Was für Zeiten ...!
Verrückt. Der Diebstahl von Desinfektionsmitteln zeigt, wie schnell Anstand in der Krise zusammenbricht.

Wurden Sie auf dem linken Fuss erwischt?
Wir werden alle täglich überrascht.

Was beschäftigt Sie jetzt am meisten?
Dass wir als Verband unseren Mitgliedern, den vielen Exportfirmen in unserem Land, auch jetzt eine Hilfe sind.

Arbeiten Sie seit den beiden Beschlüssen des Bundesrates nonstop?
Wir haben eine Flut von Anfragen von Firmen, die juristische Beratung wünschen. Wirklich problematisch ist aber, dass seit Montag die Schulen geschlossen haben. Dies führt zu grossen Problemen in unseren Firmen.

Es besteht das Risiko, dass sie Produktionsunterbrüche haben, weil die Mitarbeitenden wegen der Kinder zu ­Hause bleiben. Gut, hat der Bundesrat die Kantone in die Pflicht genommen.

Brauchen Swissmem-Firmen Notkredite?
Etwa ein Drittel unserer Firmen hatte bereits im sehr guten 2018 schlechte Margen oder Verluste. Neben dem Virus trifft auch der überbewertete Franken hart. Falls es zu Unterbrüchen der Lieferketten kommt, ist die Sicherstellung der Liquidität die grösste Herausforderung für diese Firmen.

Anzeige

Sperren Banken gewissen Swissmem-­Firmen die bestehenden Kreditlimiten?
Davon haben wir bisher keine Anzeichen, und das würde auch keinen Sinn ergeben. Es ist auch im Interesse der Banken, dass ihre Kunden – solvente, erfolgreiche Unternehmen – die Krise überstehen.

Viele unserer Firmen verfügen über langjährige Bankbeziehungen. Sie sind innovativ und global tätig und werden auch nach der Krise Erfolg haben.

Not leidende KMU sollen laut Bundesrat über Bürgschaften unterstützt werden. Wie soll dies überhaupt effizient funktionieren? Auch faule Eier dürften so profitieren.
Das ist in der Tat die Gefahr von Bürgschaften. Wichtig ist deshalb, dass eine sorgfältige Vergabe erfolgt. Und sind Banken Teil der Bürgschaften, müssen sie substanziell am Risiko beteiligt sein.

Stefan Brupbacher

Name: Stefan Brupbacher
Funktion: Direktor des Verbandes Swissmem
Alter: 53
Ausbildung: Rechtsanwalt. An der Uni Zürich studiert. Später Master für internationales Wirtschaftsrecht der Universität St. Gallen sowie Studien an der Joh-Hopkins-Universität (SAIS) in Bologna und in Washington DC.
Karriere: 
1996 bis 2002: Stv. Leiter Internationale Arbeitsfragen beim Seco
2002 bis 2004: Sekretär der Wirtschaftskomission des Parlaments (WAK)
2008 bis 2014: Generalsekretär der FDP Schweiz
2014 bis 2018: Generalsekretär des Wirtschaftsdepartements
Seit 2019: Verbandsdirektor

Quelle: Paolo Dutto

Welche Reserven darf man Unternehmern zumuten? Die Krise dauert ja erst seit zwei bis drei Wochen, und schon schreien ge­wisse Verbände nach sofortiger Staatshilfe.
Das ist je nach Branche unterschiedlich – Gastronomie und Hotellerie sind unmittelbarer betroffen, aber auch wir haben Firmen, die unverschuldet enorm zu kämpfen haben.

Mit diesen einschneidenden Massnahmen des Bundes diskutiert man die ­nötigen Schritte lieber früher als später.

Genügen 580 Millionen für Not leidende KMU mit verbürgten Bankkrediten?
Zurzeit ja – das hängt aber von der Dauer und dem Ausmass der Krise ab.

Genügen 4,5 Millionen Franken für ­Ausfälle in der Exportförderung?
Zurzeit ja – aber auch hier wissen wir im Moment schlicht nicht, wie sich die glo­bale Wirtschaft entwickelt.

Ist das Angebot des Bundesrates für eine ­Liquiditätsüberbrückung und Finanzhilfen «im Sinne einer Härtefallregelung» von 1 Milliarde sinnvoll?
Ja. Wichtig ist die Art der Vergabe: keine A-fonds-perdu-Beiträge, sondern allenfalls zinslose Darlehen.

