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Mein Lieblingsstück
«Der Mensch liebt sie, die kleinen Dinge»

«Der Mensch liebt sie, die kleinen Dinge»
Friedrich Wilhelm Prinz von Sachsen-Gessaphe: Kunstgeschichte im Blut.Quelle: Salvatore Vinci

Friedrich Wilhelm Prinz von Sachsen-Gessaphe und sein venezianisches Modellmöbel.

Von Dirk Boll
am 21.12.2017

Friedrich Wilhelm Prinz von Sachsen-Gessaphe trägt Kunstgeschichte schon in seinem Namen. Denn er stammt von den sächsischen Königen ab; der Markgraf von Meissen, Oberhaupt des ehemals königlich sächsischen Hauses Wettin albertinische Linie, ist sein ältester Bruder. Die grosse Sammeltradition der Familie macht sich auch bei Friedrich Wilhelm, von seinen Freunden Memo genannt, bemerkbar - wenn auch in einem überaus ungewöhnlichen, ja exotischen Sammelgebiet.

Ist Kunst für die Einrichtung?

Wer Objekte der angewandten Kunst erwirbt, tut dies in aller Regel, um sich einzurichten. Und so werden antike Möbel weniger gesammelt, als zur Ausstattung des Lebensumfeldes gekauft; entsprechend stehen Aspekte von Einrichtungstrends im Vordergrund. Im Unterschied zu Sammlungen der bildenden Kunst, die durchaus künstlerische O-Euvre, Perioden oder Schulen abbilden, trägt niemand eine Reihe von Kommoden zusammen, um deren stilistische Entwicklungsgeschichte durch die Jahrhunderte aufzuzeigen.

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Kommodenzimmer
Veritables «Kommodenzimmer».
Quelle: Salvatore Vinci

Dem steht nicht nur der Platzbedarf derartiger Sammlungsobjekte entgegen, sondern auch der Nutzwert antiker Möbel, der ihren Besitz so praktisch gestaltet, aber eben auch für ihr geringeres Ansehen gegenüber der bildenden Kunst, der «l’art pour l’art», verantwortlich ist. Die Sammlung, die Friedrich Wilhelm von Sachsen-Gessaphe zusammengetragen hat, unterscheidet sich jedoch grundlegend von Ansammlungen von Werken der angewandten Kunst: Er lebt mit 46 Modellkommoden!

Veritables «Kommodenzimmer»

Zweifellos ist das geringere Raumvolumen der Miniaturen hilfreich, wie seine Bibliothek zeigt: Auf den Regalböden befinden sich statt Büchern exquisite Zeugnisse des Ebenistenhandwerks. Über die Jahrzehnte ist so ein veritables «Kommodenzimmer» entstanden. Die Möbelchen dieser Gruppe stellen eine nahtlose Abfolge der Stilentwicklung von 1720 bis 1860 dar. Der Hausherr hat allen Versuchungen widerstanden, andere Möbelformen in Modellgrösse dazuzugesellen. «Ich möchte ja Kunstgeschichte dokumentieren und keine Puppenstuben schaffen!»

Dabei ist er beinahe zufällig an die Kommoden geraten. Die erste hat er bereits als Student ersteigert, ganz klar ein hochemotionaler Affektkauf. Erst das Sammlervorbild einer Cousine zeigte ihm, dass es interessant sein könnte, mehrere zu besitzen, weil dann der Erklärungswert des einzelnen Stückes wie auch der Gruppe steigt. Der typische Sammeltrieb zeigte sich bald in einer Wanderung durch die Historie der Gattung, denn in der Kunstgeschichte kennt er sich aus, berät er doch hauptberuflich Sammler der zeitgenössischen bildenden Kunst.

«Ich hatte gar nie vor zu sammeln»

Die O-Euvres zahlreicher Zeitgenossen sind ihm vertraut; er schätzt Überblickssammlungen, die einen Ausschnitt aus der Entwicklung der Künste zeigen. Und so deckt auch seine eigene Sammlung die Blütephase der Ebenisterie ab und reicht von frühen Barockkommoden bis hin zum Historismus des 19. Jahrhunderts. Man findet alle denkbaren Ausführungsformen der grossen Versionen: massiv oder furniert, detailliert geschnitzt oder kostbar eingelegt, versehen mit vergoldeten Bronzebeschlägen oder profilierten Marmorplatten - und alles im richtigen, kleinen Massstab.

