Es ist wie in der Primarschule, Fach Rechtschreibung: Kommt da ein L, ein U oder doch eher ein V hin? Darüber streiten die Konjunkturauguren seit Ausbruch der Corona-Krise. Ihre Vokabeln stehen für die Form der Rezes­sion, die wir derzeit erleben. Hat sie die Form eines L (lang anhaltend), eines U (über mehrere Quar­tale) oder eines V (tief und kurz)?

Besonders pessimistisch ist die OECD: Die Weltwirtschaft erlebe den grössten Kollaps der letzten hundert Jahre, konstatiert die Industriestaatenorganisation in ihrem jüngsten Ausblick. Der Ausstieg aus der Corona-Rezession gleiche einem Drahtseilakt. Das Schlimme dabei: «In dieser Krise sehen wir keine Lokomotive, welche die Welt aus der Rezession ziehen könnte», sagt OECD-Chefökonomin Laurence Boone. Das tönt verdächtig nach L.

Nun haben einige Länder die Pandemie schneller in den Griff bekommen als andere. In der Schweiz ist der Lockdown beendet und die Wirtschaft kann sich früher erholen als vor einigen Monaten befürchtet. Die Stimmung der Konsumenten hellt sich ­langsam auf, nachdem die Kauflaune im April einen Tiefpunkt erreicht hatte. Doch ist das Anlass zu ­Optimismus? Nicht wirklich. Die Gründe:

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1. Die Arbeitslosigkeit wird steigen

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) legte im April zwei Szenarien vor: Im besten werde die Wirtschaftsleistung um 7 Prozent schrumpfen, im schlechtesten – einer L-förmigen Rezession über Monate – gar um 10 Prozent. Das deckt sich mit der jüngsten OECD-Prognose für die Schweiz. Am Dienstag skizzierte das Seco ein etwas positiveres Bild: Das BIP werde dieses Jahr um 6,2 Prozent schrumpfen, also etwas zwischen einer schnellen ­Erholung (V) und einer anhaltenden Rezession (L).

Die Stimmung an den Börsen passt zwar in dieses leicht aufgehellte Bild. Seit Wochen jubeln die Börsianer: Sie setzen auf eine rasche Erholung – und mancherorts schiessen die Indizes in Richtung jener Rekordhöhen, bevor Covid-19 die Welt erfasste. Doch das ist eine Täuschung: Die Börse boomt, derweilen die Realwirtschaft klemmt. Beide Welten – jene der Anleger und jene der Arbeitnehmenden – haben sich entkoppelt.

Zahlen zur Krise

38'000 Menschen

verloren zwischen Februar und Mai ihren Job. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf 156'000.

70 Milliarden Franken

stellt der Bund für Hilfsmassnahmen in der Corona-Krise bereit – rund 10 Prozent des BIP.

1,9 Millionen

Personen wurden bisher für Kurzarbeit angemeldet. Das entspricht 37 Prozent der Beschäftigten.

9 Prozent

brachen die Exporte im 2. Quartal ein und erholen sich voraussichtlich erst im kommenden Jahr.

Dasselbe verführerische Bild bei der Arbeits­losigkeit: Diese lag im Mai bei vergleichsweise tiefen 3,4 Prozent. Doch auch hier darf man sich nicht täuschen lassen. Denn das System der Kurzarbeit verdeckt den Blick auf die Realität: Fast zwei Millionen Schweizer Beschäftigte waren im Mai davon betroffen, ansonsten hätte die Arbeitslosigkeit historische Rekordmarken erreicht. Ohne das Abfedern durch die Kurzarbeit läge sie aktuell bei gegen 14 Prozent, also in amerikanischen Sphären.

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Wer aber mit Unternehmern spricht, der weiss, dass einiges auf uns zukommt: Hinter den Kulissen sind viele daran, ihre Fixkosten radikal zu kappen. Allein in der Metallindustrie dürften in den nächsten zwei Jahren 5 bis 10 Prozent der Stellen weg­fallen. Auch in margenschwachen Branchen wie Gastgewerbe, Tourismus oder Detailhandel werden Jobs gekappt. Ende des Jahres wird die Arbeitslosenquote auf über 4 Prozent klettern. Bis sie wieder auf Vor-Corona-Zeit sinkt, wird es wohl zwei bis drei Jahre dauern. Das sieht auch Michael Siegen­thaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) so.

2. Der Konsum stützt nur bedingt

Diese Unsicherheit um Arbeitsplatz und Einkommen macht die Konsumenten zurückhaltender. Fernreisen oder grössere Anschaffungen wie Autos werden aufgeschoben. Stattdessen wird gespart. Ein Indiz der Verunsicherung: Die ohnehin schon hohe Sparquote in der Schweiz ist in den vergangenen Monaten weiter gestiegen.

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Vorsichtig verhalten sich auch die Unternehmen: Sie investieren weniger, verändern Lieferketten und warten ab, bis sie wieder auf Kundenjagd gehen können. Das Hochfahren der Produktion ist eine Bergstrecke, verbunden mit Unsicherheit bei wichtigen Handelspartnern und möglichen Rückschlägen bei der Viruseindämmung. Die wirtschaftliche Erholung zögert es weiter hinaus.

