Anhand von 110 Ereignissen in 66 Ländern von 1950 bis 2005 belegte er, dass Naturkatastrophen nur kleine und statistisch nicht signifikante Auswirkungen auf das Wachstum haben.

Drei Hauptgründe hat Zenklusen dafür identifiziert: Zum einen wird meist nur ein begrenzter Teil des Landes von einer Katastrophe betroffen. Andere Regionen können die dortigen Produktionseinbrüche kompensieren. Häufig springen auch Konkurrenten in die Bresche, lasten so ihre freien Kapazitäten aus oder leisten Überschichten, der zweite Grund. Und drittens wirkt der Wiederaufbau wie ein Konjunkturprogramm und gleicht die Produktionsausfälle aus. «Die wirtschaftliche Aktivität und die Zusammensetzung des Wachstums verschieben sich einfach», sagt Zenklusen.

Wie schnell sich die Wirtschaft wieder erholt, zeigte sich etwa beim Beben in Kobe. Die Industrieproduktion fiel im Unglücksmonat um 2,6 Prozent, erreichte zwei Monate später aber schon wieder Vorbebenniveau. Und nach dem verheerenden Tsunami von Weihnachten 2004 sank Thailands Wirtschaftsleistung während eines Quartals, wuchs aber dann sofort wieder rasant. Kommt es nicht noch zum GAU, dürfte die jetzige Doppelkatastrophe ähnlich folgenlos bleiben: «Wachstums- wie Schrumpfungseffekte würden mich überraschen», sagt Zenklusen.

Dabei sind die Schäden durch Naturkatastrophen enorm hoch. Der Hurrikan «Katrina» hinterliess einen Gesamtschaden von 125 Milliarden Dollar – der bis zum jetzigen Beben grösste je von einer Naturkatastrophe verursachte Schaden. Für die Hälfte hatten die Versicherungen geradezustehen. Die Schäden von 44 Milliarden Dollar, die das Erdbeben in Kalifornien im Januar 1994 anrichtete, waren immerhin noch zu 35 Prozent durch Versicherungen gedeckt. Ganz anders dagegen in Asien. Das Erdbeben der Stärke 7,8, das 2008 in Chinas Provinz Sichuan 84 000 Menschen das Leben kostete, richtete Schäden von 85 Milliarden Dollar an. Davon mussten die Versicherungsgesellschaften gerade mal 0,35 Prozent übernehmen. Denn für die Mehrheit der Chinesen ist das Wort Versicherung bis heute ein Fremdwort.

Zwei der tödlichsten Ereignisse wiederum haben verhältnismässig geringe Schäden angerichtet, weil sie nicht in Industriestaaten passierten. Das Erdbeben in Haiti brachte gegen 223 000 Todesopfer, kostete aber nur acht Milliarden Dollar. Der Tsunami, der 2004 an den Küsten Südostasiens 220 000 Tote zurückliess, verursachte Schäden von zehn Milliarden. Die Versicherungsfirmen wurden kaum zur Kasse gebeten.

Auch beim Erdbeben von Kobe waren gerade mal drei Prozent der Schäden von 100 Milliarden Dollar durch internationale Versicherer gedeckt. Zum einen, weil in Japan Erdbebenversicherungen ausgesprochen teuer sind und viele Hausbesitzer deshalb keine Deckung haben. Zum anderen, weil gewerbliche Immobilien nicht über Assekuranzen, sondern einen teilstaatlichen Pool abgesichert werden. Dieser darf seine Risiken nicht über Rückversicherungen minimieren.

Dennoch gerieten nach der jüngsten Japan-Katastrophe die Aktien von Swiss Re, Munich Re oder Scor unter Druck. Zu Unrecht. Zwar dürften sie gemäss J.P. Morgan bereits in den ersten drei Monaten dieses Jahres neun Zehntel ihres Budgets für Katastrophen verschossen haben, denn auch der Zyklon «Yasi» und die Überschwemmungen in Australien gingen ins Geld, ebenso das Erdbeben in Neuseeland. Aber in Japan sind die Rückversicherer verhältnismässig wenig exponiert, denn neun Zehntel der Schadens- und Unfallversicherungen werden dort von einheimischen Versicherern abgedeckt. Swiss Re bezifferte in einer ersten Schätzung ihre Schadensbelastung auf 1,2 Milliarden Dollar.

