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15-Stunden-Woche: Warum sich Keynes so massiv irrte

Stapel an Arbeit: Die 15-Stunden-Woche kommt in der Schweiz wohl nicht so bald. Keystone

Der Jahrhundertökonom John Maynard Keynes prognostizierte für das Jahr 2030 eine Wochenarbeitszeit von nur noch 15 Stunden. In der Schweiz indes zeigt der Trend in die Gegenrichtung. Eine Spurensuche.

Von Mathias Ohanian
am 21.12.2015

Ein für die Schweizer Wirtschaft turbulentes Jahr neigt sich dem Ende zu. Die Industrie stemmte sich gegen die Frankenaufwertung, ein beliebtes Instrument war vielerorts die Verlängerung der Arbeitszeiten. Rund 70 Firmen – wie Georg Fischer, Siemens Schweiz oder Eternit – schicken ihre Mitarbeiter seit Februar später in den Feierabend.

Statt 40 sind es wöchentlich oft bis zu 45 Stunden, die nun gearbeitet werden müssen. Eternit-Geschäftsleiter Harry Bosshardt nannte die Massnahme im März die «sozialverträgliche Reaktion auf die Frankenstärke». Eine Alternative wären demnach Enlassungen gewesen. Nur wenige Firmen sind bislang zurückgerudert. Die als temporär deklarierte Stütze soll es in den meisten Unternehmen geben, bis es der Konjunktur wieder besser geht.

Keynes prognostizierte Wochenarbeitszeit von 15 Stunden...

Für viele in der Industrie tätigen Schweizerinnen und Schweizer ist die Arbeitszeit in diesem Jahr also gestiegen. Die hochentwickelte und wohlhabende Schweiz wird damit nicht so schnell zur grossen Freizeitgesellschaft. Dabei war es genau das, was der Jahrhundertökonom John Maynard Keynes 1930 vorhergesagt hatte.

In vielen Prognosen lag Keynes richtig – etwa, was das kräftige, über Dekaden andauernde Wirtschaftswachstum anging. Dank des technologischen Fortschritts, prognostizierte der Brite zutreffend, würden in Zukunft mehr und mehr Menschen durch Maschinen ersetzt. Was für unsere Ohren wie eine Drohung in Richtung hoher Arbeitslosenquoten klingen mag, war es für Keynes hingegen nicht.

... und lag damit fundamental falsch

Der Ökonom und Philosoph betonte die grossen Möglichkeiten: Er sagte voraus, dass die durchschnittliche Arbeitswoche bis zum Jahr 2030 auf 15 Wochenstunden gesunken sein werde. Drei Stunden Arbeit pro Tag seien genug, schrieb der Ökonom in dem Aufsatz «Economic Possibilities for our Grandchildren». Die Technologie würde eine ganz neue Freizeitklasse (im Gegensatz zur Arbeiterklasse) schaffen. Und die Herausforderung darin liegen, wie wir die freie Zeit für uns sinnvoll gestalten würden.

Keynes lag damit nicht nur für die Schweiz, sondern für alle hochentwickelten Volkswirtschaften bis heute fundamental falsch. Weder in den USA, Japan noch in Deutschland oder einem anderen europäischen Land sinkt die Wochenarbeitszeit nur annähernd auf das von Keynes prognostizierte Niveau. Selbst wenn in Grossbritannien und den USA heute im Schnitt wöchentlich nur noch etwas mehr als 30 Stunden gearbeitet wird – was schon deutlich weniger als die über 50 Stunden ist, die vor gut einem Jahrhundert gearbeitet wurden (siehe Grafik rechts).

Ungleiche Verteilung als Erklärungsversuch

Warum aber lag der vielleicht einflussreichste Ökonom aller Zeiten bei dieser einen Prognose so weit daneben? Sicher liegt es nicht nur daran, dass wir alle unseren Beruf lieben und gerne mit unseren Kollegen zusammen sind. Dabei ist dieses Argument laut Harvard-Ökonom Richard Freeman ein sehr gewichtges Argument: Denn Arbeitsplätze sind soziale Treffpunkte und Studien zufolge haben rund 40 bis 60 Prozent der Amerikaner schon mal einen Kollegen oder eine Kollegin gedatet.

Darüber hinaus gehen die Antworten der Wirtschaftswissenschaftler – wie so oft in der Ökonomie – weit auseinander. Eine der naheliegendsten Erklärungen ist das Argument der Verteilung. Die Einkommen innerhalb vieler entwickelten Volkswirtschaften haben sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr ungleich entwickelt. Demnach können es sich heute viele Menschen schlicht kaum leisten, weniger zu arbeiten, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.  Für Länder wie die USA und Deutschland ist dieses Phänomen des «Arbeitsprekariats» oder der «working poor» bekannt, für die Schweiz nur teilweise.

Je höher der Verdienst, desto mehr wird gearbeitet

Keynes als Mitglied der britischen Oberschicht unterschätzte die ungleiche Einkommensverteilung, schrieb auch der 2014 verstorbene Chicago-Ökonom Gary Becker 2008 in einem Essay in dem Buch «Revisiting Keynes: Economic Possibilities for Our Grandchildren». Doch sind tatsächlich die divergierenden Einnahmen verantwortlich für unser arbeitssames Leben? Dieser Ansatz kann nicht erklären, warum ausgerechnet die Einkommenstärksten oft vergleichsweise wenig Freizeit beziehen.

