Die Corona-Pandemie hat einen ökonomischen Schock ausgelöst – nicht nur Lieferketten und Fabriken sind gestört, sondern auch die Lebensmittelmärkte sind betroffen. Diese Entwicklung könnte durch zunehmenden Protektionismus noch weiter verstärkt werden. Denn seit Ausbruch der Krise haben einige Länder ihre Nahrungsmittelexporte eingeschränkt, um den Bedarf im eigenen Land zu decken. Etwa Russland für Weizen oder Indien für Reis. 

Nun haben Ökonomen der Weltbank untersucht, wie der glolbale Handel mit Lebensmitteln beeinträchtigt wird: Das weltweite Exportangebot von Nahrungsmitteln könnte zwischen 6 und 20 Prozent zurückgehen – und die Preise würden im Durchschnitt zwischen 2 und 6 Prozent steigen. Kommen weitere Exportbeschränkungen hinzu, könnten die Lebensmittelpreise sogar um bis zu 18 Prozent steigen – also um fast ein Fünftel. 

Am härtesten würde dies die von Nahrungsmittelimporten abhängigen Länder treffen, zumeist Entwicklungsländer. Eine protektionistische Handelspolitik könnte die Gesundheitskrise in eine Nahrungsmittelkrise verwandeln, warnen die Studienautoren.

Doch auch ein Land wie die Schweiz ist auf Lebensmitteleinfuhren angewiesen  – sie ist ein sogenannter Nettoimporteur von Nahrungsmitteln. Das heisst, die Verwerfungen auf dem globalen Markt für Essbares können auch hierzulande zu höheren Preisen führen; sie träfen die Schweizer Konsumenten damit direkt. 

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Höhere Preise durch geringes Angebot

Protektionistische Massnahmen in Krisenzeiten sind nichts Neues: Bereits in früheren Krisen 2006-2007 und dann erneut in den Jahren 2008-2011 führte eine Reihe von Schocks zu einer Lücke zwischen der weltweiten Nachfrage und dem Angebot an Nahrungsmitteln, was zu einem starken Anstieg der Preise führte. Damals führten viele Regierungen Ausfuhrbeschränkungen ein, die zur Verringerung des globalen Angebots und damit zu höheren Lebensmittelpreisen führten. 

Heute sei die Ausgangslage eine andere: Das Produktionsniveau der wichtigsten Grundnahrungsmittel liegt über dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre, der Ölpreis ist niedrig und die Lagerbestände im Verhältnis zum Konsum sind – laut dem Bericht der Weltbank – bei den wichtigsten Getreidesorten 70 bis 100 Prozent höher als Ende der 2000er Jahre. Daher waren die weltweiten Nahrungsmittelpreise in den vergangen Jahren relativ stabil, in den ersten Monaten dieses Jahres sind sie sogar eher gefallen. 

Dennoch wird sich die Corona-Krise negativ auf das weltweite Exportangebot an Nahrungsmitteln auswirken. Denn Länder, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind, sind die Hauptexporteure von Nahrungsmitteln: Etwa die USA, Brasilien, Russland, aber auch die EU

Eine Datenbank der Weltbank zeigt, dass die 50 Länder, die am stärksten von Covid-19 betroffen sind, rund 66 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel exportieren. Bei Obst und Fleisch beträgt ihr Anteil an den Weltexporten sogar mehr als 75 Prozent. Auch die Exporte von wichtigen Grundnahrungsmitteln wie Getreide und Reis konzentrieren sich stark auf jene 50 Länder.

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Daher werde das weltweite Exportangebot an Nahrungsmitteln zwischen 6 und 20 Prozent zurückgehen. Bei vielen wichtigen Grundnahrungsmitteln, darunter Reis, Weizen und Kartoffeln, könnten die Exportlieferungen um mehr als 15 Prozent zurückgehen. Der Grund: Weniger Arbeitskräfte, Social Distancing und weitere Lockdown-Massnahmen führen zu einem niedrigeren Angebot an Lebensmitteln, vor allem sogenannter arbeitsintensiver Nahrungsmittel, etwa Reis oder Fisch.