Anzeige

Es gibt einen Plan des Bundes, zusammen mit systemrelevanten Banken (und der Finma), diese Summe auf 20 Mil­liarden aufzustocken? Was halten Sie davon?
Das ist ein proaktiver und interessanter Vorschlag. Der Vorteil wäre erstens, dass die Banken Verluste mittragen, und dass sie zweitens bei der Beurteilung von Firmen viel erfahrener sind als der Bund. Wichtig ist, dass ein solcher Fonds vor allem kleineren und mittleren Firmen hilft

Der Plan sieht eher wie eine erneute Rettung von Grossbanken aus denn wie eine Rettung von KMU in Schieflage.
Nein, die Grossbanken sind aus heutiger Sicht stabil. Sie sollen aber aktiv auch KMU in der Industrie unterstützen.

Swissmem

  • Lobbying Der Verband Swissmem ist, neben dem Pharmaverband mit Scienceindustrie, der einflussreichste Lobbyingverband der Exportbranchen in Bundesbern. Mit dem früheren Generalsekretär des Wirtschaftsdepartements, Stefan Brupbacher, hat er 2019 einen stark vernetzten Direktoren gewonnen. 1100 Mitgliedfirmen sind bei Swissmem organisiert. Sie stammen aus dem Maschinenbau, der Elektroindustrie, dem Metallbau und aus verwandten Bereichen
  • Exportindustrie Die Güterexporte der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie erreichten 2018 den Wert von 69,7 Milliarden Franken. Der gesamte Export betrug zuletzt 452 Milliarden Franken (Waren und Dienstleistungen), einschliesslich Pharma und Uhren.
Anzeige

Sind die genannten 8 Milliarden Franken für die Kurzarbeitsentschädigung nicht eine kommunikative Mogelpackung des Bundesrates? Diese finanzieren ja schliesslich die Sozialpartner, nicht der Bund.
Was stimmt, ist, dass Arbeitgeber und ­Arbeitnehmer zu gleichen Teilen in die ­Arbeitslosenversicherung zahlen, die diese Entschädigung finanziert. Doch der Bund hat damit ein wichtiges Zeichen gesetzt – gerade auch zur Sicherung von Liquidität.

Jetzt drohen der Exportwirtschaft gleich mehrere Gefahren. Wie ist Ihre Einschätzung? Der Reihe nach: erstens dazu, dass die Produktion stillsteht, weil ausländische Zulieferer wegen Blockaden oder Produk­tionsstopps nicht mehr liefern können?
Das ist eine reale und grosse Gefahr, unabhängig davon, ob es Schweizer oder ausländische Zulieferer sind.

Deshalb dürfen Staaten nicht überreagieren und die Grenzen auch für Güter und Grenzgänger beziehungsweise Arbeitstätige abriegeln.

Anzeige

Zweitens dazu, dass Schweizer Firmen nicht mehr weiter ins Ausland liefern können?
Auch das ist eine Gefahr. Der Einreisestopp von Präsident Trump, der auch die Flugfracht trifft, ist ein sehr schlechtes Signal.

Drittens, dass Swissmem-Firmen jetzt Kunden verlieren?
Solange wir liefern können, sollte das nur geschehen, wenn Kunden Konkurs machen.

Viertens dazu, dass ihnen die Liquidität fehlt, um fällige Rechnungen zu bezahlen?
Die Sicherung der Liquidität ist zurzeit die grösste Aufgabe jeder Firma.

Und fünftens dazu, dass deren Mitarbeitenden wegen der drohenden Krankheitswelle nicht mehr in der Produktion erscheinen?
Eine reale Gefahr. Wir zählen auf verhältnismässige Massnahmen des Bundes, damit wir weiter produzieren können.

Es braucht dringend flächendeckende Tests und die Abgabe von Masken durch Bund und Kantone, damit die Leute ohne Angst weiterarbeiten können.

Anzeige

«Nach der Häme gegen China steht bald Europa still.»

Wo liegen die Chancen dieser Krise?
Die sind schwierig zu sehen. Wir hoffen zurzeit, dass die Krise in rund sechs Monaten ausgestanden ist. Wer auch jetzt liefern kann und innovativ bleibt, dessen Kundenbeziehungen sind nachher stärker.

Die grösste Verbündete der Exportindus­trie ist die Nationalbank. Sie hält den Wert des Frankens tief. So bleiben die Exportprodukte im Ausland billig. Doch die ­Negativzinsen verursachen eine enorme Verzerrung der Wirtschaft. Ist dies haltbar?
Der Franken ist viel zu hoch bewertet gegenüber dem Euro. Ohne die SNB-Interventionen würde der Franken noch massiv teurer und eine negative Preisentwicklung wäre die Folge. Das würde das Mandat der SNB verletzen, die für Preisstabilität garantieren muss.

