Gleich die erste Nacht ist ein Reinfall. Als ich am Morgen das iPhone mit grossen Erwartungen umdrehe, starrt mich ein blanker Bildschirm an. «Nicht genug Daten; Sie haben nicht lange genug geschlafen.» Mein schwerer Kopf und dunkle Erinnerungen an den Abend geben dem Programm Recht.

In der kommenden Nacht versuche ich es wieder, dieses Mal ein bisschen früher und ohne Bier. Ich stelle den Wecker der App auf 7.30 Uhr, wähle als Klangwelt «Peaceful Garden» aus, lege das iPhone mit dem Gesicht nach unten auf den Rand meiner Matratze – und hoffe auf eine lange Nacht mit guten Träumen.

Eine Art Traumfänger

Denn nichts Geringeres verspricht «Dream:On». Das Programm soll dafür sorgen, dass böse Träume verschwinden und durch Blumenwiesen, aufregende Reisen oder einen Strandurlaub ersetzt werden. Die App bemerkt anhand der Matratzenbewegungen, wann man wie tief schläft und streut, ohne dass man es merkt, im optimalen Moment Geräuschkulissen ein, die die Gedankenströme beeinflussen.

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Am Morgen erwacht man erholt, weil man ja die ganze Nacht über eine Blumenwiese gehüpft ist – und kann die Träume dem Rest der Dream-On-Community mitteilen. So soll ganz nebenbei ein riesiges globales Traumtagebuch entstehen, das uns Aufschluss darüber gibt, wie das eigentlich funktioniert, mit dem Träumen. 

Strandklänge für nächtlichen Sonnenschein

Vorgestellt wurde das Projekt auf dem 2012 Edinburgh International Science Festival. Seitdem haben nach Angaben der Macher mehr als eine halbe Million Menschen mitgemacht und mehr als 13 Millionen Träume geteilt. Die ersten Ergebnisse zeigten, dass die Träume tatsächlich von der gewählten Klanglandschaft beeinflusst seien. Wer das Thema Natur wähle, schreibt das Dream:On-Team auf seiner Webseite, der träume in der Tendenz öfter von Grünzeug und Natur. Wer sich für den Strand entscheidet, auf den scheint auch in tiefer Nacht noch häufig die Sonne herunter. Die Stadt-Klänge wiederum sorgten für bizarre Träume, Naturtöne erhöhten die Chance auf positive Erlebnisse. Und noch eine Vermutung habe sich bestätigt: In Vollmond-Nächten sind unsere Träume besonders wild. 

Sollten die Erkenntnisse Bestand haben, könnte das unser Leben ein kleines bisschen revolutionieren. So bestimme etwa der letzte Traum vor dem Aufwachen die Stimmung, mit der man in den Tag startet, erklären die Schlafforscher von Dream:On. «Wenn wir diesen Traum beeinflussen könnten, dann liesse sich so ganz einfach ein Lächeln auf das Gesicht von tausenden von Menschen zaubern.» Selbst bei der Behandlung von Depressionen könnten Träume in Zukunft eingesetzt werden. Denn die Betroffenen träumten meist länger, häufiger und negativer. Zumindest ohne Dream On.

Ein wenig wie im Schlaflabor

Das alles klingt nach der vielleicht aufregendsten App aller Zeiten. Nur: Bei mir funktioniert das in den Test-Nächten so gar nicht. Denn auch in der zweiten Nacht läuft es nicht rund. Vor lauter Aufregung kann ich lange nicht einschlafen. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, schliesslich wird von mir langer Schlaf und guter Traum verlangt. Ein bisschen ist das vermutlich wie im Schlaf-Labor, wenn man doch bitte auch genauso schläft wie immer, auch wenn man dabei an Maschinen angestöpselt und mit Dutzenden Kabeln verbunden ist. 

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Zwar bekomme ich in dieser Nacht genug Stunden zusammen, um der App Daten für eine angemessene Schlaf-Analyse zu hinterlassen. Aber als das Programm mich auffordert, ihm den Inhalt meiner Träume mitzuteilen, muss ich passen: In meiner Traum-Landschaft herrscht gähnende Leere, im wahrsten Sinne des Wortes. Vage erinnere ich mich an das schemenhafte Bild meines iPads, das einen grossen Sprung im Display hat. Aber das erscheint mir zu banal, um es mit der Community zu teilen.

Das Programm döst unbeeindruckt weiter

Und auch bei der Analyse meiner Nacht schwächelt Dream On. Laut App habe ich sieben Stunden und 54 Minuten Schlaf hinter mir, ohne Unterbrechungen. Um kurz nach Mitternacht bin ich angeblich eingeschlafen, habe noch vor 1 Uhr meine erste Tiefschlafphase erreicht und die bis zum Wecker um halb acht nicht mehr wirklich verlassen. Leider stimmt das nicht, denn gegen drei Uhr entlud sich, dem Geräusch nach zu urteilen, genau über meiner Wohnung das erste Sommergewitter – und ich sass innerhalb weniger Zehntelsekunden senkrecht im Bett. Dream On döste unterdessen unbeeindruckt weiter – und bekam von meinem nächtlichen Schrecken gar nichts mit. 

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.