Walter Lüthi hat den schönsten Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann - und dies nahe dem Zentrum von Zürich! Er sieht auf einen Weinberg, dessen Blätter die ersten Sonnenstrahlen vergolden. Zwischen den Rebstöcken grasen fette Schafe. Würde man einen Rahmen um dieses Idyll hängen, juckte einem Maler der Pinsel in den Fingern.

Aber was fällt dem CEO beim Anblick dieser herrlichen Aussicht ein? Bestimmt denkt er an einen guten Tropfen und einen saftigen Lammbraten? Das darf nicht wahr sein: Er schüttelt den Kopf und lacht. Solche Gedanken seien ihm noch nie gekommen. Wie soll das zusammenpassen? Da sitzt der Chef und Herausgeber der beliebtesten Schweizer Kochbücher mitten in einem Schlaraffenland nahe dem Mythenquai und findet das gar nicht so wahnsinnig umwerfend wie seine Besucher.

In einer Gärtnerei aufgewachsen

Auf das betretene Schweigen reagiert er blitzrasch. «Die Erklärung ist einfach. Ich bin in einer Gärtnerei aufgewachsen. Für mich ist das, was ich vom Bürostuhl aus sehe, einfach ein Stück wunderschöne Natur. Und wann immer ich Zeit habe, halte ich mich im Freien auf. Das hat sich seit meiner Kindheit nicht geändert.»

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Er musste während seiner Schulzeit sieben Tage in der Woche in der elterlichen Gärtnerei mithelfen. «Und weil die Schule gerade nebenan lag, hatte ich sogar in den Pausen meine Ämtli wie etwa Blumen und Gemüse wässern, dazu sehen, dass sie bei starker Sonneneinstrahlung beschattet wurden. Meinem Vater war gar nichts anderes übrig geblieben als sich zu verselbständigen, wenn er seine fünf Kinder ernähren wollte.» Was Lüthi jetzt erzählt, erklärt vieles über sein Berufsleben, das - was die Branchenvielfalt angeht - bunter nicht sein könnte. «Mein Vater war ein Verdingbub. Von ihm habe ich gelernt, dass man nie aufgeben soll, auch wenn der Weg mit noch so vielen Steinen übersät ist.»

Ein Blick auf Lüthis dreiseitigen Lebenslauf spricht für sich: Er hat immer wieder Neues angepackt, drei eigene Firmen gegründet, zusammen mit dem heutigen Axpo-Chef Heinz Karrer den Turnaround bei Intersport durchgezogen, als Direktionspräsident der Mühlebach Holding AG eine der ersten unfreundlichen Übernahmen in der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte überstanden und die anschliessende Integration in den internationalen Grosskonzern AWA vollzogen (Arjo Wiggins Appleton). Bei Swisscom war er für das Coaching des Kaders während des Privatisierungsprozesses verantwortlich. Diese Liste könnte fast beliebig verlängert werden. Wie ein roter Faden zieht sich durch seine Schilderungen eine unbändige Lust, etwas Neues zu wagen.

So etwa, als der gelernte Elektromechaniker in der damaligen Autophon bis zum F+E-Mitarbeiter aufrückte. Beim IT-Anbieter Burroughs arbeitete er sich bis zum Senior Account Manager hoch, obwohl er zu Beginn nur rudimentärste Kenntnisse von Computern hatte. «Ich hatte das grosse Glück, immer wieder an Menschen zu geraten, die an mich glaubten, das hat mich all die Jahre beflügelt, mir die Kraft gegeben, jede freie Minute in die Weiterbildung zu investieren.»

Lüthi ist von einem entwaffnenden Glauben an etwas, von dem andere sagen: «Das geht doch gar nicht.» Beispiel: Bei Hawe-Neos Dental in Gentillo TI zeigte er der Konkurrenz das Schlusslicht. Hawa-Neos Dental stellt Artikel her für Zahnreparaturen und für die Verschönerung des Gebisses. «Ich hatte keine Ahnung davon und unternahm alles, um mein Wissen darüber nicht nur zu vervollständigen, sondern auch mitzuhelfen, dass wir an die Spitze kamen.»

