Gerade ist eine Freundin zu Besuch, zum ersten Mal seit über einem Jahr. Aber so richtig da ist sie doch nicht. In den ersten Tagen dachte ich, sie schreibe halt einfach sehr viel mit Freunden von zu Hause. Irgendwann wurde mir klar: Sie schreibt nicht, sie spielt. 2048. Ein Spiel, das mir bis dahin gar nichts sagte. Sie allerdings spielt so obsessiv, dass sie ihrem iPhone deutlich mehr Aufmerksamkeit schenkt als mir. In der U-Bahn hat sie nichts als Verachtung für Menschen übrig, deren Highscore offensichtlich weit unter ihrem liegt. 

Hin und wieder versucht sie, mich an ihrem Glück teilhaben zu lassen. Doch ihre Erklärungen dringen nicht zu mir durch, das Spiel bleibt mir ein Rätsel. Also lade ich es testweise selbst auf mein iPhone. Auf meinem Bildschirm tauchen Zahlen auf, die ich miteinander verbinden muss. Ziel ist es, am Ende ein Quadrat mit der Summe 2048 zu kommen (wer denkt, es sei damit geschafft, der sei hier schon mal gewarnt). Klingt einfach, dauert aber ewig. Schafft man es, fühlt man sich unglaublich klug.

Es ist recht einfach, das Ziel zu verfehlen oder dumme Fehler zu machen, die einem alles verbauen, zum Beispiel, weil sich der Bildschirm unmerklich mit Quadraten gefüllt hat und nun nichts mehr zu verschieben ist. Und das frustriert unheimlich. Ich fange an, die Quadrate auf meinem Bildschirm hin- und herzuschieben, ohne wirklich zu wissen, was ich tue. Mir wird versichert, dass ich das eine Weile machen muss und es dann schon irgendwann verstehe (im Schnitt dauert das zwischen zwei Stunden und einem Tag).

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Ich fühle mich als digitaler Paria, denn 2048 hat längst für jede Menge Wirbel gesorgt: Im März wurde die App als Browser-Spiel zum ersten Mal veröffentlicht, im April bereits wurde keine Gratis-App öfter auf iPhone oder Android geladen als 2048. Der Erfolg zog Neider an. Die Macher hinter der nahezu baugleichen App 'Threes' beschwerten sich, das Spiel erinnere doch allzu stark an das Design und Spielekonzept der eigenen App. Und nicht ganz zufällig erschien nur einen Monat nach dem Start von Threes ein Spiel namens 1024, das preiswerter war als das "Original" und mit den Worten warb: Kein Grund, Threes zu spielen. Kurz darauf erschien mit 2048 dann der Klon des Klons.

Der hat meine Wohnung seit Tagen fest im Griff. Auf meinem Sofa finden Gespräche mit einer weiteren Freundin statt, es geht um Strategien. Etwa, warum es besser ist, nur in drei statt vier Richtungen zu wischen und unbedingt die rechte Seite füllen muss. Als ich zu Recherchezwecken das Spiel meiner Freundin öffnen will, sitzt sie misstrauisch neben mir, aus Angst, ich könnte ihren Zwischenstand ruinieren. 2048 ist kein Spass. Ich selbst gebe bald nach dem Start auf. Vielleicht bin ich heute einfach zu müde, um die Regeln zu verstehen. 

Meine Freundin hat die App jetzt gelöscht. Damit sie auch mal wieder mit mir redet. Hin und wieder greift sie immer noch reflexartig nach ihrem iPhone. Phantomschmerz.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.