Sogar eine Encoignure aus dem 18. Jahrhundert findet sich darunter, eine höchst rare Eckkommode - so etwas ist in der Forschung bislang völlig unbekannt. Alle Sammlungsstücke sind in einem durchweg guten, aber nicht überrestaurierten Zustand, wie man ihn vor allem bei Kleinmöbeln häufig antrifft. «Eine schöne Patina sollte man nicht wegrestaurieren», so der Sammler.

Kampf dem Utilitarismus

Der Zweck dieser Möbelchen war in der Forschung lange umstritten. Man findet einfacher gestaltete Ausführungen, die sicher als Spielzeug hergestellt wurden. Dies gilt aber nicht für hochwertig verarbeitete Kleinmöbel mit feinster Marketerie oder ziseliertem Beschlagwerk. Die Lösung könnte in den Proportionen liegen: Puppenstubeneinrichtung ist stabiler konstruiert, um bespielt zu werden. Dies äussert sich auch in den regelmässig plumperen Details. Ein Modellmöbel hingegen könnte man massstabsgerecht vergrössern und hätte dann ein auch in den Details stimmiges Möbel vor sich. Seltener gibt es auch einfachere Schreinervorbilder, die dazu dienten, einem Auftraggeber zwar keinen singulären Entwurf, aber ein formales Konzept zu vermitteln - möglicherweise durch einen im ländlichen Raum reisenden Zwischenhändler.

Eindeutig ist hingegen der Zweck von Anschauungsobjekten, die auf der Front mittig geteilt unterschiedliche formale Lösungen präsentieren. Ganz selten sind Modellmöbel sogar berühmten Ebenistenwerkstätten zuschreibbar; im sächsischen Kommodenzimmer findet sich eine Kommode, die dem berühmten Meister Thomas Hache aus Grenoble (1664 - 1747) zugeschrieben wird.

Für lange Zeit waren nur Bozzetti aus Ton bekannt, die sich in Museen erhalten haben. Erst moderne Technologien zur Bildrecherche haben weiterreichende Abgleiche ermöglicht, die Modell und Grossausführung zusammenbringen. Im Falle der Sammlung von Friedrich Wilhelm von Sachsen-Gessaphe war ein trainiertes Auge das Instrument der Verknüpfung: Vor einigen Jahren sah ein befreundeter Venedig-Reisender im Palazzo Ca' Rezzonico das Möbel, dessen Modell ihm aus der prinzlichen Sammlung wohlbekannt war. Die hochbarocke Aufsatz-Schreibkommode mit Schnitzereien und eingelassenen Spiegeln ist das Objekt, das Friedrich Wilhelm von Sachsen-Gessaphe als sein Lieblingsstück bezeichnet - durchaus glaubwürdig, denn es nimmt in der Installation seines Kommodenzimmers die zentrale Position ein.

Wie für viele andere hat er für den Erwerb kämpfen müssen. «Sie können in der langweiligsten Auktion sitzen, aber sobald eine Modellkommode aufgerufen wird, kommt Leben in den Saal und die Hände gehen hoch!» Eines seiner Stücke wird heute vom Auktionshaus, bei der er es ersteigert hat, als Rekordpreis der Gattung geführt. Die Wertschätzung für diese Kostbarkeiten scheint regional zu variieren. Der Sammler gibt Wien und München als wichtigste Jagdgründe an. Er wurde aber auch schon in Paris oder New York fündig. «Auf dem Höhepunkt meiner Jagdleidenschaft habe ich beinahe jeden Monat eine Kommode verfolgt, und zahlreiche auch erlegt!»

Bisher in der Serie «Mein Lieblingsstück» erschienen: «Ich habe eine Macke: Ich kann anbeten»