Schon als kleines Mädchen wusste Isabelle Welton ganz genau, was sie will. Als Primarschülerin stand sie vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich und beschloss, dass sie hier einmal studieren würde. Und so kam es dann auch.

Jahre später wiederholte sich das Muster: Als sie 2003 Leiterin der Unternehmenskommunikation bei IBM Schweiz wurde, signalisierte sie ihren Vorgesetzten, dass sie dereinst den obersten Chefsessel anstrebe. Auf diesem Stuhl sitzt sie nun, seit Januar dieses Jahres.

Arbeiten in New York und Tokio

Ihr neuer Job als Chefin von 3300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefällt ihr. So viele Beschäftigte zu führen, das gehe nur, indem sie versuche, authentisch zu sein. Darunter versteht Welton «dass ich auch mache, was ich sage». Zudem versuche sie, «visibel» zu sein. So gehe sie beispielsweise oft in die Cafeteria am IBM-Hauptsitz in Zürich-Altstetten und komme dort mit Mitarbeitern ins Gespräch.

Als Chefin will sie zudem Vertrauen schaffen. Ganz in IBM-Manier schiebt Welton nach: «Das geht übrigens auch virtuell.» 300 E-Mails bekommt sie jeden Tag, daneben ist sie erreichbar in internen Chats, per Mobiltelefon, mit elektronischen Nachrichten. Natürlich könne sie nicht auf alle Mails antworten, aber das sei auch nicht nötig: «Mittlerweile habe ich gelernt, die wichtigen Nachrichten von den anderen zu unterscheiden. Ich lösche auch Mails, die mich nicht wirklich betreffen.»

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Entscheiden, was für sie im Leben wichtig ist und was nicht, das kann Isabelle Welton ganz offensichtlich gut. Während ihres Jura-Studiums, das sie wie angestrebt in Zürich absolvierte, zog es die gebürtige Aargauerin das erste Mal ins Ausland. «Mich faszinieren grosse Städte, da blühe ich auf», sagt sie. Sie entschied sich deshalb für einen dreimonatigen Aufenthalt in New York. «In dieser Stadt kann man entweder untergehen, oder man kann diese Stadt lieben.» Logisch, dass sie Letzteres vorzieht. Später zieht sie für ein Austauschjahr nach Tokio, lernt dort Japanisch.

Noch während ihres Studiums begegnet sie ihrem Mann. Bei der Heirat nimmt sie seinen Nachnamen an. Geboren wurde sie als Isabelle Lalive d’Epinay. Mit diesem klingenden Nachnamen hätte sich ihr bestimmt die eine oder andere Türe etwas leichter geöffnet, doch das wollte sie bewusst nicht. «Ich definiere mich über Leistung und nicht darüber, woher jemand kommt.»

Mit ihrem Mann zieht sie nach ihrem Jura-Studium nach Tokio, arbeitet bei der Citibank. 1990 zieht die junge Familie nach Genf um, wo 1991 ihr Sohn geboren wird. Welton pausiert beruflich einige Monate, und 1993 kommt ihre Tochter zur Welt. Sie wollte in Genf eigentlich gerne wieder arbeiten, blickt Welton zurück. Doch am neuen Wohnort hatte sie keine Idee, wie sie ihre beiden kleinen Kinder betreuen lassen sollte. Der Zufall wollte es, dass Weltons neben einer Bauernfamilie wohnten, und als die Bäuerin sie eines Tages fragte: «Vous ne travaillez pas, Madame Welton?» Da kam man ins Gespräch, und die Bauernfamilie wurde schliesslich die Tagesfamilie für ihre Kinder.

Lieber Blackberry als iPhone

1994 ziehen die Weltons zurück nach Zürich. Isabelle Welton steigt mit einem 80%-Pensum bei der Agentur Zintzmeyer & Lux ein, wechselt 1996 zur Zurich Financial Services. Es ist die Zeit, als die Zurich zu einem Allfinanzkonzern heranwächst. Welton ist das erste Direktionsmitglied im Konzern, das nicht Vollzeit arbeitet. Während die Eltern auswärts berufstätig sind, schaut daheim eine Kinderfrau zum Nachwuchs. Ein Modell, das sich für Welton bewährt. «Ich wollte von Anfang an eine Tagesmutter für unsere Kinderbetreuung anstellen. Etwas anderes kam für uns nicht in Frage.» Anfang 2001 wechselt Welton zur EFG-Bank, die damals noch einen Börsengang anstrebte. Doch als dieser nicht stattfindet, ist für sie klar, dass sie sich beruflich neu orientieren will.

