«Wie bitte?» – eine Frage, den Menschen in meinem Umfeld regelmässig zu hören bekommen. Ob am Telefon, wenn die Leitung ein wenig rauscht, in der Stadt, wenn mal wieder viel Verkehr auf der Strasse ist oder auch bei Gesprächen mit Freunden abends in der Bar, wenn die Musik wieder zu laut ist. Ist das ganz normal oder heisst das jetzt, dass mein Hörvermögen zu schlecht ist?

Wegen so etwas einen Facharzt aufzusuchen, erscheint mir etwas zu zeitaufwendig. Aber wie gut, dass es heutzutage für fast alles eine App gibt. Selbst um sein Hörvermögen mittels Smartphone selbst zu überprüfen. Seit Mai 2014 steht die App Mimi zum kostenfreien Download zur Verfügung. Mittlerweile in Version 3.0 und ist in 14 Sprachen verfügbar.

Sennheiser oder Apple EarPods

Wie mehr als 100'000 Menschen vor mir lade ich mir den hübschen Mimi-Hörtest aufs iPad. Mit dem Kurztest kann ich sofort losstarten. Ich muss nur sicherstellen, dass die Geräuschkulisse im Hintergrund gering ist und die Lautstärke auf 50 Prozent einstellen. Ausserdem brauche ich entweder meine Apple EarPods oder einen Sennheiser Kopfhörer, weil die kalibriert sind. Mit anderen Kopfhörern, sagt mir mein kleiner Hörtester, könne nicht für ein einwandfreies Test-Ergebnis garantiert werden. 

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Der Kurztest dauert bei mir etwa fünf Minuten. In dieser Zeit werden mir verschiedene Töne vorgespielt. Sobald ich das Geräusch erkenne, muss ich es per Tastendruck meinem linken oder rechten Ohr zuordnen. Die Töne starten leise und werden immer lauter. Die App (übrigens ein internationales Gemeinschaftsprojekt mit Basis in Berlin) weckt meinen Ehrgeiz, umso erschreckender das Ergebnis: Meine Hörleistung beträgt 75-81 Prozent. Das entspricht einem Hör-Alter von 47-57 Jahren. Ich bin Ende 20.

Volltest dauert eine halbe Stunde

Dennoch, oder gerade deshalb, nehme ich mir eine halbe Stunde Zeit und absolviere den Volltest, oder auch den «Holding-Test», für den ich mich registrieren muss. Diesmal muss ich nicht mehr zwischen links und rechts unterscheiden, sondern einfach nur einen Button drücken und gedrückt halten, sobald bzw. so lange ich einen bestimmten Ton höre. In unregelmässigen Abständen werden mir Töne mit Frequenzen von 250 - 8000 Hz vorgespielt. Insgesamt 6 pro Ohr, erst rechts, dann links.

Die Töne eines Frequenzbereichs wiederholen sich mehrmals, werden allerdings immer leiser. Solange, bis ich die Geräusche nicht mehr eindeutig bestimmen kann und eher auf gut Glück drücke und loslasse. Nachdem ich mich selber beim Pfuschen ertappt habe, möchte ich dann doch nicht, dass das Testergebnis davon beeinflusst wird. Abbrechen und neu starten scheint allerdings nicht möglich. Ist auch gar nicht nötig, sagt Eva-Maria Zoll vom Mimi-Team: «Im Hintergrund berechnet unser Artifical Observer, der die Rolle des Testleiters übernimmt, die Wahrscheinlichkeit, dass der Nutzer einen Ton gehört hat oder nicht.»

Unschöne Nachrichten sollen den Test auflockern

Also mache ich erstmal weiter und hoffe, dass die App es schafft, einen realistischen Mittelwert zu berechnen. Und dann habe ich tatsächlich den Eindruck, Mimi merkt, wenn ich nicht mehr kontrolliert den Button halte, weil ich in Wahrheit gar nichts mehr höre. Denn dann spielt die App den Ton nochmal einige Nuancen lauter vor. Solange, bis ich wieder einen Treffer erzielt habe. Erst dann wird es wieder leiser. Durch diese Methode des Eingrenzens, habe ich zumindest den Eindruck, ermittelt die App wahrscheinlich ziemlich genau, bis zu welcher Lautstärke ich welchen Frequenzbereich noch ausreichend hören kann – und wann nicht.

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Hat man einen Frequenzbereich abgeschlossen, schmeisst die App kurze Infos ein. Zum Beispiel die unschöne Nachricht, dass ein «unbehandelter Hörverlust» das Risiko für Demenz steigere. Netterweise wird mir nach jeder Runde angeboten, eine Pause zu machen, um mich und meine Ohren zu erholen. Darauf möchte ich allerdings verzichten, mich hat erneut der Ehrgeiz gepackt.

