Swiss-Life-Chefökonom Marc Brütsch bleibt im «Team Transitory», und das mit Überzeugung. Während es zuletzt vermehrt Stimmen gab, wonach die Inflationsschübe nachhaltige Spuren hinterlassen könnten – unter anderem vonseiten der Europäischen Zentralbank –, zeigt sich Brütsch in einer Konferenz weiterhin überzeugt davon, dass die Teuerung bald wieder sinken werde.

Für die Schweiz rechnet Brütsch damit, dass die Jahresteuerung bis Ende Jahr wieder auf unter 0,5 Prozent fallen wird. Aber selbst für die USA, die zuletzt Inflationsraten von 7 Prozent auswies, ist er optimistisch: Bis Ende Jahr werde auch dieser Wert wieder auf 2 Prozent fallen. Schon im Juli könnte die Teuerung in den USA unter 4 Prozent liegen, so Brütsch. Entsprechend rechnet er auch nicht mit einem starken Anziehen der Zinsen.

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Weshalb ist sich der Swiss-Life-Chefökonom so sicher? Brütsch macht verschiedene Gründe aus. So sei ein grosser Teil der Teuerung angebotsseitig begründet: Lieferengpässe unter anderem in der Halbleiterindustrie hätten die Preise ansteigen lassen. «Hier beobachten wir aber einen klassischen Schweinezyklus», so Brütsch. Die Produktion sei hochgefahren worden, weshalb eine baldige Entspannung zu erwarten sei. Dasselbe gelte in der Automobilindustrie.

Rückblickend sei man mit der Prognose für 2021 jedoch in Teilen falsch gelegen, gibt Brütsch zu. So habe man die Lieferengpässe und die Ausweitung der Kredite in den USA unterschätzt. Beides wirkte preistreibend. Unterschätzt hat das Team Brütsch auch die Entwicklung der Energiepreise.

 

Podcast mit Marc Brütsch zum Thema Inflation

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Nicht nur die Ölpreise haben letztes Jahr angezogen und – auch in der Schweiz – tiefe Spuren in der Teuerung hinterlassen. Auch die Preise für Strom und Gas sind regelrecht explodiert und erlebten Ende Jahr historische Höchststände. «Wären die Energiepreise stabil geblieben, würden wir jetzt keine Diskussion um die Inflation führen», so Brütsch.

Diese Preiseffekte seien hauptsächlich durch das Angebot getrieben, zeigt sich Brütsch sicher, und verweist auf geopolitische Unsicherheiten in Osteuropa und Lieferschwierigkeiten. Der Grund liege weniger in einer gestiegenen Nachfrage.

Brütsch geht jedoch davon aus, dass wir auch in Zukunft mit höheren Energiekosten zu rechnen haben. «Das ist das Preisschild der Dekarbonisierung», sagt er. «Das ist gekommen, um zu bleiben.» Mittelfristig erwarte er keine Entspannung.  

Mit Blick auf die Nationalbank rechnet Brütsch nicht mit grossen Interventionen am Devisenmarkt, sofern es nicht zu starken Safe-Haven-Zuflüssen kommt. Die Parität und ein Durchbrechen der 1-Franken-Grenze beim Euro-Kurs sei absehbar, so Brütsch. Dafür sprächen auch die realen Wechselkurse aufgrund von Kaufkraftparitäten. Die Überbewertung des Schweizerfrankens habe in den letzten Jahren stark abgenommen, sagt Swiss-Life-Ökonom Daniel Rempfler. «Wir bewegen uns derzeit nahe an einem fairen Wechselkurs zum Euro.»

Die Swiss Life rechnet nicht mit einem baldigen Anziehen der Zinsen in der Schweiz. Rempfler geht bis 2024 lediglich von zwei Zinsschritten der Nationalbank aus. «Bis Ende 2024 werden wir nachwievor in einem Negativzinsumfeld leben», sagt er.