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Verschiebung
Das sind die Risiken des Gotthard-Basistunnels

Das Jahrhundertprojekt ist in Betrieb. Mit der schnelleren Verbindung stehen die Regionen zwischen Zürich und Mailand vor einem tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel.

Von Gabriel Knupfer
am 12.12.2016

Der 11. Dezember 2016 wird als grosser Tag für die Zugreisenden in die Geschichte eingehen. Mit der Inbetriebnahme der Neat auf der Gotthardstrecke rücken das Tessin und Norditalien näher an die Deutschschweiz und insbesondere den Grossraum Zürich. Durch den Basistunnel wird die Fahrzeit durch den Gotthard um 30 Minuten verkürzt. Und dies ist erst der Anfang.

Dank weiteren Projekten auf der Nord-Süd-Achse soll die Fahrt von Zürich nach Mailand ab 2019 weniger als drei Stunden dauern. Das ist in erster Linie gut für die Reisenden. Besonders Tages- und Wochenendtouristen, Geschäftsreisende, Pendler und Bildungsreisende dürften profitieren, so eine Studie des Beratungsunternehmens Ecoplan. Daraus resultieren Chancen für die Gebiete im Gotthardkorridor – aber auch neue Risiken und Herausforderungen.

Für Ecoplan ist klar, dass Firmen und Privatpersonen auf die neuen Bedingungen reagieren werden. Damit stehen auch Wirtschaft und Gesellschaft der verschiedenen Räume auf der Nord Süd-Achse vor grossen Veränderungen. Das sind die wichtigsten Prognosen:

Bessere Erreichbarkeit aber höhere Anforderungen

Das primäre Ziel des Gotthard-Basistunnels ist die bessere Erreichbarkeit der Zentren mit Neat-Anschluss. Geschäfts- und Bildungsreisen werden schneller – Zürich, Lugano und Mailand rücken zusammen.

Dennoch bleibt das Gotthardmassiv eine Barriere zwischen Norden und Süden. Die Reisezeitgewinne werden durch die fehlende Anbindung vieler Ortschaften an die Neat zunichte gemacht. Der regionale und lokale ÖV muss sich an die neuen Bedingungen anpassen, was teilweise schwierig umzusetzen ist.

Verschiebung vom Mehrtages- zum Tagestourismus

Für Reisende mit wenig Gepäck wird der Trip in den Süden attraktiver. So werden wegen der Zeitersparnis Tagesausflüge – beispielsweise von Zürich nach Mailand – zu einer echten Alternative zum Mehrtagestourismus.

Einerseits dürfte der Tourismus durch die neue Nähe zunehmen. Andererseits bedeutet die Hin- und Rückfahrt am selben Tag auch das Wegfallen der lukrativen Übernachtung. Zudem steigt die Chance, dass Reisende aus der Deutschschweiz direkt nach Mailand fahren, anstatt einen Zwischenhalt im Tessin einzulegen. Auch Uri droht die Entwicklung zum «Transitkanton».

Grössere Einzugsgebiete und mehr Standortkonkurrenz

Der effizientere Geschäftsreiseverkehr vergrössert das Einzugsgebiet der Firmen im Gotthard-Korridor. Kontakte zu Zulieferern oder Kunden auf der anderen Seite des Gebirges werden einfacher. Mit Zürich und der Lombardei werden zudem zwei grosse Fachkräftepools zusammengeschlossen.

Der Wegfall der physischen Barriere des Gotthards ändert indes nichts an der sprachlichen Barriere. Und auch ein echtes Zusammenwachsen hätte nicht nur positive Folgen. Durch die neue Nähe könnte die Konkurrenz zwischen Mailand, Lugano und Zürich im Finanz- und Bildungssektor zunehmen. Firmen dürften aus den ländlichen Regionen in diese drei Agglomerationen einwandern.

Verdichtung in den Städten, Überalterung im ländlichen Raum

Die verbesserte Erreichbarkeit gilt wie erwähnt vor allem für die Städte. Diese werden auch als Wohnorte attraktiver, die Zersiedelung des Raumes nimmt durch Verdichtung in den Agglomerationen ab.

Die negativen Effekte der Konzentration sind schwer abschätzbar. Durch die Zentralisierung könnte der Druck auf den Wohnungsmarkt zunehmen. Durch Stadtflucht droht schlimmstenfalls eine verstärkte Überalterung und Entleerung des ländlichen Raums.

Jahrhundertprojekt ist ein Experiment

Wie jedes grosse Infrastrukturprojekt hat auch die Neat auf der Gotthard-Achse zahlreiche wirtschaftliche und soziale Auswirkungen, die sich teilweise erst in vielen Jahren voll entfalten werden. Damit bleibt glücklicherweise noch Zeit, die Risiken abzuwägen und problematische Entwicklungen aufzufangen.

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