Es wird eine wichtige Reise der Schweizer Bahnindustrie. In gut ­einer Woche steigen 20 Firmenbosse des Landes ins Flugzeug. Das Ziel heisst Türkei. Es geht um Schienen, Leitsysteme, Sicherheitsvorrichtungen und Rollmate­rial für den gigantischen Ausbau der Bahnlinien auf einer Fläche, die zwanzigmal so gross ist wie die Schweiz. Die 20 Chefs müssen zuerst beim Verkehrsministerium des Landes vorstellig werden. Dann geht die Gruppenfahrt zu «Big Playern», wie ein Organisator erklärt. Das seien ­grosse Zulieferer vor Ort, ohne die kein Geschäft zustande komme.

Die Türkei-Reise steht für eine verspätete Begeisterung, die Schweizer Unternehmen für die Türkei aufbringen. Während andere Länder ihre wirtschaftlichen Interessen viel früher erfolgreich durchgesetzt haben, versuchen die Schweizer dies nun nachzuholen, um den Anschluss am Bosporus nicht zu verpassen.

Es soll auf jeden Fall ein grosses Kennenlernen werden, und die Vertreter der Bahnindustrie hoffen auf gute Geschäfte. Von den über 3 Milliarden Franken, die im letzten Jahr in die Bahninfrastruktur der Türkei investiert wurden, haben sie nämlich kaum etwas gesehen. Auf fast tausend Kilometern Strecke wurden Erneuerungsarbeiten durchgeführt. Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Ankara und Istanbul oder der Küstenstadt Izmir sind im Bau. Die Schweizer Bahnindustrie will dabei sein. Doch erst mal kommt das Gespräch im Ministerium – der Ausgang ist ungewiss. Und nach den Unruhen der letzten Tage, die Dutzende Städte von Istanbul bis Ankara erfassten, ist die türkische Politik mit anderen Dingen, als den Bittgängen der Schweizer Bahnchefs beschäftigt.

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An Boden verloren

Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren in der türkischen Wirtschaft deutlich an Gewicht verloren. 2012 waren nur noch 1,8 Prozent der türkischen Importe Schweizer Ursprungs. Damit hat sich der ohnehin niedrige Anteil in den letzten ­Jahren beinahe halbiert und ist auf das Niveau von 2009 zurückgefallen. Die Exporte von Chemiefirmen in die Türkei gaben im letzten Jahr sogar um 43 Prozent nach. Ob Pharmaindustrie, Maschinenindustrie oder Uhrenhersteller – viele Branchen leiden unter teilweise zweistelligen Verlusten. Während die Schweizer Exporte immer weiter zurückgingen, wuchs die Türkei in atemberaubendem Tempo. In den letzten zehn Jahren legte das Bruttoinlandprodukt um 40 Prozent zu, der Handel hat sich verdreifacht. So langsam bekommt das Land jedoch die Spätfolgen der Euro-Krise zu spüren, die Konjunktur hat sich letztes Jahr mit einem Plus von nur noch 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ­abgekühlt.

In diesem Umfeld rüsten sich viele Schweizer Firmen jetzt für den Weg in die Türkei. Aber wie viel ist vom Boom noch für die Eidgenossen übrig? «Die Entwicklung des Handels war in den letzten Jahren nicht ermutigend», erklärt Daniel Küng, Chef der Aussenwirtschaftsförderorganisation Switzerland Global Enterprise, vormals Osec. «Aber wir sind hier, um es besser zu machen.» Dazu eröffnete die Organisation letzte Woche einen Stützpunkt in Istanbul, der Schweizer KMU beim Markteintritt in der Türkei helfen soll. Alberto Silini, ­Experte für die Region bei der SGE, sagt: «Wir haben jetzt eine offizielle Wirtschaftspräsenz in Istanbul. Vorher lief der Eintritt in den Markt eher durch lose Verbindungen, und Firmen mussten sich auf private Mittler stützen.» Dabei sei die Anzahl der Schweizer Unternehmen, die sich für die Türkei interessierten, in den letzten Monaten stark angestiegen.