Peter Quadri, langjähriger Länderchef von IBM Schweiz, holt Welton 2003 zu «Big Blue» , wo sie bald Mitglied der Geschäftsleitung und Kommunikations-Verantwortliche für die Region Schweiz, Österreich, Central Europe, Middle East & Africa wird. Ein Bündel aus über 40 Ländern, in denen sie teilweise die Unternehmenskommunikation von Grund auf einführen muss.

Auch hier setzt sie stark auf virtuelle Führung, setzt Radiobotschaften als Kommunikationsform ein und chattet mit ihrem Team im Intranet. «Am Anfang bin ich eher zu wenig vor Ort präsent gewesen», resümiert Welton. Sie habe auch Lehrgeld gezahlt. «Radiobotschaften kamen in Osteuropa extrem schlecht an - kein Wunder, schliesslich gab es früher dort Durchsagen am Radio bloss von Erich Honecker und seinesgleichen.» Heute lacht sie darüber. Das viele Reisen, sagt sie, habe sie stets als Teil ihrer Arbeit gesehen: «Das ist für mich weder positiv noch negativ besetzt. Es gehört einfach dazu.» Und dank ihren Gadgets - sie benutzt immer noch einen Blackberry und kein trendiges iPhone, weil sie auf dem Blackberry besser tippen kann - nutzt Welton auch die «tote» Wartezeit auf Flughäfen produktiv für die Arbeit.

Im Jahr 2008 ist die heute 46-Jährige dann für die gesamte Kommunikation der IBM in der Region Nordosteuropa zuständig und ab 2009 leitet sie Marketing, Kommunikation & Corporate Citizenship in der Schweiz und Österreich. Als im Dezember 2009 Daniel Rüthemann, langjähriger Country Manager von IBM Schweiz, unerwartet verstirbt, muss der Chefsessel neu besetzt werden. Welton ist die erste Frau an der Spitze der Schweizer Niederlassung.

Um fünf Uhr aufstehen

Zufall ist ihre Ernennung aber nicht: Frauenförderung wird bei der IBM grossgeschrieben. Ein Drittel aller Beförderungen ist Frauen vorbehalten. In der Schweiz bleibt diese Aussage allerdings Theorie, denn nur rund 20% der hiesigen IBM-Belegschaft sind weiblich. «Wir arbeiten daran, für qualifizierte Frauen die erste Adresse bei ihrer Jobwahl zu sein», so Welton. Das gehe nicht nur, indem man Teilzeitarbeit möglich mache, sondern vor allem dadurch, dass auch berufliche Veränderungen «seitwärts» möglich und sogar erwünscht seien. Will heissen: Auch wenn eine Person in der Kommunikationsabteilung tätig ist, eignet sie sich womöglich bestens für eine Aufgabe im Projekt Management oder in einer anderen Funktion.

Für ihren Job steht Welton um fünf Uhr morgens auf und bearbeitet erst mal eine Stunde lang ihre E-Mails. Um sieben Uhr ist sie im Büro. Rund 40% ihrer Zeit verbringt sie bei Kunden und kümmert sich persönlich um Projekte. Auch mit dem IBM-Forschungslabor in Rüschlikon steht sie in regem Kontakt.

Die Wochenenden verbringt Welton oft im Bündnerland, fährt im Winter Ski oder geniesst auch einfach nur die Sonne. Wenn sie frei hat, kocht sie für die Familie oder für Freunde. «Ich bin eine kreative Köchin», sagt sie über sich. Streng nach Rezept, das liege ihr nicht. Viel lieber pröbelt sie, und dabei kann dann auch mal eine ungewöhnliche Kreation wie «Schnitzel Bolognese» herausschauen.

Stolz ist sie auf die Familie

Beruflich hat Welton nun bei der IBM in der Schweiz erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Mit ihrer Zielstrebigkeit und dem Willen, beruflich vorwärtszukommen, passt Welton so gar nicht ins Schema der helvetischen Durchschnittsfrau.

Doch gefragt, worauf sie besonders stolz sei, kommt von ihr ein erstaunlich traditioneller Satz: «Das ist ganz klar meine Familie.»