Anzeige

Deren Politik kommt im Übrigen nebst der Exportindustrie also auch dem Tourismus sowie der Binnenwirtschaft, die wie der Detailhandel unter Importkonkurrenz steht, zugute.

Einige sagen, die Corona-Krise zeige, wie anfällig lange Wertschöpfungsketten sind. Ein Teil der Produktion müsse zurück ins Inland verlegt werden. Teilen Sie diese Sicht?
Nein. Nach der Häme gegen China steht nun bald Europa still. Wichtig ist, dass man mehrere Beschaffungsquellen hat.

Sie mussten 2015, als Generalsekretär im Wirtschaftsdepartement unter Johann Schneider-Ammann, eine Wirtschaftskrise politisch bewältigen. Der Unterschied?
Im Unterschied zur Frankenkrise ist heute die gesamte Bevölkerung betroffen. Damals fehlte das Verständnis für die Exportindustrie grösstenteils.

Hoffen wir, dass es diesmal anders ist und die Bevölkerung wieder merkt, wie wichtig Unternehmen und Arbeitsplätze für Wohlstand sowie soziale Stabilität sind.

Anzeige
Stefan Brupbacher und Andreas Valda von der Handelszeitung.

Stefan Brupbacher im Gespräch mit «Handelszeitung»-Bundeshausredaktor Andreas Valda.

Quelle: Paolo Dutto

Sie sassen jahrelang im Machtzentrum des Bundesrates. Fehlt Ihnen dies nicht?
Es war eine super Erfahrung. Aber nein, dort zu sein, fehlt mir nicht. Als Verbandsdirektor kann ich viel eher das tun, was mir am Herzen liegt, nämlich einen guten Rahmen für die Exportindustrie schaffen.

Wenn Sie das so sagen: Mussten Sie sich an dieser Stelle politisch verwinden?
Nein. Aber ich musste mit klaren Äusserungen zurückhaltend sein. Mein beruf­licher Weg lag immer an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft und immer mit dem gleichen Ziel.

Anzeige

Gut, aber vorher floss Ihnen 24 Stunden am Tag die Macht durch die Adern. Dann war das plötzlich weg. Kein Kater?
Nein. Selbst als Generalsekretär ist man ein Rädchen im Ganzen. Als Verband ist man eine Servicestelle für die Mitglieder. Da kann ich insgesamt viel mehr helfen, als wenn ich an einer Bundesstelle sässe.

Und persönlich hat der Wechsel auch Vorteile: Ich muss nicht mehr jeden Tag um sechs Uhr nach Bern pendeln. Dies steigert die Lebensqualität enorm. Ich habe wieder ein Privatleben.

Haben Sie das beim Bund aufgebaute Netzwerk mitnehmen können?
Ja, dies ist der Vorteil eines kleinen Landes wie der Schweiz. Die Wege zu den Verantwortlichen sind kurz. Dies gilt nicht nur für die Staatsvertreter, sondern auch für die Chefs von NGO und Gewerkschaften.

Multi-VR Rolf Dörig lobte kürzlich in der NZZ den Filz von Staat und Wirtschaft. Dabei hatte der Filz eben noch den Geruch von Korruption. Ist er rehabilitiert?
Was es braucht, ist ein enges Netzwerk, worin man sich gegenseitig vertrauen kann.

Anzeige

Vor allem in einem Umfeld, wo sich die kleine Schweiz gegenüber grossen Ländern behaupten muss. Dies haben zuletzt auch mit Corona die Grenzblockaden unserer Nachbarländer gezeigt.

Jahrzehntelang dominierten FDP-Bundesräte das Wirtschaftsdepartement. Mit dem Wechsel zu Guy Parmelin ist die SVP an die Macht gekommen. Was hat sich ­seitdem verändert?
Wir können uns nicht beklagen. Er setzt sich sehr für die Exportwirtschaft ein. Und er pflegt eine Tradition weiter, die mein ehema­liger Chef, Johann Scheider-Ammann, aufgegleist hat: Er ruft Betroffene Wirtschaftsakteure an Runde Tische, um Lösungen zu suchen. Das ist gut.

«Eine Maschine der Firma Autefa könnte 40 000 Masken pro Tag herstellen.»

Anzeige

Was macht ein Generalsekretär? Ist er Chefstratege oder Cheftaktiker?
Er ist der Chef des engen Stabes eines Bundesrates. Jeder organisiert sich anders. In gewissen Dossiers war ich Stratege. Aber klar, jede Woche gab es vor einer Bundesratssitzung auch taktische Elemente einer solchen Aufgabe.

