Die Aktienmärkte verzeichnen zum Wochenauftakt deutliche Verluste. Der russische Stopp von Gaslieferungen schürt die Ängste vor Stromausfällen in Europa und einer schweren Rezession. Die Gaspreise sind entsprechend explodiert. 

Der Schweizer Leitindex SMI notiert kurz nach der Eröffnung um rund 1,7 Prozent im Minus bei 10'705 Punkten. Zu den grössten Verlierern gehören die Papiere der Banken. Jene der UBS geben um rund 1,5 Prozent nach, jene der Credit Suisse um über 3 Prozent. Wegen dem schlechten Konjunkturausblick geben ebenfalls die Aktien des Luxusgüterkonzerns Richemont um über 2 Prozent nach. 

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Noch tiefer im Minus notiert der die deutsche Börse. Der DAX gibt um über 3 Prozent nach und notiert bei rund 12'650 Punkten. Der Stoxx Europe 600 gab im frühen Handel um 1,6 Prozent nach und verlor damit sein Plus von 2 Prozent vom Freitag grossteils wieder. 

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Europa droht ein wirtschaftliches Desaster

Der russische Energieriese Gazprom hatte am Freitagabend mitgeteilt, bis auf weiteres kein Gas über die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland und in andere europäische Staaten zu liefern. In Europa geht daher die Angst vor einer Finanzkrise geht daher um.

Die europäischen Erdgas-Future stiegen um über 30 Prozent auf 272 Euro je Megawattstunde. Dies schickte den wegen ausbleibender russischer Lieferungen bereits in Schieflage geratenen Gasversorger Uniper erneut auf Talfahrt. Seine Aktien fielen um gut zehn Prozent.

Da sich das Unternehmen kurzfristig aus anderen Quellen mit Erdgas eindecken müsse, summierten sich die Verluste bei den aktuellen Preisen auf 100 Millionen Euro pro Tag, rechneten die Analysten der Credit Suisse vor.

Eine rasche Lösung der Energiekrise sei nicht in Sicht, warnte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. Daher drohe Europa ein wirtschaftliches Desaster.

Russlands Einmarsch in die Ukraine hat die Rohstoffpreise in die Höhe getrieben und die Beziehungen zwischen dem Kreml und Europa zerstört. Dies war in den letzten Monaten ein Treiber für den Absturz des Euro unter die Parität zum Dollar.

Der Gasstopp vor dem Winter belastet die Wirtschaft weiter, während die steigenden Verbraucherpreise die EZB unter Druck setzen, ihre Geldpolitik zu straffen. Die Erwartung, dass die EZB die Zinsen bereits am Donnerstag um 75 Basispunkte anhebt, ist in der letzten Woche gewachsen.

Staaten stemmen sich gegen mögliche Finanzkrise

Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Kollegen stehen vor dem Dilemma, die hohe Inflation zu bekämpfen und zugleich die drohende Rezession zu meistern. «Irgendwann werden sich die Märkte fragen, wie viel Inflation die Zentralbanken zu tolerieren bereit sind, wenn die Volkswirtschaften in eine Rezession abrutschen, vor allem, wenn diese Inflation angebotsgetrieben ist», sagt Su-Lin Ong, von der Royal Bank of Canada. «Anhaltend hohe Energiepreise könnten das Ausmass der EZB-Massnahmen sowohl in dieser Woche als auch im weiteren Verlauf abschwächen.»

Wie dramatisch die Lage ist, zeigen auch die staatlichen Hilfsprogramme. Deutschland verabschiedete am Wochenende ein drittes Entlastungspaket im Wert von 65 Milliarden Euro.

Finnland will den Strommarkt mit einem 10 Milliarden Euro schweren Programm stabilisieren. Schweden unterstützt seine Versorger mit bis zu 250 Milliarden Kronen (23 Milliarden Euro), um eine Finanzkrise abzuwenden.

Goldman Sachs hat die Prognose für den Euro-Wechselkurs auf Sicht der nächsten drei Monate am Freitag auf 97 Cent gesenkt von zuvor 99 Cent. «Die Eurozone hat zwar gute Fortschritte bei der Aufstockung der Gasspeicher für den kommenden Winter gemacht, aber dies geschah um den Preis einer beträchtlichen Zerstörung der Nachfrage durch Produktionskürzungen. Dabei ist das Risiko einer schweren Störung im Winter nicht völlig ausgeschlossen», so die Analysten.

(mit Material von Reuters und Bloomberg)