Kaum langfristige Folgen also – das gilt bei Naturkatastrophen auch an den Aktienmärkten. Der Hurrikan «Katrina» 2005 oder das Erdbeben in Kalifornien 1994 zogen fast spurlos am Dow Jones Index vorbei. Beim Beben in Sichuan 2008 zeigte der Aktienindex von Shanghai zwar nach unten, doch dies im Einklang mit den Weltbörsen. Nach den Überschwemmungen am Jangtsekiang 1998 gab das Kursbarometer von Shanghai deutlich nach – allerdings mit sechsmonatiger Verspätung und aus konjunkturellen Gründen. Beim Erdbeben mit Tsunami in Chile unterbrach die Börse von Santiago zwar ihre ausdauernde Hausse – nur um drei Monate später wieder kräftig anzusteigen.

Länger dauerte die Pause in Japan. Als 1995 die Erde in Kobe bebte, stürzte der Nikkei Index innert fünf Monaten um 25 Prozent ab. Gleichzeitig legte der Yen gegenüber dem Dollar um ein Fünftel zu. Obwohl sich so die Marktbedingungen für Japans Konzerne verschlechterten, erholte sich die Wirtschaft rasch. Der Bau neuer Häuser und Fabrikationsanlagen, Ersatzinvestitionen sowie ein wieder anziehender Konsum stützten Konjunktur und Börse. Der Nikkei legte innert zwölf Monaten um mehr als 50 Prozent zu.

Die Katastrophe vom 11. März zeigt an den Finanzmärkten ähnliche Auswirkungen – wenn auch nicht so ausgeprägt. Der Anstieg des Yen konnte abgebremst werden. Japans Börse brach zwar innert zwei Sitzungen um mehr als 15 Prozent ein, erholte sich danach aber leicht. Auch die Weltbörsen haben auf die Katastrophe nur kurzfristig mit teilweise heftigen Einbrüchen reagiert. Überraschend schnell machte sich Besonnenheit breit.

Die wirtschaftlichen Schäden in Japan jedenfalls werden die Welt nicht in die Krise stürzen. Aber man spürt die Auswirkungen rund um die Erdkugel, auch da, wo man es gar nicht erwarten würde. Denn Japan ist noch immer einer der weltgrössten Hersteller von Elektronikkomponenten. Zehn Prozent aller Arbeitsspeicher für Notebooks stammen aus Nippon, bei Flashspeichern sind es gar 35 Prozent. Aus Furcht vor Engpässen stiegen die Preise dafür bereits unmittelbar nach dem Beben.

Chip-Knappheit. Schlimmer noch sieht es bei Silizium-Wafern aus, dem Basisprodukt für jede Art von Chips, das in sechs von zehn Fällen aus Japan kommt. Die Präzisionsmaschinen zu deren Herstellung drohen noch wochenlang stillzustehen, da sie zuerst auf Schäden untersucht werden und danach wieder Raumreinbedingungen hergestellt werden müssen. Wie empfindlich die Systeme sind, zeigte ein Stromausfall von wenigen Millisekunden im Dezember in einer Toshiba-Fabrik: Er reduzierte die Produktion in den folgenden zwei Monaten um 20 Prozent.

Noch spürt man die Chip-Knappheit nicht, denn in der globalen Lieferkette steckt ein Vorrat von einigen Wochen. Wenn dieser aufgebraucht ist, werden die Preise steigen. Auch Kondensatoren und Transistoren, die in praktisch jedem Elektronikprodukt stecken, könnten knapp werden; ebenso Akkus und Glas für Bildschirme, denn entsprechende Fabriken von Sony, Sanyo und Texas Instruments sind schwer beschädigt worden. Die Konsequenzen spürt auch die Autoindustrie. Immer mehr Chips verbaut sie in den Fahrzeugen. Und anders als bei schweren Bauteilen wie Motoren werden die Elektronikkomponenten in der Regel just in time per Flugzeug geliefert und nicht per Schiff. Engpässe schlagen damit viel schneller durch. Bereits gab es Produktionsstopps bei Opel und deren Mutter General Motors, weil Elektronikbauteile fehlten.

In der Schweiz ist Derartiges noch nicht zu spüren. «Die meisten Fahrzeuge für Europa werden auch in Europa produziert», heisst es etwa bei Toyota, Gleiches gelte auch für Zulieferteile. Und die Fahrzeuge aus japanischer Produktion, die in den nächsten Wochen für Kunden in Europa bestimmt sind, seien bereits verschifft und noch sechs Wochen unterwegs. Ähnlich tönt es bei Nissan und Honda. «Aus heutiger Sicht sind 99 Prozent der Lieferungen in die Schweiz sichergestellt», sagt auch Fiona Flannery, Pressesprecherin bei Sony Schweiz. Dabei wurde Sony von der Katastrophe besonders hart getroffen: Drei Fabriken wurden vom Erdbeben zerstört, zwei weitere in der Nähe von Fukushima auf Anweisung der Behörden evakuiert. Wegen Schwierigkeiten der Zulieferer stehen noch einmal fünf Werke still. Doch der Konzern ist multinational aufgestellt und dürfte Beschaffung und Produktion umdisponieren können. Bis dahin sind die Lager voll. «Wenn es überhaupt Auswirkungen gibt, dann erst in drei bis sechs Monaten», so Flannery.

