Die Wirtschaft braucht offenbar ­Wachstum. Immer mehr Menschen ­äussern sich aber sehr kritisch gegenüber diesem ­Streben nach mehr.

Bruno S. Frey: Die Einstellungen gegenüber dem Wachstum veränderten sich über die Zeit stark. Früher waren die Konservativen wachstumsfeindlich. Im 18. Jahrhundert lehnten sie Wachstum ab, weil es zerstörerisch wirke. Im 19. und 20. Jahrhundert setzte sich die Überzeugung durch, dass Wachstum Fortschritt bringt. Und heute herrscht wieder eine grosse Skepsis vor gegenüber dem Wirtschaftswachstum. Aber das ist nur in reichen Ländern so, und das ist ein ziemlich entscheidender Punkt.

Warum?
Vor allem Linke sind gegen Wachstum. Sie vergessen dabei die Armen. ­Materieller Wohlstand ist wichtig für die ­Lebenszufriedenheit der Menschen. Arme erfahren eine starke Zunahme des Glücks oder der Lebenszufriedenheit, wenn sie eine Einkommenssteigerung erfahren. Das zeigen die wissenschaftlichen Untersuchungen ganz eindeutig. Nur wenn man schon sehr viel hat, bringt mehr Einkommen nicht mehr so viel zusätzliche Zufriedenheit.

In der Schweiz haben wir von allem ­genug. Noch mehr Autos, noch mehr ­Handys machten keinen Sinn, sagen die Wachstumskritiker. Wir müssten aus dem Teufelskreis des «immer mehr» ­ausbrechen. Was antworten Sie ihnen?
Wirtschaftswachstum und Strukturwandel gehen immer zusammen einher. Die Vorstellung, dass immer gleich viele Autos oder andere Güter produziert werden, ist naiv. Denn es gibt sowohl auf der Nachfrageseite wie auf der Angebotsseite Veränderungen. Die Bedürfnisse ändern sich dauernd, es gibt ständig Innovationen. Beides verändert unser Leben. Und es führt dazu, dass Güter und Dienstleistungen oder unsere Freizeit in Zukunft anders aussehen werden als heute. Wer hätte sich denn beispielsweise vor 10 Jahren schon vorstellen können, wie wir heute das Smartphone nutzen?

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Weit verbreitet ist die Meinung, dauer­haftes Wachstum sei gar nicht möglich, schon wegen der daraus entstehenden ökologischen Probleme und der Endlichkeit der Ressourcen.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde prognostiziert, wegen der Zunahme der Pferdefuhrwerke würden die Städte bald unter meterhohem Pferdemist ersticken. Doch es kam anders. Der technische ­Fortschritt bleibt nicht stehen, es werden ­immer neue Organisationsformen entwickelt. Es vollzieht sich ein unglaublicher Wandel in sehr kurzer Zeit. Sicher ist, die Zukunft wird anders aussehen. Man weiss nur nicht, wie sie aussehen wird.

Hat die gegenwärtige Zukunftsskepsis mit der Krise zu tun?
Ja, ich denke schon. Man steckt in ­einer Krise und sieht deshalb alles viel düsterer. Man ist verunsichert. Dann denken viele, das Ende sei nah. Aber dem ist natürlich nicht so.