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Ein Beispiel: China ist neben Norwegen weltgrösster Exporteur von Fisch – und exportierte im Januar und Februar 26 Prozent weniger als sonst. Insgesamt gingen die Lebensmittelexporte aus China Anfang des Jahres um 17 Prozent zurück.

Mehr Protektionismus = steigende Lebensmittelpreise 

Führen einige Länder noch Exportbeschränkungen ein, um den heimischen Markt zu schützen, verstärkt sich das Problem: Das weltweite Exportangebot von Nahrungsmitteln würde um durchschnittlich 40 Prozent zurückgehen, schätzen die Weltbank-Ökonomen. Die globalen Nahrungsmittelpreise würden um rund 13 Prozent steigen. Die Preise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Fisch, Hafer, Gemüse sowie Weizen könnten sogar um 25 Prozent steigen. 

Noch ist das Problem überschaubar – und nicht vergleichbar mit den Handelsbeschränkungen für Medizingüter. Bis Ende April haben über 20 Regierungen in irgendeiner Form Beschränkungen für Lebensmittelexporte verhängt.

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Am härtesten trifft dies die ärmsten Länder der Welt. Am abhängigsten von Nahrungsmittelimporte sind etwa Tadschikistan, Aserbaidschan, Ägypten, Jemen und Kuba. Die Preise für Getreide würden in diesen Ländern sogar um 35 Prozent ansteigen. Und damit eine Armutswelle auslösen, denn schon geringfügig höhere Nahrungsmittelpreise bedrohen die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern.

Schweizer Lebensmittelpreise steigen

Werden also auch hierzulande die Preise steigen? Die Schweiz importiert Lebensmittel wie Fisch, Obst und Gemüse vor allem aus Ländern der EU, die zwar teilweise noch stark von der Pandemie betroffen sind – aber innerhalb des europäischen Binnenmarkts gibt es keine Ausfuhrbeschränkungen. Einzig Frankreichs Regierung ermutigte vor einigen Wochen die Händler, nur noch französisches Gemüse und Obst in die Regale zu stellen statt aus dem Ausland zu importieren.

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Von einigen Exportbeschränkungen ist die Schweiz bereits heute betroffen: 15 Prozent des importierten Weizens stammt aus Russland, Reis kommt zu 14 Prozent aus Indien und 7 Prozent des Roggens stammen aus der Ukraine – jenen Ländern, welche diese Güter derzeit nicht mehr ausführen.

Während die hiesige Inflation im April bei minus 0,4 lag, sind die Preise für Nahrungsmittel um rund 1 Prozent gestiegen. Besonders stark war der Preisanstieg mit 9 Prozent für frisches Gemüse. Obst ist 3,2 Prozent teurer geworden, Käse 2,4 Prozent, Mehl und Getreide 1,4 Prozent.

Teurere Pommes Frites

Beim Obst und Gemüse ist der Preisanstieg auf die Pandemie zurückzuführen, wenn auch nicht ausschliesslich. Auch geringe Lagermengen oder Witterungsschäden in den europäischen Anbaugebieten hätten zu höheren Preisen geführt, heisst es in einem Sonderbericht des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). Demnach ist auch Fleisch teurer geworden. Ebenso sind die Importpreise von Kartoffeln gestiegen: Pommes Frites aus dem Ausland kosteten im April 3 Prozent mehr.

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Auch wenn sich die Corona-Krise bislang nicht sehr stark in den Preisen  bemerkbar macht, könnte es die Schweiz als importabhängiges Land hart treffen: Im Worst-Case-Szenario der Weltbank, das heisst Corona-Angebotsschock und Eskalation der protektionistischen Massnahmen, könnten die Preise für gewisse Lebensmittel zwischen 15 und 25 Prozent steigen.