Optimistische Uhrenbranche. Sorgen machen müsste sich auf den ersten Blick die Uhrenindustrie. Immerhin stellen Uhren und Schmuck mit 806 Millionen Franken rund 20 Prozent der Schweizer Exporte nach Japan dar. Doch damit ist das Land nur noch der siebtgrösste Abnehmer von Schweizer Uhren, 2006 war es noch der grösste. «Die letzten Jahre war der Markt stark rückläufig, erst 2010 gab es Anzeichen eines leichten Wiederaufschwungs», sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident der Fédération Horlogère. «Die Musik spielt heute in China», sagt Juan Mendoza, Manager eines Luxusgüterfonds bei der Bank Clariden Leu, der deshalb kaum Auswirkungen der Katastrophe auf die Schweizer Hersteller erwartet. Auch die Grossen der Branche sind optimistisch: «Wir sehen für unsere mittel- und langfristigen Ziele keine grossen Einbussen», heisst es bei der Swatch Group. «Die weltweite Nachfrage nach unseren Uhren ist grösser als unsere Produktionskapazität», tönt es bei Patek Philippe.

Die Uhrenhändler können es ebenfalls gelassen sehen. «Für uns in der Schweiz ist das kein Drama», sagt René Beyer, Inhaber von Beyer Chronometrie an der Zürcher Bahnhofstrasse: «Die Japaner sind schon seit Ende der neunziger Jahre keine wichtige Kundengruppe mehr.» Eine Beobachtung, die man bei Bucherer teilt: «Allenfalls gibt es punktuelle Rückgänge bei einzelnen Standorten wie Interlaken oder Zermatt, vielleicht springen aber auch Gäste aus anderen Nationen ein», sagt Marketing- und Verkaufsdirektor Jörg Baumann.

Kein Wunder, denn auch im Tourismus haben die Japaner hierzulande massiv an Bedeutung verloren. Als nur noch achtgrösste Gästegruppe generieren sie heute rund eine halbe Million Logiernächte – das sind 1,4 Prozent aller Übernachtungen und nur noch halb so viele wie vor zehn Jahren. Besonders das Berner Oberland und das Wallis stehen in der Gunst bei den Japanern, deren Reisetätigkeit im Mai beginnt. Oder begonnen hätte. «Es versteht sich von selbst, dass kurzfristig die Reisetätigkeit und -planung in Japan praktisch zum Erliegen gekommen ist», sagt Véronique Kanel, Mediensprecherin Schweiz Tourismus. Mittel- und langfristig sei die Entwicklung noch nicht absehbar.

Sightseeing in der Sperrzone. Für die Gegenrichtung gilt Ähnliches. Dabei hat sich Japan in den letzten zwei, drei Jahren als Boommarkt etabliert und «wurde gerade bei jüngeren Weltentdeckern trendy», wie es Stephan Roemer von Tourasia ausdrückt, dem nach eigenen Angaben grössten Schweizer Japan-Touroperator. Roemer hat gerade alle Reisen annulliert, die bis Ende April ins Land der aufgehenden Sonne gebucht waren. «Wenn es ein ernstes AKW-Problem geben sollte, fliegt keine Airline mehr Tokio an», sagt Roemer. «Dann bekomme ich meine Kunden nicht mehr zurück.» Doch bleibt der GAU aus, wird sich das Japan-Geschäft, da ist er sicher, schnell wieder erholen.

Vielleicht wird Japan als Reiseland durch die Katastrophe sogar noch attraktiver. Tschernobyl hat sich seit dem Reaktorunglück zur Sightseeing-Destination entwickelt. Letztes Jahr besuchten 10 000 Touristen die Sperrzone, dereinst sollen es nach den Plänen des ukrainischen Tourismusministeriums eine Million sein. Auch Kuoni bietet seit drei Jahren unter der Marke Ananea Reisen dorthin an. «Die Nachfrage hat seit der Lancierung stetig zugenommen», sagt Firmensprecher Peter Brun.

Auf solche Katastrophentouristen wird Ministerpräsident Naoto Kan beim Wiederaufbau nicht angewiesen sein.

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