Der Personalchef einer grösseren Bank legte das Dossier des Bewerbers in das Körbchen mit der Aufschrift «Absagen». «Eigentlich würde ich ihn gerne einstellen, aber so, wie er daherkommt, kann ich den Mann nicht an die Front schicken», sagte er. Jemand aus der Marketingabteilung warf dann aber nochmals einen Blick auf die Unterlagen von Marc Weber* – und engagierte ihn. Heute gehört der Mann zu den Impulsgebern des Teams. Keiner schert sich um seine gewöhnungsbedürftige Kleidung oder das Piercing.

Allgemein gültige Bekleidungsvorschriften für die Geschäftswelt gibt es nicht. Sie werden bestimmt durch die Branche, die Grösse des Unternehmens und die Position in der Hierarchie – sogar durch die Produkte, die es zu bewerben oder zu verkaufen gilt. «Passen Sie sich im Zweifelsfall Ihrer Umgebung an.

In einer Werbeagentur werden Sie mit drei Ringen im Ohr kaum auffallen, bei Kunden einer konservativen Privatbank löst womöglich bereits ein Brillantstecker im Ohrläppchen Irritationen aus», beobachtet Petra Begemann, die durch ihren Bestseller «Der kleine Business Knigge» berühmt geworden ist. «Teure Krawatten und Manschettenknöpfe sind okay. Goldkettchen dagegen werden mit Menschen aus dem einschlägigen Gewerbe assoziiert.»

Pochettli haben nur die Genfer

Die UBS versuchte letztes Jahr einen strikten Dresscode einzuführen. Sie geriet weltweit in die Schlagzeilen, weil sie darin rigorose Kleidervorschriften durchsetzen wollte. In der Zwischenzeit ist man bei der Grossbank über die Bücher gegangen und hat den Leitfaden für den Dresscode überarbeitet. Die neuen Bekleidungsrichtli­nien sind viel knapper gehalten als die erste Version. Sie sehen für Mitarbeitende in den Schalterbereichen uniformierte Kleider in den Logofarben rot, schwarz und weiss vor. Der neue, einheitliche Auftritt umfasst laut Sprecherin Eveline Müller ­einen dunklen Anzug, eine rote Krawatte und ein weisses Hemd.

Bei der Konkurrentin Credit Suisse gibt es keine schriftlich festgehaltenen Dresscodes. Dafür aber verschiedene Verhaltensstandards, die sich «pragmatisch» entwickelt hätten, sagt Mediensprecherin Sybille Mani. Mit einer Ausnahme: Für den Private-Banking-Bereich, wo die vermögende Kundschaft betreut wird, existiere ein sogenanntes «Savoire-Faire»-Dokument. Darin wird alles erwähnt, was zum Umgang mit dieser Kundschaft gehört – Verhalten genauso wie Servicequalität und am Rande Kleidervorschriften.

Auch bei den Privatbanken wird aufs Äussere geschaut. «Keine Massanzüge und keine Pochettli», ist die knappe, aber unerwartete Antwort von Konrad Hummler, Teilhaber der St. Galler Privatbank Wegelin. Gleich kurz die Begründung: Massanzüge wirken protzig und aufschneiderisch, Einstecktücher tragen nur die Genfer Banker. Hummlers Vorgaben brauchen keine seitenlangen Elaborate, sie sind einfach zu befolgen.

Laut Thomas Meyer fährt gut, wer sofort klaren Wein einschenkt, wenn es um das äussere Erscheinungsbild geht. «Der junge Mann stellte sich vor, machte einen guten Eindruck, bis auf seine Haartracht. Ich sagte ihm offen heraus, dass ich die barocke Lockenpracht, die bis auf seine Schultern reichte, nicht goutiere und dass ich ihn so nicht auf die Kunden loslassen könne», erzählt der Chef des schweizerischen Arms des Beratungsunternehmens Accenture. Es vergingen keine zwei Stunden und der Mann stand mit kurzgeschorenem Haar wieder vor ihm. Und er bekam den Job.

Anlass zu Beschwerden wegen unangepasster Kleidung gab es bei der Zurich Schweiz noch nicht, wie Franco Tonozzi erklärt. «Unseren Mitarbeitenden ist guter Geschmack in die Wiege gelegt», sagt er schmunzelnd. Anders ist der Alltag für Urs Rellstab, Chef des Kommunikationsunternehmens Burson Marsteller: «Wir gehören zu einem amerikanischen Unternehmen und der Dresscode ist einfach: Im Normalfall Jackett und Hemd, keine Krawatte und der oberste Knopf – aber nur der – offen.» Bei wichtigen Kunden ist der Halsbinder allerdings nach wie vor Pflicht.

