Dummerweise habe er sein Portemonnaie vergessen, das mit der Geldkarte drin. Ob sie ihm nicht eben 1000 Franken leihen könnte? Mehr als 1 Million Franken Schulden hat Hochstapler Guido B. bei gutgläubigen Frauen gemacht - und bei Unternehmen. Erst nach mehr als 20 Jahren hat die Polizei den 50-jährigen Schweizer vor wenigen Wochen in Deutschland festgenommen. Ob seine Gläubiger je ihr Geld wiedersehen, ist mehr als fraglich.

Ein guter Lügner kommt weit - nicht nur bei Frauen. Für Firmen können Lügen schnell zum Problem werden. Vor allem bei Neueinstellungen sind Betrugsversuche nicht selten. Laut einer Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half unter 1210 Personalmanagern in der ganzen Welt nimmt es fast ein Drittel der Bewerber bei den Angaben zur bisherigen Tätigkeit mit der Wahrheit nicht so genau. In der Schweiz sind es «nur» 16 Prozent. Gelogen wird am meisten beim Gehalt und bei den Sprachkenntnissen. 18 Prozent beschönigen ihre Führungsfähigkeiten.

Vielfältiges Arsenal

Die Methoden der Hochstapler sind vielfältig. Mal wird aus einer dreimonatigen Weltreise ein Sprachurlaub, mal wird vorgegeben, vier Sprachen fliessend zu sprechen. Vielleicht wird auch ein Arbeitszeugnis gefälscht oder ein Diplom erfunden. Die meisten Unternehmen vertrauen auf das Gespür ihrer Personalfachleute, wenn es darum geht, solche Beschönigungen aufzudecken.

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Die Migros prüft die Integrität von Kandidaten im Rahmen von Assessments. Bis heute habe man keine wirklichen Betrüger entlarvt, sagt eine Sprecherin. Auch der Lebensmittelmulti Nestlé sieht sich kaum mit Hochstapelei konfrontiert. «Wir wissen jedoch, dass eine Mehrheit der Kandidaten in der Diskussion überhöhte Angaben zur Höhe ihres aktuellen Gehalts macht», sagt Emmanuelle Belin-Batard, Direktorin des Nestlé Rekrutierungszentrums Schweiz.

Die Credit Suisse hat hingegen durchaus erlebt, dass Bewerbungsunterlagen gefälscht oder beschönigt wurden oder dass jemand versucht hat, Lücken im Lebenslauf zu vertuschen. Man setze deswegen auf einen systematischen und klar strukturierten Rekrutierungsprozess, erklärt Daniel Hippenmeyer, Leiter der Rekrutierung Schweiz der Bank. Die Bewerbungsdossiers würden sorgfältig auf inhaltliche Aspekte überprüft. «Fragen, Unklarheiten oder Schwachpunkte in den Bewerbungsunterlagen klären wir im direkten Gespräch. Kommt es zu einem Interview, stellen sich die Kandidaten immer dem Personalspezialisten wie auch einem Vertreter des entsprechenden Geschäftsbereiches vor», sagt Hippenmeyer.

Dass in vielen Firmen die Überprüfung der Bewerbungen allerdings nicht ausreicht, weiss Nicole Schmidt, Managerin des Zürcher Büros von Robert Half. «Bei Bewerbungsgesprächen verlassen sich viele Personalfachleute zu sehr auf das, was sich als wahr anfühlt», sagt die Recruitment-Expertin. Ein guter Hochstapler könne Inkonsistenzen im Lebenslauf leicht überspielen.

Es gibt keinen absoluten Schutz

«Gute Hochstapler sind sehr schwierig zu erkennen und schon gar nicht auf den ersten Blick», erklärt Peter Unternährer, Regionalleiter Bern/Solothurn von Manpower. Die Alarmglocken sollten schrillen, wenn ein Wirtschaftsstudium im Lebenslauf stehe, aber kein Abschlussdiplom vorhanden sei oder wenn der Bewerber die Schule abgebrochen habe. Hilfreich sei es auch, sich selbst als Interviewer und seinen Eindruck vom Kandidaten kritisch zu hinterfragen. Verhindern könne man gewieften Betrug aber auch so nicht immer.

Das hat der Bund letztes Jahr erlebt. Im Januar 2010 flog der Leiter des Kommissariats IV Criminal Intelligence bei der Bundeskriminalpolizei auf. Tiziano Sudaro hatte angegeben, in Barcelona eine Dissertation geschrieben und in Freiburg ein Lizenziat gemacht zu haben. Die Abschlüsse waren jedoch gefälscht.

