Durch mangelnde Bürohygiene stirbt niemand, deswegen hat das Thema nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt», sagt Thomas Hofmann, Dozent für Hygiene am Institut für Facility Management der ZHAW. Tatsächlich fallen Büroarbeitern nach einem Arbeitstag zwar die von der Tastatur klebrigen Finger auf, grosse Bedenken sind damit aber nicht verbunden. Panik ist bei der Bakte­rienfauna im Büro nicht angebracht, dennoch sollten sich Büroarbeiter vergegenwärtigen, dass sie den Grossteil ihres Tages in einer Brutstätte für Bakterien verbringen. Dabei ist es interessant zu wissen, auf welchen Geräten sich die Bazillen am liebsten verbreiten und welche Personengruppen am meisten Keimen ausgesetzt sind. Relevant ist das Thema zunehmend auch für das betriebliche Gesundheitsmanagement, das sich mit der Frage beschäftigt, wie Büroräumlichkeiten möglichst keimfrei eingerichtet und gestaltet werden können. Studien zur Bakterienbelastung am Arbeitsplatz bringen dabei interessante Details zutage: So sollen Männerbüros weit stärker mit Keimen belastet sein als gemischte und Frauenbüros.

«Menschen verbringen immer mehr Zeit in geschlossenen Räumen, dennoch wissen wir bisher kaum etwas darüber, welche Bakterien und Viren es dort gibt, wo wir arbeiten», sagt Studienautor Scott Kelley von der San Diego State University. Für ihre Studie haben die Forscher in den untersuchten Büros standardisierte Proben entnommen, indem sie mit einem speziellen Wattestäbchen 13 Quadratzentimeter der Oberfläche abstrichen. Alle Proben wurden daraufhin auf Nährböden angebracht und bebrütet, um die Anzahl der Keime zu bestimmen. Die Bakteriendichte auf Männerschreibtischen war dabei deutlich höher. Die Forscher haben dafür verschiedene Erklärungsversuche: «Männer sind dafür bekannt, dass sie ihre Hände seltener waschen als Frauen», sagt Krissi Hewitt von der San Diego State University. Zur Entlastung der Männer nennen die Forscher aber auch noch einen anderen Grund: Weil Männer im Allgemeinen grösser seien als Frauen, hätten sie auch eine grössere Hautoberfläche. Auf ihnen könnten sich daher mehr Mikroben ansiedeln.

Geteilte Geräte problematisch

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Viele Büromikroben sind dabei einfach harmlose Bewohner der menschlichen Haut oder der Schleimhäute von Nase und Mund. «Wir fanden bei der Untersuchung von 90 Büros in drei Städten aber auch eine überraschend hohe Anzahl von Keimen, die aus dem menschlichen Verdauungstrakt stammen», so Studienautorin Hewitt. In geringeren Anteilen fanden die Forscher auch Bodenmikroben und – ebenfalls für sie überraschend – Bakte­rien, die normalerweise nur in heissen Quellen und anderen extrem warmen Umgebungen vorkommen. Auch die Zahl der gefundenen Bakterien ist beeindruckend. In einer Studie der Universität Oregon wurden in 155 Arbeitsräumen durchschnittlich mehr als 30 000 verschiedene Bakterienarten entdeckt, verteilt auf die verschiedensten Bürogeräte. Besonders belastet seien dabei Tastatur, Telefon, aber auch Kaffeemaschinen (siehe Bildergalerie oben). Die Grösse des Raumes, die Häufigkeit der Nutzung und die Art der Belüftung beeinflussten dabei die Anzahl und die Art der vorkommenden Bakterien. Aber sind diese Bakterien denn nun gefährlich? Bei einer Mehrzahl der 30 000 Bakterien wisse man dies schlicht nicht, so die Studien­autoren. Gerade deshalb sei ein Bewusstsein für die Keimbelastung wichtig.

Bereits bei der Planung können Firmen präventiv auf die drohende Bakterienbelastung in Büros reagieren. «Beispielsweise bei Teppichen und Bodenbelägen», sagt Thomas Hofmann von der ZHAW, «Teppiche wirken als Schmutzabsorber und sind als quasi dauerfeuchte Bodenbeläge oft sogar der Kulturboden für Schimmelpilze.» Auch der Trend zu Hohlböden, also doppelten Böden in Büros, unter denen der Kabelsalat von PC und Computer verschwindet, seien ideale Brutstätten für Bazillen, da diese bei der Reinigung oft vergessen würden.

Selbst bei der Wartung von Arbeitsgeräten, sollte auf die starke Keimbelastung geachtet werden, erklärt Hofmann. So sollten etwa Tastaturen lieber periodisch ausgetauscht werden, da die Reinigung durch die vielen Ritzen fast unmöglich sei: «Tastaturen gelten als vielseitig bewohnte Oberflächen, da wir unsere Finger den ganzen Tag darauf haben.» Grundsätzlich sieht Hofmann bei der Planung von Büros- und Arbeitsplätzen noch Nachholbedarf bei den Firmen: «Zwischen Planung und Endzustand der Büroräumlichkeiten klaffen immer noch erhebliche Lücken.»

Tonerdrucker weniger eine Gefahr

Die oft kolportierte Belastung durch Tonerdrucker, die schädliche Partikel in die Büroluft schiessen, scheint hingegen vernachlässigbar. «Wir haben in einer vor kurzem abgeschlossenen Studie über 50 Grossraumbüros in der Schweiz hinsichtlich Partikel und Innenraumluftqualität untersucht und in aller Regel eine gute Raumluftqualität gefunden», erklärt der Hygiene- und Facility-Management-Experte Hofmann. Was ist aber das drängendste Keimproblem in den Büros der Schweiz? In dieser Frage sind sich alle Experten einig: Es sind Geräte, die von mehreren Mitarbeitern gemeinsam genutzt werden, hier sei auch die Ansteckungsgefahr von Krankheiten gegeben. Dazu gehörten beispielsweise auch immer öfter gemeinsam genutzte ­Tablets.

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Ruedi Josuran vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement Schweiz sieht hier Handlungsbedarf: «Zu berücksichtigen ist bei allen Geräten mit Händekontakt, ob sie nur von einer oder von vielen verschiedenen Personen, eventuell sogar mit Kundenkontakt, genutzt werden.» Auch An­dreas Krause, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, sieht das Hauptproblem bei den gemeinsam geteilten Bürogeräten: «Etwa in Callcentern teilen sich mehrere Mitarbeiter eine Tastatur. Hier muss das Betriebliche Gesundheitsmanagement aktiv werden.» Aber müssen sich Firmen überhaupt um die Hygiene an den Arbeitsplätzen ihrer Mitarbeiter kümmern, oder sollten die Mitarbeiter nicht einfach selbst Desinfektionssprays kaufen und ihr Telefon abwischen?

Nach Meinung von Krause ist auch ­Hygiene im Büro ein wichtiger Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements: «Gesundheit ist eine Führungsaufgabe. Erfolgreiche Betriebe, die auf motivierte Mitarbeiter setzen, unterstützen ihre Mitarbeiter dabei, ihre Gesundheit zu fördern.» Daher greife das Argument, jeder sei für seine Gesundheit selbst verantwortlich, zu kurz: «Hygiene gehört zu den ersten Feldern des betrieblichen Gesundheitsmanagements», so Krause.