Sparer leben heute in einer schlechten, aber nicht in der schlechtesten aller Zeiten. Zwar befinden sich die Zinsen auf rekordtiefem Niveau; Ende 2019 errechnete die Nationalbank einen durchschnittlich von den Banken bezahlten Privatkunden-Sparzins von 0,04 Prozent. Und doch gab es Zeiten, in denen die Sparer für ihr Geld noch weniger bekamen als heute.

Eine Auswertung der «Handelszeitung» zeigt, dass Sparen langfristig ohne Ertrag bleibt. Über all die Jahre seit 1933 gerechnet, für welche die SNB entsprechende Zinsen dokumentiert, haben Sparer kaum etwas verdient. 

Die «Handelszeitung» hat nachgerechnet: Was blieb übrig, wenn jemand am 1. Januar 1933 100 Franken auf ein Konto einzahlte und dieses Geld jeweils mit dem von der SNB erfassten Satz verzinst wurde? Auf den ersten Blick viel: Durchschnittlich 2,5 Prozent Zins liessen den Kontostand bis 2018 auf 845 Franken ansteigen (siehe Grafik). Dabei zeigt sich: Nach einem steilen Anstieg in den 1970er und 1980er Jahren flachte die Vermögensentwicklung ab. Zur Jahrtausendwende brachen die Zinsen ein.

Doch was kriegt man für die erwirtschafteten Franken? Zieht man von der verbuchten Rendite die Teuerung ab – betrachtet man also den «Realwert» des Geldes –, bleibt nicht viel übrig. Denn gerade in den Hochzinsphasen stiegen auch die Preise stark an. 

Nach 87 Jahren 17 Prozent reicher

Das Fazit ist ernüchternd: Mit dem aus den 100 Franken entstandenen Kapital können heute gerade mal 17 Prozent mehr Waren gekauft werden als damals. Das entspricht einer realen Verzinsung von 0,19 Prozent pro Jahr. Gebühren der Banken sind dabei noch nicht berücksichtigt. Sie machten das Sparen unter dem Strich wohl zum Verlustgeschäft. 

Anzeige

Nun gab es tatsächlich immer wieder Phasen mit hohen Realzinsen. Gleich zu Beginn der Modellrechnung, in den 1930er Jahren, wurden Sparer belohnt. Es waren turbulente Zeiten in Europa: Die Wirtschaft kriselte, überall waren die Faschisten auf dem Vormarsch. Und eine Deflationswelle lies die Preise fallen. 1932 bezahlten die Banken Spar­zinsen von 3 Prozent. Real entsprachen diese aber stolzen 10 Prozent. 

Doch nicht selten erging es den Sparern real noch schlechter als heute. Etwa während des Zweiten Weltkriegs: 1939 bis 1943 lagen die Zinsen im Schnitt bei 2,5 Prozent. Die Teuerung von 8,5 Prozent liess die Guthaben der Sparer real aber um 6 Prozent pro Jahr schrumpfen.

Auch die 1970er Jahre waren für Sparer keine gute Zeit: Zwar zahlten die Banken im Jahr 1973 noch mehr als 4 Prozent Zins. Gleichzeitig kletterte die Teuerung damals aber auf knapp 12 Prozent. Unter dem Strich ergab das einen Verlust von fast 8 Prozent.

Anzeige

Verglichen damit geht es den Sparern heute gar nicht so schlecht: 2018 standen Zinsen von 0,04 Prozent einer Teuerung von 0,6 Prozent gegenüber. Real ver­loren Sparer ein halbes Prozent. Nur ein halbes Prozent, müsste man sagen. Denn anders als früher sind auch die nominalen Zinsen praktisch bei null. Und zumindest im Kleinkundenbereich wagen es die meisten Banken nicht, diese symbolische Grenze zu durchbrechen. Die Sparzinsen liegen daher über den Leitzinsen der Nationalbank. Das gab es sonst nie.