Unterschiedliche Test-Ergebnisse

Nach knapp 20 Minuten verrät der Mimi-Hörtest, wie ich abgeschnitten habe. Und siehe da: Mein Hör-Vermögen beträgt auf einmal 96-97%. Damit liegt mein Höralter laut Mimi bei 18 Jahren! Veranschaulicht wird mir dieser Erfolg anhand verschiedener Diagramme und Grafiken, die mir als Laie zumindest vermitteln können, dass alle Werte im grünen Bereich liegen. Das relativiert zwar meine anfängliche Sorge, unterdurchschnittlich schlecht zu hören. Wie es wirklich um mein Gehör steht, weiss ich nach diesen beiden unterschiedlichen Testergebnissen aber nicht.

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Trotzdem kann die App helfen. Hörstörungen würden nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ungewöhnlich stark vernachlässigt, schreibt Manfred Gross, Audiologe an der Berliner Charité auf der Mimi-Webseite. Dadurch werden mögliche Therapien zu spät begonnen. Die App biete eine hervorragende Möglichkeit, sich im gewohnten Umfeld selbst zu testen und einen ersten Eindruck davon zu bekommen, wie es um das Hörvermögen stehe. Auch Alison Grimes, Audiologin an der University of California Los Angeles, hält die Apps für sinnvoll. «Es geht nicht um absolute Genauigkeit, sondern vor allem darum, die Leute auf eine mögliche Hörschwäche aufmerksam zu machen.» Schon vor 30 Jahren habe es zu diesem Zweck schliesslich schon Hörtests per Telefon gegeben.

Inzwischen will Mimi aber nicht mehr nur Gutes tun. Mit dem integrierten «Mimi-Player», der ab Herbst als Stand-Alone App zur Verfügung steht, kann man seine eigene Musik hören und dabei jedes einzelne Lied individuell an die eigene Hörleistung anpassen. Der Mimi-Player legt dafür meine individuellen Test-Ergebnisse zugrunde. Klingt grossartig, im Wahrsten Sinne des Wortes. Etwas ähnliches verspricht schliesslich auch das Indiegogo-Projekt Aumeo und hat dafür schon fast 280’000 Dollar gesammelt. Eine App, die dasselbe verspricht wie das über hundert Dollar teure Extra-Gerät, weckt meine Begeisterung.

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«Mimification» für den ultimativen Klang

Allerdings nicht für lange. Einmal durch den Mimi-Player gejagt, hört sich Paul Kalkbrenners Berlin Calling Soundtrack eigentlich nur lauter und dumpfer an. Die App-Betreiber erklären mir daraufhin, «Die ‘Mimification’ wird von Usern ganz unterschiedlich genutzt, abhängig vom Musikgenre, individueller Hörfähigkeit und Geschmack.» Mimification ist ein patentiertes Verfahren, durch das nur die Lautstärke der Frequenzen erhöht wird, die man schlecht hört. Die maximale Lautstärke bleibe jedoch gleich. «Somit reduzieren manche Nutzer sogar die Gesamtlautstärke, ohne dass dadurch ‘weniger’ oder ‘schlechter’ zu hören», so Eva-Maria Zoll. Es geht also nicht nur um besseren, sondern auch um gesünderen Klang.

Darüber hinaus soll der Mimi-Player neben meiner Musik auch den «Live-Sound» im Alltag verbessern. Basierend auf dem gleichen Prinzip werden die Frequenzen, die ich schlecht verstehe, lauter abgespielt. Einen Unterschied zum realen Hören kann ich schon beim ersten Versuch ausmachen: Das Tippen auf meiner Tastatur, über das ich sonst hinweg höre, ist auf einmal omnipräsent und die Gespräche meiner Kollegen im Nebenraum klingen ungewohnt laut. 

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Alison Grimes bleibt dennoch skeptisch. Zwar sei das Hörvermögen sehr subjektiv. «Die Idee eines individuellen Hörens im Sinne eines Fingerabdrucks geht ein bisschen weit», so die Expertin. Sinnvoll könne eine solche App dagegen für Leute sein, die etwa hohe Frequenzen nur noch schlecht hören. Um zu testen, ob man selbst vielleicht zum Ohrenarzt gehen sollte, brauche es allerdings nicht unbedingt ein Smartphone, so die Ärztin. «Man kann sich genauso gut fragen, wie oft man seine Gesprächspartner bitten muss, etwas noch einmal zu wiederholen.» Mimi gibt es gratis für iOS und Android.

Mimi gibt es gratis für iOS und Android.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.