Und schliesslich ist man auch Troubleshooter für schwierige Dossiers. Mir persönlich oblag zum Beispiel die Aufklärung und Sanierung des De­bakels um die Bürgschaften zur Hoch­seeflotte.

Den grössten Flop erlebte Scheider-­Ammann mit der Agrarreform. Er wollte die Bauern stärker in die unternehmerische Pflicht nehmen. Doch diese liefern Sturm dagegen. Was hatten Sie übersehen?
Die Reform mag kommunikativ ein Flop gewesen sein. Aber wir erreichten, was wir wollten: Die Bauern versprachen, Freihandelsverträge, die im gesamtwirtschaftlichen Interesse der Schweiz sind, zu unterstützten.

Anzeige

Die grösste Chance der Schweizer Bauern liegt in der Swissness ihrer Produkte – genau gleich wie im Export.

Swissness ist auch in China gefragt. Doch dort dürfen Schweizer Firmen keine Unternehmen besitzen. Eine Parlamentsmehrheit will deshalb Investitions­kontrollen. Was halten Sie davon?
Wir sind absolut dagegen. Wir haben hierzulande Firmen, die dank chinesischer Beteiligung dort den Marktzugang erreichten. Dies ist wertvoll, gerade im Corona-Fieber. Beispiel: die Firma Autefa Solutions in der Ostschweiz. Sie hat mit ihrer chinesischen Mutter eine neue Maschine für Schutzmasken entwickelt, die in der Schweiz in drei Wochen 40 000 Masken pro Tag herstellen könnte.

Ebenfalls stimmt: Chinesische Investoren sind langfristig an einem Geschäft interessiert. Ihnen geht das angelsäch­sische Denken in Quartalsgewinnen ab. Swissmem-Firmen machen seit Jahrzehnten sehr gute Geschäfte mit China. Sie können dort auch Firmen übernehmen. Das Land ist riesig und die Marktchancen sind erheblich. China würde es uns übel nehmen, wenn wir jetzt in den antichine­sischen Chor miteinstimmten.

Anzeige

Sie sagen, die Investitionskontrollen seien eine Lex China. Doch stimmt das? Es gibt auch etliche arabische Investoren auf ­Einkaufstour. Die haben oft viel mehr Geld im Kriegskässeli als westliche Investoren. Sind das gleich lange Spiesse?
Mit Investitionskontrollen wäre die Eigentumsgarantie massiv eingeschränkt. Dies ist inakzeptabel. Es sollte doch niemandem verboten werden, eine Schweizer Firma zu einem überhöhten Preis zu kaufen.

Firmen, die verkauft werden, haben oft ein Problem. Kein Wunder, wurden sie übernommen.

Links wie Rechts moniert, dass China mit dem Kauf von Schweizer Firmen eine ­erklärte Strategie verfolgt, Know-how nach China holen will. Bluten wir aus?
Nein. Solange unsere Firmen Innovationen hervorbringen, haben sie die Nase vorn – auch gegenüber den Chinesen.

Die Podcasts auf HZ

Upbeat: Die Startup-Serie • Schöne neue Arbeitswelt • Insights: Hintergründe und Analysen

Jetzt reinhören und abonnieren
Anzeige

China wird von einer Partei beherrscht. Sie sperrt Zehntausende Menschen oft ­unschuldig in Lager ein. Sollten Schweizer Firmen mit China dennoch geschäften?
China hat es geschafft, etwa 0,7 Milliarden Leute aus der Armut zu holen. Dies muss man anerkennen, selbst wenn einem das Regime nicht gefällt.

Wir sind ein kleines Land. Unser Spielraum, etwas zu bewirken, ist minim. Mit Handel und Dialog erreichen wir am meisten vor Ort.

Mit China gibt es ein Freihandelsabkommen. Mit Indien wartet man seit Jahren darauf. Es wird von der Pharma blockiert, zum Schaden der Exportindustrie ...
Wir bedauern die Situation. Die Verhandlungen stehen praktisch still, weil die Inder nicht vorwärtsmachen Wir und die Pharma ziehen am gleichen Strick.

Auch die EU erpresst die Schweiz. Sie sagt grob: Entweder ihr akzeptiert das Rahmenabkommen oder dann ist der bilate­rale Weg zu Ende. Gibt es noch Hoffnung?
Zuerst wird das Volk mit grosser Mehrheit die SVP-Kündigungsinitiative ablehnen. Das Volk will – gerade jetzt – keine Verschlechterungen für die Wirtschaft.

Anzeige

Nach einem Nein muss der Bundesrat umgehend die Klärungen vornehmen. Da sind wir ­optimistisch, dass die Bedingungen der EU an die Schweizer Adresse nicht unannehmbar sind.