 

Egal, ob die SNB die Zinsen weiter senkt, beim Zinsziel von –0,75 Prozent belässt oder anhebt – die Aussichten für Sparer bleiben schlecht. Die Finanzmärkte rechnen auf Jahre hinaus mit tiefen Zinsen. Die Staatsanleihen bleiben teuer, Hypotheken sind zu Spottpreisen mit langen Laufzeiten erhältlich. 

Anzeige

Die Vermutung der Investoren: Höhere Zinsen könnten marode Staaten und Banken derart unter Druck bringen, dass sich die Notenbanken ein rasches Anziehen der Zinsen mit Blick auf die volkswirtschaftlichen Risiken gar nicht leisten können. 

Zentralbanken als Verwalter

Die Zentralbanken seien längst nicht mehr Herren über den Zins, sagt der deutsche Ökonom Carl Christian von Weizsäcker in einem Interview mit der «Zeit». Er verwendet ein schönes Bild: «Die Notenbank schneidert ein Kleid für einen Körper. Wenn der Körper schmal ist, muss sie ein enges Kleid schneidern. Wenn er dick ist, muss sie ein weites Kleid schneidern.» Der Körper sei die Volkswirtschaft, das Kleid das von der Bank gesteuerte Geldsystem. Bei Zinsen über null ist das Kleid zu eng. 

Von Weizsäcker verweist auf grundsätzliche Veränderungen, die das Zinsniveau tief halten. Kapital sei im Überfluss vorhanden und deshalb könne kein Preis mehr dafür verlangt werden. Ein Grund für das Überangebot an Kapital seien die hohen Sparguthaben, die sich die Menschen – auch mit Blick auf ihre Pensionierung – beiseitegelegt haben, sagt der Ökonom. Das Angebot an Spar­geldern übersteige die Nachfrage bei weitem. 

Die Wirtschaft braucht weniger Geld

Gleichzeitig werde immer weniger Geld über Darlehen ausgeliehen, weil die Digitalisierung und die immer ­enger verzahnte Produktionsweise mit knapper bemessenen Warenlagern den Kapitalbedarf der Wirtschaft reduziert habe. «Die Unternehmen brauchen gar nicht so viel Kapital, wie die Sparer zurücklegen», so von Weizsäcker. Keiner will das Geld. Das Online-Magazin «Republik» verweist in einem Beitrag auf weitere Gründe, die für anhaltend tiefe Zinsen sprechen. Etwa auf den Rückgang des Bevölkerungs- und damit auch des Wirtschaftswachstums. In einer wachsenden Gesellschaft ist Kapital ein knappes Gut, und wo ein Gut knapp ist, ist es teuer. Nun aber kehrt der Trend. Die UNO rechnet damit, dass die ­Bevölkerung in Industrieländern zu schrumpfen beginnt. Pro Einwohner steht somit immer mehr Kapital zu ­Verfügung. 

Anzeige

Das alles habe dazu geführt, dass der sogenannte Gleichgewichtszins, der die Wirtschaft im Lot hält, real selbst in den USA nur noch knapp über null liege, schreiben die amerikanischen Ökonomen Alan Taylor und Òscar Jordà in einer Studie. In Deutschland oder Grossbritannien liege er heute sogar im negativen ­Bereich: zwischen –1 und –2 Prozent. Was bedeutet das für die Geldpolitik? In einem Land, dessen Wirtschaft bei –1 Prozent Zins im Gleichgewicht liegt, würgt selbst ein realer Nullzins die Konjunktur ab. Der Markt hat die Zinswirtschaft abgeschafft. 

Ist der Kapitalismus gerade daran, sich selber zu überwinden? Im Kapitalismus habe traditionell der Kapitalist den Ton angeben, sagt von Weizsäcker. «Er kontrollierte das knappe Gut, das Kapital. Arbeit war dagegen reichlich vorhanden.» Heute sei es umgekehrt: «Die qualifizierte Arbeit ist knapp, Kapital gibt es im Überfluss. Deshalb fällt der Preis des Kapitals, also der Zins.» 

Das ist die schlechte Botschaft für Sparer. Denn letztlich sind Sparer die kleinen Brüder der Kapitalisten.