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Die deutschen Firmen waren schneller

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen soll das neue Angebot in der türkischen Metropole ­ansprechen. «Klischees von einer angeb­lichen Rückständigkeit und zu grossen kulturellen Unterschieden liessen viele Schweizer Firmen lange zögern, in die Türkei zu gehen», sagt Alberto Silini. Diese Vorsicht bestätigt auch Devrim Yetergil Kiefer. Sie berät mit ihrer Firma Yetergil Kiefer Management Consulting Unternehmen, die sich für die Türkei interessieren: «Ich habe Unternehmen erlebt, die in China tätig sind, aber sagen, in der Türkei seien die kulturellen Unterschiede zu gross.» Andere Länder kannten diese Berührungsängste weniger. Italienische Firmen etwa haben sich lange vor dem Boom in der Türkei engagiert. «Deutsche, italienische und österreichische Firmen waren schneller auf diesem Markt als schweizerische», sagt Alberto Silini von Switzerland Global Enterprise. Dabei blieb auch die Schweiz nicht komplett aussen vor. Die Uhrenindustrie etwa beliefert seit langem die kleine Schicht türkischer Eliten.

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Auch Schweizer Textilmaschinen sind seit 100 Jahren in der Türkei präsent. ­Firmen wie der Messtechnik-Hersteller Endress+Hauser, der Industriekonzern Bühler Group und die Managementfirma Tomato AG konnten sich etablieren. Die Zahl von 500 Schweizer Firmen, die im aufstrebenden Land tätig sind, sei aber noch ausbaufähig. Dazu konzentrieren sich die meisten von ihnen auf den Raum zwischen Istanbul, Ankara und Izmir, also den reichen Westen. «Wir erwarten auch im Osten des Landes starkes Wachstum, dort gibt es noch wenig Tätigkeiten von Schweizer Unternehmen», so Silini.

Subtile Kommunikation

Probleme mit dem Zoll oder Arbeits­bewilligungen sind für Schweizer Firmen in der Türkei immer noch häufig. Viele melden sich dann bei den etwa ein ­Dutzend Beratungsbüros in der Schweiz, ­welche zwischen den beiden Wirtschaftsräumen vermitteln helfen. «Oft gibt es Probleme mit der Arbeitsorganisation, mit der ­Managementstruktur», sagt die Beraterin Yetergil Kiefer, «die Geschäftskultur ist zwar eine westliche, die Kommunika­tion in der Türkei ist aber doch anders und viel subtiler. Man sagt etwa nicht direkt Nein und achtet genau auf Zwischentöne.»

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Wirtschaftspolitisch ist das Signal Richtung Türkei jedoch klar: Bundesräte geben sich in Ankara die Klinke in die Hand. Seco-Chefin Ineichen-Fleisch drängte letzte Woche beim türkischen Vizewirtschaftsminister auf eine Erneuerung des über 20 Jahre alten Freihandelsabkommens. So sollen die Bereiche nachhaltige Entwicklung oder öffentliches Beschaffungswesen neu geregelt werden. Dadurch erhoffen sich Schweizer Firmen im Bereich Cleantech oder Abfallmanagement Aufträge. Offizielle Stellen in der Türkei signali­sie­ren grosses Interesse an der Spitzentechnologie aus diesem Bereich. Dort liessen sich auch die relativ hohen Schweizer Preise rechtfertigen. Diese werden bis­her nur in wenigen Bereichen vorbehaltlos von den Türken akzeptiert. Etwa bei Schweizer Schokolade.

Probleme für Firmen: Preisregulierung und Arbeitsrecht


Arbeit
Das türkische Arbeitsgesetz wird von Experten als ungünstig für Arbeitgeber betrachtet. Roland M. Meier, der mit seiner Agentur Zamenis Schweizer Unternehmen in der Türkei begleitet, sagt: «Ausländische Firmen müssen mit diversen Schikanen rechnen. Beispielsweise ist es äusserst schwierig, Schweizer Fachpersonal einzustellen. Grundsätzlich gehen die türkischen Behörden nämlich davon aus, dass es absolut unnötig sei, Personal aus dem Ausland einzustellen.» Dies betreffe vor allem kleine bis mittlere Schweizer Unternehmen, die ohnehin schon schwach in der Türkei vertreten sind.

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Eingriffe
Der Löwenanteil schweizerischer Exporte in die Türkei kommt von Pharmaunternehmen. Diese müssen sich mit einer massiven Preisregulierung des türkischen Staates auseinandersetzen. Seit mehr als zehn Jahren gelten nämlich rigide Obergrenzen für die Preise, die so weit unter den europäischen Durchschnitt gedrückt werden.