Was einer Minderheit von Konjunkturforschern derzeit Anlass zu Optimismus gibt, ist allein die Inlandnachfrage, die nach wochenlangem Stillstand nun wieder anzieht. Zudem zeigen die staatlichen Eingriffe ihre Wirkung: Die Kurzarbeit hat Entlassungen verhindert, die Überbrückungskredite des Bundes haben Firmen vor dem Konkurs bewahrt. Doch der Stimulus dauert nicht ewig. Solange Haushalte verunsichert sind, werden sie eher sparen als Geld ausgeben und damit eine schnelle Erholung verlangsamen. Hinzu kommt das Risiko einer zweiten Infektionswelle im Herbst oder Winter. Es könnte dann zu regionalen Lockdowns kommen – oder die Menschen ziehen sich zum eigenen Schutz zurück ins Homeoffice. Auch das würde eine Erholung verzögern oder gar abwürgen.

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Zudem ist die Binnenwirtschaft nur eine Seite der Medaille. Das grössere Problem ist die Nachfrage aus dem Ausland, und diese ist vom weiteren Verlauf der Pandemie in der Schweiz unabhängig. Der Rest der Welt steckt in einer tiefen Rezession, auch die wichtigsten Handelspartner in Europa bieten nicht wirklich einen Lichtblick.

3. Die Exporte leiden länger

Die globale Rezession kommt in der hiesigen ­Industrie und Exportbranche mit Verzögerung an. Die Krisenbewältigung wird sich den kommenden Monaten verschieben. Dann wird es zu viel mehr Entlassungen kommen, als es bisher vor allem in der Gastronomie durch die Schliessungen der Fall war. So deuten auch die Beschäftigungspläne gerade der Exportorientierten auf einen nochmals stärkeren Personalabbau hin. Die Firmen seien extrem pessimistisch mit Blick auf die erwartete Produktion in der Zukunft, so der Datendienstleister IHS Markit, der die Stimmung in der Dienstleistungsbranche und im produzierenden Gewerbe misst.

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Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Schweizer Industrie ist im Mai weiter gefallen. Denn die grösste Belastungsprobe steht den Industrieunternehmen noch bevor, derzeit zehren sie noch von Aufträgen aus der Vor-Corona-­Zeit. Welches Schicksal die Exportbranche in den kommenden Monaten ereilen wird, zeigt das Beispiel der Uhrenindustrie: 80 Prozent weniger Schweizer Uhren wurden im April exportiert.

Das Ergebnis: Fast tausend Beschäftigte verloren innert Jahresfrist ihren Job. In fast keinem anderen Wirtschaftszweig schnellte die Arbeitslosigkeit im Mai derart in die Höhe. Auch die MEM-Industrie leidet bereits unter der schwachen Nachfrage aus dem Ausland. Einzig Chemie und Pharma konnten ihre Ausfuhren steigern, womit sich die Abhängigkeit der Schweizer Exporte von dieser konjunkturresistenten Branche einmal mehr auszahlt.

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Doch der internationale Handel darbt und macht die Schweiz als Exportland besonders ­verletzlich. Insbesondere wenn die europäische Wirtschaft nicht in Schwung kommt, denn rund 40 Prozent der Exporte gehen nach Europa.

Die Prognosen sind schlecht: Die EU-Kommission rechnet für 2020 mit einem BIP-Rückgang in Europa von fast 8 Prozent. Andere wichtige Handelspartner wie die USA und Grossbritannien haben die Gesundheitskrise noch nicht überwunden. Es ist daher zu befürchten, dass die Krise in der Indus­trie, insbesondere der Exportwirtschaft, gerade erst begonnen hat.

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Swiss-Life-Chefökonom Marc Brütsch ist vorsichtig optimistisch, dass sich die Schweizer Wirtschaft rasch erholt. Trotzdem lautet seine Einschätzung: «Es sind zwei verlorene Jahre».

4. Die Machtpolitik verunsichert den Handel

Dabei sollte eins nicht vergessen werden: Die Weltwirtschaft stand schon vor Covid-19 auf wackligen Füssen. Das Wachstum stieg vergangenes Jahr bloss um 2,3 Prozent, der tiefste Wert seit dem Finanzkrisenjahr 2009. Zudem war ein Grossteil davon mit tiefen Zinsen und mit dem Öffnen der Geldschleusen in Amerika, China und in Europa erkauft.

In diese fragile Welt frass sich das Coronavirus und versetzte sie in eine Schockstarre. Das kann nicht gut gehen. Der als Dr. Doom bekannte Ökonom Nouriel Roubini jedenfalls prophezeit ein düsteres Jahrzehnt für die globale Wirtschaft. Der Aufschwung im zweiten Halbjahr werde kein echter sein, sondern eine «Sinnestäuschung», sagte er in einem «Spiegel»-Interview.

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Ein heisser Ritt wird es allemal. Denn der stets aufs Neue aufflammende Streit zwischen Donald Trump und Xi Jinping löst weitere Unsicherheiten aus. Sie gehen zumal in Europa weit über einen No-Deal-Brexit hinaus.

Für die Schweiz verheisst all dies wenig Er­freuliches. Über den Berg sind wir jedenfalls noch ­lange nicht, ein Aufatmen wäre verfrüht. Oder in der Sprache der Buchstaben gesprochen: Es könnte ein schiefes V werden: giftiger Einbruch, längere Erholung.

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