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Interaktion
Kuscheltreffen mit einer App organisieren

Kuschelpartner: Die App bringt Menschen näher zusammen.  CarbonNYC [in SF!]/flickr/CC

Völlig Fremde für schnelle Online-Abenteuer zu treffen liegt seit Tinder im Trend. Cuddlr möchte die Kuschel-Party zurück aufs Smartphone holen. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Von Thorsten Schröder (Bold Economy)
am 13.10.2014

Am Nachmittag nehme ich all meinen Mut zusammen. Ich setze mich in ein Café in der Nähe meiner Wohnung, bestelle mir einen Kaffee und öffne die App. Sechs Namen leuchten auf, viel mehr als ein Foto gibt es nicht. Alle befinden sich nur wenige Minuten entfernt, allerdings war in den vergangenen 24 Stunden niemand online.

Ich beschliesse, es zunächst mit einer Frau zu versuchen. Irgendwie traue ich weiblichen Nutzern weniger kriminelle Energie zu - und platonisches Kuscheln erscheint mir mit einer völlig Fremden ein bisschen weniger awkward als mit einem Mann, den ich vorher noch nie gesehen habe.

Platonische Kuschel-Orgien

Denn um nichts Anderes geht es hier. Cuddlr ist Tinder ohne Fummeln. Die App steht bereit, wenn man gerade einfach mal eine starke Schulter, eine dicke Umarmung oder eine Stunde Kuscheln braucht - und dafür niemand zur Hand ist, den man bereits kennt. In der Zeit ohne Smartphone gab es für sowas Parties, auf denen sich fremde Menschen zur platonischen Kuschel-Orgie trafen. Wem das ein Wohlfühlgefühl geben soll, habe ich mich schon damals gefragt.

«Cuddlr basiert auf dem Glauben, dass wir nicht genügend Gelegenheiten haben für sichere, einvernehmliche, nicht fest definierte, kommunikative, lustige, alberne, ernste oder spontane physische Zuneigung ohne spezielle Erwartungen», heisst es völlig selbstverständlich auf der Webseite. Und fast glaubt man, dass genau das bisher fehlte in unserer Welt.

Gemeinsam im Bett liegen, verträumt mit den Haaren spielen

Bei Cuddlr wird nicht nach Attraktivität ausgewählt, sondern nach Kuschel-Kompatibilität - Filter für Alter und Geschlecht gibt es nicht. Laut Cuddlr ist alles möglich, solange es nicht zu intim wird. Gemeinsam im Bett liegen, verträumt mit den Haaren spielen, den Kopf entspannt in den Schoss eines Fremden legen. «Redet miteinander und findet etwas, das Euch beiden Spass macht», erklärt die App das Kuschel-Einmaleins. Versteht man sich besonders gut, kann man sogar ein gemeinsames Kuschel-Selfie schiessen.

Aber erstmal muss ich jemanden zum Kuscheln finden. Ich schicke eine «Cuddle»-Anfrage an Sora. Sora ist laut Foto eine harmlose, nette, kleine Asiatin. Eine halbe Stunde hat sie nun Zeit, auf meine Anfrage zu reagieren. Sollte sie sich melden, gibt Cuddlr unsere Position preis und zeigt uns den schnellsten Weg zueinander. Es soll schliesslich nicht lange gefackelt werden. Um den Cuddlrn den Druck ein wenig zu nehmen, bietet die App die Möglichkeit, das Kuschel-Treffen zwar anzunehmen, aber auf später zu verschieben. Schliesslich hat nicht jeder spontan am Nachmittag Zeit, zu kuscheln, nur weil jemand anderem gerade danach ist.

 Bisher wenig Bewertungen

Ich warte und trinke meinen Kaffee, mein nervöser Blick wandert immer wieder zu meinem iPhone. Was, wenn sie meine Anfrage annimmt? Liege ich dann in wenigen Minuten mit einer bis dahin völlig fremden Person im Bett und kuschele? Und warum macht mich der Gedanke daran so nervös, wo es doch dank Tinder und Grindr und OkCupid seit Jahren völlig normal ist, mit Fremden noch ein paar Schritte weiter zu gehen? Doch genau das ist die Frage: Was ist intimer, wo sind die Erwartungen klarer, an Intimität und an die eigenen Grenzen?

Eine Antwort auf all meine Fragen bleibt mir vorerst erspart. Ich bin ein bisschen erleichtert, als die halbe Stunde vorbei ist, ohne dass ich von Sora höre. Hat sie kalte Füsse bekommen, hat der Gedanke, sich mit einem Mann zum Kuscheln zu treffen, ihr Angst gemacht? Zwar zeigt die App in der Theorie an, wer sich beim Kuschel-Date bewährt und benommen hat und wer nicht. Aber weil die App nagelneu ist, liegen bei keinem meiner potentiellen Partner bislang Bewertungen vor. Alles, was man hat, sind ein Foto und ein Name.

Eric sieht klein und harmlos aus

Ich versuche es noch einmal. XX ist die einzige andere Frau in meiner Liste. Ich klicke auf «Cuddle now», versuche mich mit einem Buch abzulenken und warte. Aber auch dieses Mal kommt keine Reaktion. Würde es helfen, wenn man neben seinem Foto ein paar Zeilen über sich schreiben könnte? Wenn man erklären könnte, warum man hier ist und was man sucht? Die halbe Stunde verstreicht, ich klicke mich durch die Profile der männlichen Cuddlr. Kurz überlege ich, Joshua eine Anfrage zu schicken, aber die Tatsache, dass er sein Gesicht hinter seinen Händen verbirgt, schreckt mich ab. Ich entscheide mich für Eric. Er sieht klein und harmlos und lustig aus, nichts deutet darauf hin, dass Eric mich in eine dunkle Ecke zerren oder wegsperren könnte. Als auch er nicht reagiert, gebe ich auf und laufe nach Hause. Die Welt scheint nicht bereit für schnelle Intimität ohne Sex.

Am Abend auf der Couch dann plötzlich eine Anfrage. Brian möchte mit mir kuscheln. Aber eben: Ich sitze auf der Couch, habe meine Jogginghose an und gucke einen Film. Gerade fühle ich mich ganz wohl, so alleine. Ich lasse die halbe Stunde verstreichen, ohne zu reagieren.

Cuddlr ist gratis und bislang nur für das iPhone zu haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.

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