Charleston, Bubiköpfe und Neue Sachlichkeit. Börsenboom und Optimismus. «Der grosse Gatsby», «Berlin Alexanderplatz» und Josephine Baker (das war die Burlesque-Tänzerin mit den Bananenröckchen): Wenn wir «Goldene Zwanziger» oder «Roaring Twenties» hören, tauchen in uns Bilder ­einer Blüte- und Partyzeit auf. Europa und Amerika hatten sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs wieder etwas gefangen, die Löhne und die Industriepro­duktion erreichten Vorkriegsniveau. Und sogar in der Sowjetunion verbreiteten ­Lenins Revolutionäre vorübergehend das Gefühl, ihr Regime könnte am Ende doch menschlich werden. Sie nannten es «Neue Ökonomische Politik».

Aber ehrlich gesagt: So toll war es gar nicht. Die «Roaring Twenties» sind vor ­allem ein Mythos. Denn im Grunde passen unsere hübschen Vorstellungen nur auf ein paar wenige Jahre, etwa 1923 bis 1929. Die Welt glitzerte auch bloss in ein paar Grossstädten (in der Schweiz zum Beispiel erlebte eher die Trachten- und Holzchaletkultur ein Comeback). Und von den Kulturexperimenten, vom unternehmerischen Elan, vom Freigeist der Zwanziger blieb wenig Nachhaltiges übrig. Kein Mensch tanzte später noch Charleston.

Die kleine Ära wirkt bloss so fantastisch wegen der Katastrophe, die ihr direkt folgte: Verglichen mit dem, was Hitlers Nazis und Stalins Kommunisten veranstalteten, erscheint jedes Bananenröckchen als Hochkultur.

Und doch fühlen wir uns jetzt, da die neuen zwanziger Jahre anbrechen, den ­alten zwanziger Jahren gefährlich nahe: Die vergangenen Jahre mit solider Wirtschaftslage und immer höheren Preisen bei Aktien, Häusern oder Kunstwerken könnten sich später einmal als «années ­folles» erweisen (wie man die 1920er in Frankreich nennt).

«Damals war es das faschis­tische Trio Deutschland, Italien und Japan, welches die Weltenlenker in London und Washington herausforderte. Heute heisst die aufstrebende Macht China.»

Es gibt ja durchaus bedenkliche Analogien: Auch in den 1920er Jahren verloren die etablierten Parteien in vielen Ländern an Rückhalt, es breiteten sich Bewegungen aus, die man heute «populistisch» nennen würde. Auch damals waren die Zinsen über eine längere Phase eher tief. Auch damals wurde der wirtschaftliche Schwung durch eine Menge Schulden finanziert. Auch damals machte die Technologie kräftige Fortschritte: Was Digitalisierung, Gentech oder Roboteri­sierung in unserer Epoche erahnen lassen, waren damals das Radio, das erste Antibiotikum oder die Durchsetzung der Fliessbandproduktion beim Automobilbau. Die Menschen hatten also guten Grund, ihr Geld auf eine Börsenhausse zu setzen.

Doch wer «Roaring Twenties» sagt, denkt immer auch den «Black Thursday» mit. Am 24. Oktober 1929 brachen die Kurse an der Wall Street ein, tags darauf waren die europäischen Börsen angesteckt und mit Kursrückschlägen ging es weiter bis in den November. Der Börsenkrach des Jahres 1929 wurde zum Startschuss für die folgenschwerste Wirtschaftskrise aller Zeiten – die Grosse Depression. Die inte­ressante Ausstrahlung der verrückten zwanziger Jahre rührt eben auch daher, dass hier ein fundamentaler Schulden- und Finanzmarktzyklus in hohem Tempo durchgezogen wurde: «Boom & Bust» in knapp fünf Jahren.

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Von 1924 bis 1929 heizten sich indus­trielles Wachstum, neuer Optimismus, steigende Aktienkurse, höhere Verschuldung gegenseitig an; die Kombination führte zu höherer wirtschaftlicher Waghalsigkeit, also zu noch mehr Verschuldung, dann zu etwas tieferen Zuwachsraten – und so weiter. Bis die Luft draussen war. Es folgten Banken- und Finanzkrisen, es folgten Rettungsaktionen mit Staatsgeld – von Hitlers Aufrüstung bis Roosevelts «New Deal» –, aber die Lage blieb furchterregend labil.

Und so erinnern heute ­diverse Experten daran, dass uns diese Phase als Warnung dienen sollte. Zum Beispiel blickt Ray Dalio, der erfolg­reichste Hedgefonds-Magnat unserer Tage, in viel beachteten Schriften über den Krach von 1929 hinaus: Er fürchtet, dass uns die rabenschwarzen Probleme der gesamten dreissiger Jahre anfallen könnten (siehe etwa hier, hier und hier).

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Chrysler Building Trump Tower Roaring Twenties

Chrysler Building, New York, gebaut 1928 bis 1930: damals das höchste Gebäude der Welt. Rechts davon: der Trump Tower.

Quelle: Getty Images / Stephan Rudolph

Damals, so Dalios erste Analogie, stand die westliche Welt am späteren Ende eines langfristigen Wirtschaftszyklus: Zwar erholte sich die Industrie ab 1931 vorerst von der Finanzkrise, aber schon 1937 ­folgte die nächste schwere Rezession. Damals, so die zweite Parallele, herrschte eine grosse politische Polarisierung, der Graben zwischen Reichen und Armen ­öffnete sich, Linke und Rechte bekämpften sich in vielen Ländern zunehmend ­fanatisch. Dalios dritte Parallele ist globalpolitisch: Damals wie heute traten starke Herausforderer der etablierten Macht ans Licht. In den 1930ern war es das faschis­tische Trio Deutschland, Italien und Japan, welches die Weltenlenker in London und Washington herausforderte. Heute heisst die aufstrebende Macht China.

Aber bekanntlich wiederholt sich die Geschichte nicht – sie reimt sich höchstens –, und es gibt genügend Details, die eine völlig andere Entwicklung versprechen. Das Phänomen der Negativzinsen schafft beispielsweise einen ganz anderen Startpunkt. Oder: Das Wachstum der letzten Jahre dauerte zwar sehr lange, aber es verlief eher stetig und massvoll nach oben – und nicht unbedingt so euphorisch. Oder: Die Sozialstaaten sind besser ausgebaut, die Arbeitslosigkeit ist vielfach tiefer, sodass es politische Bauernfänger nach der nächsten Finanzkrise wohl schwerer haben könnten als vor hundert Jahren.

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Am Ende bleibt nur die alte Business-Einsicht, dass auf jeden ­wilden Ritt eine saftige Rechnung folgt.

(rap)