Wenn das so weitergeht, bekomme ich noch ein Burnout! «Solche Selbstdiagnosen werden sicher viel häufiger gestellt, als tatsächlich ein Burnout vorliegt», sagt die Soziologin Beate Schulze, die das Empowerment-Programm für Stressmanagement und Burnout-Prävention an der Universität Zürich leitet (siehe «Nachgefragt»). Burnout treffe den Nerv unserer Zeit, beschreibe das Lebensgefühl vieler Menschen in einer beschleunigten Welt ? und dem einen oder anderen erscheine es als ein legitimer Ausweg aus dem «Hamsterrad».

400000 Franken pro Fall

Doch manch falsche Selbstdiagnose und der inflationäre Gebrauch des Begriffs ändern nichts an der Tatsache, dass Burnout existiert. Und viel Geld kostet. Ein Grossteil dieser Kosten lastet auf den Unternehmen, sie zahlen für Absenzen und Produktionsausfälle. Ein Rechenbeispiel: Ein 55-jähriger Mitarbeiter mit einem Jahreseinkommen von 96000 Fr. erkrankt an Burnout, er wird zu 100% arbeitsunfähig. Es dauert ein Jahr, bis er wieder zu 50% erwerbsfähig ist, in seinem neuen Job verdient er 48000 Fr. Die Kosten für Arbeitgeber und Sozialversicherungen belaufen sich auf rund 391000 Fr. ? für einen einzigen Burnout-Fall.

Die Summe setzt sich zusammen aus Lohnfortzahlungen des Arbeitgebers und der Krankentaggeldversicherung, den Individualrenten der IV und der Pensionskasse sowie den Heilungskosten der Krankenkasse für einen stationären Reha-Aufenthalt, Arztbesuche, Psychotherapie und Medikamente. Dass Betroffene nach mehreren Monaten wieder Fuss fassen im Beruf, ist dabei noch optimistisch gedacht: Nach Angaben von Jennifer Wabel, Arbeitspsychologin am Zürcher Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene, sinkt die Chance auf Wiedereingliederung mit der Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Nach sechs Monaten schafft es die Hälfte der Burnout-Betroffenen zurück ins Arbeitsleben, nach einem Jahr ist es noch jeder zehnte, nach zwei Jahren noch jeder fünfzigste. Hinzu kommt, dass längst nicht jeder Wiedereinstieg glückt. Es besteht die Gefahr des «Re-Burnouts», vor allem, wenn sich an den Arbeitsbedingungen nichts geändert hat und bei Betroffenen nur Symptome bekämpft wurden.

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Ganze Teams in Gefahr

Was tun? Burnout in den Betrieben thematisieren und alles dafür tun, dass es gar nicht erst so weit kommt, fordert Jennifer Wabel (siehe Kasten). Mit Arbeitsbelastung und Stress umzugehen, sei ein Punkt. Viel stärker jedoch drücke Beschäftigte die Angst, als nicht mehr belastbar zu gelten.

Arbeitgeber tun also gut daran, auf ihre Mitarbeiter zu achten und die Gefahr rechzeitig zu bannen. Zumal Burnout in Betrieben oft grassiert wie ein Virus, der ganze Teams ansteckt und lahm legt. Gute Voraussetzungen für einen Teufelskreis: Kunden gehen zur Konkurrenz ? sie schätzen es nicht, von Ausgepowerten bedient zu werden. Fitte Mitarbeiter entfliehen der miesen Stimmung ? die Fluktuation steigt, und mit ihr die Belastung für die Übriggebliebenen.

NACHGEFRAGT

«Burnout-Epidemie»

Beate Schulze ist Soziologin an der Universität Zürich.

Der Begriff Burnout wird heute leichtfertig verwendet. Schadet das den Betroffenen?

Beate Schulze: Das Positive an der «Burnout-Epidemie» ist sicher, dass sie viele Menschen ermutigt, Hilfe zu suchen, ohne Stigmatisierung zu fürchten. Andererseits könnte der gegenwärtige Hype in die Normalitätsfalle führen: Wenn alle ein Burnout haben, warum sollten wir uns noch speziell damit beschäftigen?

Wie viele Menschen leiden in der Schweiz tatsächlich unter dem Burnout-Syndrom?

Schulze: Daten gibt es bislang nur für bestimmte Berufsgruppen. Unsere Studie unter 300 Mitarbeitenden in der Psychiatrie hat bei 25% das Burnout-Kernsymptom, also emotionale Erschöpfung, festgestellt. Die bislang einzige Studie in der Allgemeinbevölkerung stammt aus Finnland und geht ebenfalls von 25% aus.

Wird es künftig noch mehr Burnout-Fälle geben?

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Schulze: Wenn wir nicht aufpassen, ja. Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren wie hoher Arbeitsdruck, geringer Einfluss auf den Inhalt der Arbeit oder mangelnde Unterstützung durch Vorgesetze und Kollegen. Hinzu kommt, dass das Klima auf dem Arbeitsmarkt rauer wird. Wer da immer 150% geben will und nicht lernt, mit der Belastung umzugehen, brennt aus.

Inwiefern ist Burnout bei Arbeitgebern ein Thema?

Schulze: Burnout rückt stärker ins Blickfeld. Einerseits aufgrund des Fachkräftemangels. Viele Firmen positionieren sich als «Arbeitgeber der Wahl». Andererseits steigt die Sensibilität für die hohen Kosten, die Fehlzeiten, Produktivitätseinbussen und die hohe Mitarbeiterfluktuation.