Sein Hausarzt, wenn er denn einen hätte, würde ihn rügen: «Ich esse weder Salat noch Gemüse, sondern Fleisch, Brot und Käse. Und Sport treibe ich auch keinen!» Dr. Ole Wiesinger lacht laut, als er diese Sünde in seinem neu gestylten Büro im Zürcher Seefeldquartier offenbart. Als Arzt und Biologe weiss er sehr wohl, was Ärzte ihren Patientinnen und Patienten raten. Und als CEO mit mehr als 150 Tagen Erfahrung kennt er seine Vorbildfunktion genauso gut wie zuvor als Direktor der Klinik Hirslanden Zürich.

Ist Ole Wiesinger der Typ «Chefarzt einer Arztserie», dem alles in den Schoss fällt und dessen Lebensweg so gradlinig verläuft wie die Wasserlinie des Zürichsees an einem windstillen Tag? Nein, auch wenn «Sunnyboy» als Spitzname zu ihm gepasst hätte als Arzt an deutschen Kliniken, so gab es doch Wellen und Hürden in seinem Leben.

Komplexe Familienstrukturen

Zuhause im ländlichen Oberägeri kann er zum Beispiel eine typische Patchwork-Familie zu Tisch bitten: Vier Kinder von zwei Frauen und zwei Männern. Wie bitte? Katarina stammt aus erster Ehe und studiert in Zürich. Ihre jüngere Schwester Leonie lebt bei Ehefrau Nummer eins in Deutschland. Tim stammt aus der ersten Ehe der heutigen Ehefrau. Und der sechsjährige Julius ist der gemeinsame Sohn von Wiesingers. Alles klar?

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Auch der Einstieg in seinen Traumberuf Chirurg verlief schwierig. Nachdem ihm schon als Bub klar war, «dass ich den Leuten den Bauch aufschneiden wollte», erhielt er wegen des Numerus Clausus mangels Durchschnittsnote 1 die Zulassung zum Medizinstudium nicht auf Anhieb. Also entschied er sich 1980 für Biologie und Chemie. Dank seiner Hartnäckigkeit eroberte er nach sechs Jahren endlich einen Studienplatz an der medizinischen Fakultät Erlangen-Nürnberg. So kam es, dass er zwei Studien absolvierte.

Glücklich als Arzt und Klinikchef

Parallel dazu liess sich der beseelte Student als ehrenamtlicher Rettungssanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes ausbilden und fuhr in seiner Freizeit 1000 Stunden jährlich mit Blaulicht durch die Gegend, um Menschenleben zu retten. «Damals merkte ich: Du hast ein Helfersyndrom und bist fähig, etwas Sinnvolles zu leisten in deinem Leben», erinnert sich Ole Wiesinger und schaut für einen Moment etwas nachdenklich über den weiten See. Nur logisch, dass er sich zum Notarzt ausbilden liess und mit der Rega flog. Bis 2004 stand er nebenher als Blaulicht-Doktor im Einsatz.

Heute sitzt Wiesinger «weit weg vom Schuss in einem kahlen Glaskasten», wie der CEO sein neues Edelbüro auf der 7. Etage beschreibt. Er hätte gerne Geld gespart und die Büromöbel seines Vorgängers übernommen, beeilt er sich zu sagen. «Doch nach 30 Jahren ging das leider wirklich nicht.»

Sein Vorgänger ist gleichzeitig sein Entdecker: Seit einer Begegnung an einem Ärztekongress in Freundschaft verbunden, suchte der damalige CEO von Hirslanden, Robert Bider, in der Gruppe einen Job für Ole Wiesinger. Denn Wiesingers Gesundheits-Ökonomie-Studium mit anschliessender Spezialisierung auf Fallpauschalen sowie seine Erfahrung in der Klinikführung eröffneten neue Perspektiven für Hirslanden. Im Frühjahr 2003 entschied sich Wiesinger nach einem intensiven inneren Kampf gegen einen gleichwertigen Job in Leipzig und wurde Klinikdirektor von Hirslanden Zürich.

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Wie war der Um- und Einstieg? «Ich landete mitten im Trubel. Doch da ich sehr kontaktfreudig bin und die tägliche Nähe zu Ärzten und Patienten schätze, war ich ein zufriedener Klinikdirektor.»Heute sitze er oft in Meetings, zum Beispiel im hauseigenen Sitzungszimmer mit dem sich bewegenden Kunstwerk an der Wand, oder aber in Südafrika, umringt von den Kollegen des internationalen Boards der Medi-Clinic. Fehlt ihm der Beruf des Klinikdirektors?