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Lüthi wurde an einem Freitag nach Oslo an eine Fachausstellung geschickt. Dort entdeckte er, dass die Konkurrenz ein Produkt präsentierte, das in seinem Unternehmen kurz vor der Serienreife war. «Ich nahm das nächste Flugzeug in die Schweiz und arbeitete das ganze Wochenende mit dem Ziel, dass unser Produkt marktreif wurde.» Am Montag flog er wieder nach Oslo und leitete mit der verbesserten Version eine Erfolgsgeschichte ein. Dass er vermutlich ein bisschen Werkspionage vor Ort betrieben hatte, beantwortet er mit einem Augenzwinkern.

Er nimmt einen Füllfederhalter und zeichnet Zahnreihen mit komischen Keilen, die man beim Füllen von Löchern benötigt. Die etwas verrückte Skizze sieht aus wie eine Karikatur und liesse sich bestimmt werbewirksam für eine Prophylaxe-Kampagne gegen Karies an Schulen verwenden.

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In die Schlagzeilen geriet er auch, als es ihm gelang, zum ersten Mal in der Geschichte der Jobvermittlung eine computergestützte Version zu entwickeln. Dieses schwierige Unterfangen wurde von der Konkurrenz mit Argusaugen verfolgt. «Die Job Bank AG funktionierte sehr gut, benötigte aber zusätzliches Kapital und so veräusserte ich sie an Denner.» Das wurde von der Presse ziemlich breit ausgewalzt. Aber Lüthi wandte sich schon wieder neuen Aufgaben zu. «Am gleichen Tag, als der Verkauf in der Zeitung vermeldet wurde, erhielt ich fünf Anrufe von Wirtschaftspersönlichkeiten, ich entschied mich für Adia Interim und wurde kommerzieller Direktor mit Gesamtverantwortung für die Niederlassung Schweiz.»

Staunend sitzt man einem Mann gegenüber, der auch heute noch mehr im Sinn hat, als den Betty Bossi Verlag in die Zukunft und damit in eine den veränderten Essgewohnheiten angepasste «Kochphilosophie» zu führen. Was versteht er darunter überhaupt? Blitzschnell macht er wieder eine Skizze. Die senkrechten Linien stehen für die Wochentage, die wagrechten für die drei Mahlzeiten. An allen Schnittstellen gibts einen kleinen Kreis. Dann zeichnet er wiederum behende auf, wann eigentlich in einem modernen Haushalt noch selber gekocht wird. «Der Schwerpunkt liegt bei den Wochenenden. Ansonsten werden viele Mahlzeiten auswärts eingenommen oder es muss ganz rasch gehen.» Grosse Möglichkeiten ortet er noch bei den Zwischenmahlzeiten, die zunehmend einen höheren Stellenwert einnehmen.

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Leidenschaftlich innovativ

Aber das ist nicht die einzige Bau- oder Kochstelle für ihn. Schon wieder hat er den Fülli in der Hand. «Es sind die Innovationen, die uns wieder nach oben reissen», sagt Lüthi und erläutert, was er darunter versteht. Für die Rezepte von Betty Bossi wird eine sogenannte Gelinggarantie abgegeben. Tausende von Männern, Frauen und Kindern haben die einfach und didaktisch gut präsentierten Anweisungen befolgt und sich samt ihrer Gästeschar verwöhnt. «Das sind unserer traditionellen und treuen Kunden. Aber gleichzeitig wächst der Wunsch nach Improvisationen und Anregungen, bei denen man selber das Rezept entweder verändern kann oder es als Ausgang für Eigenkreationen nimmt. Darauf wollen wir vermehrt reagieren.»

Vor ihm liegt ein Exemplar mit dem Titel «Schnelle Vorspeisen, Häppchen und Tapas.» Darin gibt es auch Vorschläge, wie man mit wenigen Handgriffen, Zutaten oder selber kreierten Formen Leckerbissen auf den Tisch zaubert. Lüthi gesteht, dass er selber am liebsten ohne Kochbuch - «einfach nach Gefühl» - in der Küche hantiere. Seine «Fleischtätschen» seien ein Knüller, sagen seine Freunde und essen sie meist direkt aus der Pfanne.

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Unterdessen hat der Fotograf schon zum x-ten Mal den Weinberg und die Schafe ins Visier genommen. Auf dem Heimweg hat man dieses Bild vor Augen. Lüthi hat Recht: Wozu an Lammbraten und Wein denken, wenn doch die lebendigen Tiere und die knorrigen Weinstöcke einen viel stärkeren Eindruck hinterlassen.