Entsprechend argumentieren andere Ökonomen mit Opportunitätskosten: Je mehr Geld Arbeitnehmer verdienen, desto weniger sind sie demnach auf Freizeit aus. Und umgekehrt: Jemand, der pro Tag 100 Dollar bekommt, wird eher die Füsse hochlegen wollen als der Kollege, der 500 Dollar nach Hause nimmt.

Konsumenten passen sich an technologischen Fortschritt an

Andere Fachleute verweisen auf die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten. Diese nehmen mit der Entwicklung der Gesellschaft zu: Wächst der technologischen Fortschritt, ändern sich auch die Wünsche. Produkte wie Waschmaschinen, Laptops oder Smartphones gab es zu Keynes' Zeiten noch nicht. Geschweige denn die zweite, dritte oder x-te Generation des jeweiligen Produkts. So steigt mit der Entwicklung auch die Zahl der Grundbedürfnisse, die wir stillen wollen.

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Die beiden Nobelpreisträger George Akerlof und Robert Shiller übrigens widmen sich Keynes' Freizeitprognose in ihrem dieses Jahr erschienenen Buch «Phishing for Phools» ebenfalls. Sie kommen zu dem Schluss, dass es die freien Märkte seien, die immer neue Produkte erfinden, die wir angeblich brauchen. Und was machen wir? Erliegen immer wieder den Versuchungen der Hersteller und Marketingexperten, so die Kernthese der beiden Ökonomen.

Wie geht es weiter?

Diverse Erklärungsansätze nähern sich also dem Problem, können es aber nicht lösen. Wie geht es weiter? Tritt Keynes' Prognose womöglich doch noch ein? Immerhin bleiben bis 2030 noch 15 Jahre und der technologische Wandel schreitet heute schneller denn je voran. Wird die Digitalisierung viele Menschen überflüssig machen und arbeiten wir am Ende doch noch – wenn vielleicht auch zwangsweise – weniger?

In einer bemerkenswerten Rede wagte der Chefökonom der britischen Zentralbank, Andrew Haldane, Ende November einen Ausblick auf die Zukunft unserer Arbeitswelt. Und ging dabei zunächst zurück in die Vergangenheit. Die Debatte um den technologischen Wandel wurde bereits im Grossbritannien der Industrialisierung im 19. Jahrhundert intensiv diskutiert, führte Haldane aus und betonte, dass sich der Mensch bislang immer an neue Gegebenheiten anpasste: Trotz Maschinisierung stieg die Arbeitslosigkeit nicht.

Menschen passen sich an

Die Menschen erlernten neue Fähigkeiten und arbeiteten in anderen Berufen, die nicht von Maschinen ersetzt wurden: War im Jahr 1700 noch rund die Hälfte der Menschen in der Landwirtschaft tätig, ist es heute deutlich weniger als 1 Prozent (siehe Grafik unten). In der Industrie arbeiteten in der Spitze Ende des 19. Jahrhunderts laut Haldane rund 45 Prozent, inzwischen liegt dieser Wert bei gerade einmal bei 10 Prozent.

Doch dieses Mal, räumt auch Haldane ein, könnte es anders kommen. Denn je klüger die Maschinen werden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele Tätigkeiten künftig auch von ihnen ausgeführt werden können. Vor einer Dekade war das selbstfahrende Auto noch Fiktion, heute schon ist es Realität. Die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz scheinen so gewaltig, dass selbst Unternehmer und Futuristen wie der Tesla-Chef Elon Musk bereits eindringlich vor desaströsen Auswüchsen warnten.

Keynes und die Nervenzusammenbrüche

Wenn Menschen sich angesichts der maschinellen Überlegenheit nicht mehr anpassen können, wächst das Risiko grossflächiger Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung. Der Anteil der Arbeit an der gesamtwirtschaftlichen Produktion würde dann noch stärker sinken, als es in der Vergangenheit bereits der Fall war. Profitieren würden jene Beschäftigte (über kräftig steigende Löhne), die nicht so leicht von Maschinen zu ersetzt werden können.

Zu den Verlierern der Computerisierung, so haben die Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne herausgefunden, dürften in Zukunft Berufe wie Steuerberater, Taxifahrer oder Kreditanalysten gehören. Zu den Gewinnern hingegen Zahnärzte, Sozialarbeiter – und vor allem Therapeuten. Das sagte 1930 indirekt übrigens auch Keynes voraus, als er 100 Jahre in die Zukunft blickte: Sowohl Männer als auch Frauen würden angesichts der vielen Freizeit «Nervenzusammenbrüche» erleben, wie sie heute «bereits unter den Ehefrauen der wohlhabenden Klassen» in den USA und in Grossbritannien bekannt seien.

Lesen Sie demnächst an dieser Stelle, welche Möglichkeiten die Politik hat, sollten Maschinen tatsächlich so schlau werden, dass sie einmal die  Arbeit vieler Beschäftigten übernehmen können.

 

Mathias Ohanian
Redaktionsleiter von handelszeitung.ch. Früher bei der Financial Times Deutschland. Gelernter Ökonom, ausgebildeter Journalist.
Twitter: @mathiasohanian

 

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