Nachdem Ole Wiesinger gestanden hat, dass er die Dynamik des Spitalbetriebs vermisst, wird seine Stimme sehr geschäftlich: «Medi-Clinic war unser Wunschpartner. Denn erstmals in unserer Geschichte hat Hirslanden einen Eigentümer, der etwas vom Geschäft versteht und im Alltag dieselben Probleme bewältigen muss wie Hirslanden. Klare Vorteile unserer Zugehörigkeit zu einem bedeutenden Spitalkonzern sind seine Innovationskraft sowie die unternehmerische Bereitschaft, rasch zu entscheiden und Projekte professionell und schnell zu realisieren.» Seine Aufgabe sei es nun, gemeinsam mit den Kollegen der sechsköpfigen Konzernleitung aus einer Gruppe von vorläufig 13 Kliniken eine Klinikgruppe zu zimmern und diese in die internationale Gruppe zu integrieren.

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«Wir wollen zusammenstehen wie eine Eins!» Dies mit dem Ziel, den Kernleistungs- und den Wertschöpfungsprozess der Spitalgruppe zu optimieren. «Und unsere Patienten - wir sehen diese bewusst nicht als Kunden, sondern als Gäste - zufrieden zu stellen.» Begriffe wie Aufnahme, Entlassung und Verlegung stammten aus dem Strafvollzug, enerviert sich der 47-jährige CEO. «Diese brutale Sprache des Gesundheitswesens empfinden wir als unschön.»

Man wolle beweisen, dass es sich lohne, eine Zusatzversicherung abzuschliessen. «Wir müssen die Leistung erbringen, welche die Krankenkassen ihren Mitgliedern versprechen! Dies bedingt reibungslose Abläufe ohne Informations- und Zeitverlust.»

Finanzkrise kaum gefährlich

Um den Erfolg zu sichern, sei der weitere Ausbau der Privatklinikgruppe Hirslanden zwingend nötig. Schliesslich sei man ein starkes Flugzeug mit einer gesunden Flughöhe. Und die Krise? Sorgt sie nicht für Sinkflüge? «Doch, aber nur bei den Verkaufspreisen der Spitäler», freut sich der CEO. «Darum und weil wir es gewohnt sind, jährlich hohe Investitionssummen ohne staatliche Subventionen aus unserem Betriebsbudget aufzubringen, kann uns die Finanzkrise kaum etwas anhaben.»

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Auch wenn er es nicht ausgedeutscht haben will: Hirslanden investiert pro Jahr rund 10% des Umsatzes. Das waren 2008 rund 100 Mio Fr. Das Geld für die Akquisitionen stamme vom Mutterkonzern, auch wenn man selber seit kurzem punkto Umsatz ein Milliardenkonzern mit 4141 Vollzeitstellen und 72000 Patientennächten und 200000 ambulanten Patienten pro Jahr sei, führt Wiesinger aus.

Genf fehlt noch auf der Karte

Welche Akquisitionen als Nächstes auf der Traktandenliste stehen, will Ole Wiesinger nicht sagen. Doch es ist unschwer zu erraten, dass die Region Genf im Fokus der Hirslanden-Privatklinikgruppe steht.

Würde sich Ole Wiesinger ins Bett einer hauseigenen Klinik legen? Er zögert aus persönlichen Gründen: «Ich habe null Erfahrung mit Krankheiten und Medikamenten. Abgesehen von meinen zwei Vitamintabletten, die ich seit 20 Jahren jeden Morgen schlucke und die es mir ersparen, Gemüse und Salat zu essen, nehme ich gar nichts zu mir. Ich war bisher auch von Unfällen und Krankheiten verschont.» Wäre er aber gezwungen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, dann lieber in einer Hirslanden-Klinik als anderswo. «Allein schon um die grosse Kunstsammlung der Hirslanden-Klinik Zürich zu geniessen», sagt er mit einem Augenzwinkern.

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Die Schönheitschirurgie oder das Diätprogramm eBalance hingegen muss Ole Wiesinger nicht nutzen: Auch wenn unschwer zu erraten ist, dass er ein Arbeitstier ist, sieht der Nichtsportler so fit aus wie ein Läufer und sein Turnschuh.