Egal, welche Knigge-Ankleideschule man vertritt, die alte Weisheit gilt auch heute noch, dass der erste Eindruck, den ein Gegenüber hinterlässt, innert Bruchteilen von Sekunden gemacht wird. Das gilt nicht nur für Mitarbeiter, die im häufigen Kundenkontakt stehen.

«Wir haben keine landesweiten Vorschriften und appellieren an die Vernunft», sagt Franz Würth, Sprecher der Raiffeisen-Gruppe. Es könne schon sein, dass auf dem Land die Sitten etwas lockerer seien. «Aber Sie werden auch dort niemanden finden, der im Umgang mit Kunden keine Krawatte trägt oder wie ein ­Papagei daherkommt.» Bei Raiffeisen ­verlässt man sich darauf, dass allfällige Ausrutscher in Sachen Kleidung vom ­Vorgesetzten «unter vier Augen geregelt werden».

An der Wichtigkeit des ersten Blitz­urteils rüttelt mittlerweile niemand mehr. Zu klar sind die Indizien. Am häufigsten zitiert wird die Langzeitstudie der Princeton Universität, welche die Zeit, in der entschieden wird, ob jemand in der mentalen Ablage mit der Aufschrift «sympathisch» oder «unsympathisch» landet, auf exakt eine Zehntelssekunde veranschlagt.

Das Gesagte ist fast nebensächlich

Am Massachusetts Institute of Technologie quantifizierten Forscher die ersten negativen oder positiven Eindrücke über Mitarbeitende. Nur ein Bruchteil der ersten Einschätzung entfällt dabei auf das Gesagte. Und mehr als 90 Prozent machen die nichtverbalen Eindrücke aus – darunter hauptsächlich die Kleidung und die Frisur, das Make-up und die Accessoires.

Grund genug also, sich die Ratschläge der Fachleute zu Herzen zu nehmen. Wenn Sie kein Genfer sind, heisst es: Pochettli weg!

* Name geändert

 

Interview mit Silvana Kundert, Imageberaterin, Abtwil: «Lieber einen guten anstatt zwei schlechte Anzüge»

Sie wählen ganze Garderoben für Manager aus. Ist es reine Zeitnot, Unsicherheit oder die Einsicht, dass viele einen schlechten Geschmack haben?

Silvana Kundert:
Natürlich steht der Wunsch, stilvoll gekleidet zu sein, im Mittelpunkt. Und auf keinen Fall würde ich sagen, dass Menschen, welche meine Dienstleistung in Anspruch nehmen, ­einen schlechten Geschmack hätten. Ich denke, es ist oft einfach eine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung: Ich führe die Kundinnen und Kunden direkt zur passenden Kleidung. Das spart Zeit und Geld und gibt die Sicherheit, auch modisch dabei zu sein.

Was ist denn derzeit punkto Kleiderstil definitiv out? Und zwar bei jenen, die genau wissen, dass man in der Geschäftswelt dunkle Anzüge und helle Hemden trägt.

Wenn wir von den Herren sprechen, die wissen, wo sie arbeiten, mit wem sie zu tun haben und was sie selber mit ihrem Auftritt erreichen wollen, dann geht es heute leider oft um kleine Nachlässigkeiten wie etwa den guten Sitz der Kleidung, Sauberkeit und geschmackvolle Kombination.

Ist denn das das einzige Problem von Führungskräften?

Immer und für beide Geschlechter gilt: Sich dem Stil der Branche oder des Unternehmens anpassen. Jeans mit Sakko können in einer Branche oder Unternehmung passend sein, in der anderen total verpönt.

Wie steht es mit Accessoires, wie soll man diese einsetzen?

Sie können einem konser­vativen Outfit Pfiff verleihen, Akzente setzen und Spielraum für eine individuelle Note schaffen. Ich empfehle: Kleiden Sie sich so, dass Sie nicht durch Ihre Kleidung oder ein Zuviel an Accessoires auffallen. Wenn Ihr äusserlicher Auftritt, im Positiven, unauffällig ist, bekommt Ihre persönliche Wirkung umso mehr Gewicht!

Welches sind die grössten Outfit-Pannen?

Nicht anlassgerecht gekleidet zu sein. Und dann natürlich wieder die Details: Schlecht sitzende Kleidung, ­ungepflegte Schuhe mit abgetragenen Absätzen, zu viel Haut zu zeigen, zu freizeitliche Kleidung.

Was ist das Wichtigste?

Kundert: Auf wirklich gute Qualität achten. Lieber einen hochwertigen Anzug oder ein qualitativ hochstehendes Kostüm kaufen als zwei unsorgfältig oder gar schlampig verarbeitete oder leicht knitternde Anzüge. Ob Sie beim letzten Meeting ein graues oder ein blaues Jackett anhatten, wird man weniger beachten, als wenn es schlecht sitzt oder zerknautscht war.

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