Der Generalstabsoffizier wusste sich zu verkaufen. Sein Büro schmückte der 44-Jährige angeblich mit Hisbollah-Fahne und CIA-Insignien, auf der Strasse war er im schweren Geländewagen unterwegs, der sich auch bei Rappern in Musik-Videos grosser Beliebtheit erfreut. Schliesslich verpfiff jemand Sudaro. Seinen Arbeitgebern wäre der falsche Doktortitel trotz vorliegender Personensicherheitsprüfungen wohl sonst nicht aufgefallen. «Ich hatte drei Ziele im Leben. 1. Generalstabsoffizier, 2. eine Führungsposition, 3. ein Doktorat. Ich habe alles erreicht», schrieb der Hochstapler noch 2009 in einer Militärzeitschrift.

Dabei ist der Bund schon vergleichsweise auf der Hut, zumindest wenn es um Personen mit Zugang zu geheimen Informationen geht. Eine Fachstelle des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport unterzieht sie vor und während ihrer Anstellung einer persönlichen Befragung. Bei der Personensicherheitsprüfung werde die Lebenssituation und Lebensführung eingehend und möglichst lückenlos durch ausgebildete Fachspezialisten, sogenannte Risk Profiler, ausgeleuchtet, teilt das VBS mit. Doch selbst dies reicht nicht immer aus, wie der Fall Sudaro gezeigt hat. «Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, da nicht jede Aussage oder Angabe auf deren Richtigkeit geprüft werden kann», sagt Martin Bühler vom Verteidigungsdepartement.

«Bei manchen Kandidaten helfen auch zehn oder zwanzig Jahre Berufserfahrung nicht weiter», weiss Nicole Schmidt von Robert Half. Da bleibe nur die Möglichkeit einer genauen Überprüfung des Lebenslaufs, der Urkunden und der Referenzen. In der Schweiz würden vor allem Letztere in der Regel sorgfältiger nachgefragt als zum Beispiel in Deutschland. Doch auch hierzulande gehe man oft doch zu unkritisch vor, allein schon aus Ressourcen- und Zeitmangel. Dass es die Universität gar nicht gibt, an welcher der Kandidat seinen Abschluss gemacht haben will, falle nicht unbedingt auf. «Unentdeckte Schwarze Schafe können Sie deshalb überall haben», sagt Schmidt.


«Es reicht nicht aus, allein aufs Gespür zu setzen»

Ulrich Büchsenschütz, Direktor Control Risks

Wie erkennt ein Personalchef einen Hochstapler?

Ulrich Büchsenschütz: Auf jeden Fall reicht es nicht aus, allein aufs Gespür zu setzen. Gute Hochstapler erkennen Sie selbst in strukturierten, mehrstufigen Interviews nicht. Um Sicherheit zu bekommen, muss ein Unternehmen eine äusserst kritische Überprüfung der Angaben des Kandidaten vornehmen. Zeitabschnitte, Bildungsabschlüsse sollten genau angeschaut, Urkunden und Arbeitszeugnisse bei den jeweiligen Institutionen oder Unternehmen überprüft werden. Referenzen muss man anrufen, eventuell sich vorbehalten, bei den vorherigen Arbeitgebern weitere Meinungen einzuholen oder mal beim Doktorvater nachzufragen. All dies sollte allerdings immer nur im Einverständnis mit dem Bewerber gemacht werden.

Wann sollte man hellhörig werden?

Büchsenschütz: Wenn der Kandidat Abschlüsse an bestimmten Universitäten gemacht hat, von denen bekannt ist, dass man dort sehr leicht sein Diplom bekommen kann. Dann sollten die Personaler genau hinschauen. Ein anderes Indiz kann sein, wenn jemand sehr oft seinen Arbeitsplatz gewechselt hat. Oder wenn der Bewerber Freunde, Nachbarn oder Kollegen als Referenzen angibt.

Sind Schweizer Unternehmen ausreichend gegen Hochstapelei gewappnet?

Büchsenschütz: Grossunternehmen können nicht für jede Position eine Überprüfung vornehmen oder Externe damit beauftragen. Dies findet in der Regel erst ab Abteilungsleiterebene statt oder bei Mitarbeitern, die mit den Finanzen der Firmen zu tun haben.

Wie häufig ist Hochstapelei bei der Bewerbung effektiv?

Büchsenschütz: Kleinere Verschönerungsmassnahmen im Lebenslauf kommen häufiger vor. Seltener sind komplett erfundene Abschlüsse bei Elitenuniversitäten oder Märchen über eine erfolgreiche Tätigkeit als Hedgefonds-Manager. Diese Fälschungen fliegen aber auch leichter auf.