Das Kassierteam der Filiale Lugano staunte nicht schlecht, als Lukas Gähwiler die Bank betrat, allen die Hand schüttelte und sagte: «Freut mich, Sie kennen zu lernen. Ich habe vor vielen Jahren auch an einem solchen Schalter gestanden.» So viel zu einer von Gähwilers ersten «Amtshandlungen».

Nachdem die UBS letztes Jahr ihre Struktur in der Schweiz angepasst hatte, wurde ein neues Leitungsgremium geschaffen: Die UBS Schweiz. Die integrierte Führung unter Gähwiler umfasst sämtliche schweizerischen Aktivitäten wie das Privatkunden- und das Vermögensverwaltungs-Geschäft, jenes mit Firmen und Institutionellen, das Investment-Banking und das Asset Management. «Das ist ein klares Bekenntnis zum heimischen Markt», sagt Gähwiler. «Ich will dem Schweizer Geschäft der UBS ein Gesicht und eine Stimme geben», verspricht er.

Neues, unverbrauchtes Gesicht

Wenn es etwas gibt, das diese Bank braucht, ist es ein neues, unverbrauchtes Gesicht. Gähwiler ist das pure Gegenteil der alten Garde: Jung, er wirkt noch jünger, als er ist, versprüht Tatenlust, hat die Figur eines Athleten, seine Augen sind weit offen und strahlen buchstäblich. «Nur keinen Kaffee», sagt er auf die Frage der Assistentin, ob er welchen wolle. «Ich habe meiner Frau versprochen, keinen Kaffee zu trinken», sagt er lachend.

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Wer nun annimmt, der neue CEO von UBS Schweiz stehe unter dem Pantoffel, könnte gründlicher nicht irren. Aber der Mann ist dermassen auf «Zack», dass er besser nicht noch Kaffee trinkt. Nicht auszudenken, wenn er noch mit diesem «Wachmacher» gedopt wäre.

Aber wenn wir schon bei seiner Frau sind: «Sie ist der grösste Edelstein, den ich aus Kanada zurückgebracht habe», beginnt er die Erzählung über die Stationen seiner beruflichen Karriere. Er hat sie in Vancouver kennen gelernt und offenbar im Sturm erobert. Sie hatte sich nämlich geschworen, a) nie einen Banker, b) nie einen Militärkopf und c) nie einen Schweizer zu heiraten. Wobei die Reihenfolge nicht aktenkundig ist, aber auch keine Rolle mehr spielt. Sie warf alle drei Grundsätze gleich über Bord, als sie den damals 27-Jährigen kennen lernte. Wenn Gähwilers Kunden künftig auch so rasch ihre Grundsätze - «nur nicht UBS» und «nur keine Grossbank mehr» - über Bord werfen: Dann Gnade Gott der Konkurrenz.

Harte Entscheidung in Kanada

Zu dieser gehört auch die Credit Suisse (CS). Für sie hat Gähwiler 20 Jahre gearbeitet - in verschiedenen Funktionen. Als er nach Kanada entsandt wurde, um dort als Analyst die damals im Fokus stehenden Rohwerte mit Blick auf ihre künftige Bedeutung im Portefeuille zu prüfen, konnte er nicht ahnen, dass er die Niederlassung in Calgary wenig später würde schliessen müssen. Und man nimmt es ihm ab, wenn er erzählt, wie es ihm als «Grünschnabel» schwergefallen ist, die Angestellten darüber zu informieren.

Es ist das erste Mal im Gespräch, dass Gähwiler einem nicht mehr in die Augen schaut und den Blick senkt und einen - wenn auch nur winzigen - Augenblick schweigt. Dann erzählt er, was ihn erwartete. Wie er diese Aufgabe anpackte, zeigt, wie er Probleme löst. «Das Büromaterial mit allem Drum und Dran packte ich ins Auto, drehte den Schlüssel und fuhr über die Rocky Mountains nach Vancouver.» Klar, dass er künftig Steine, die der UBS immer noch im Weg liegen, nicht gerade auf diese Tour lösen kann. Aber das Gefühl bleibt: Hier sitzt einem jemand gegenüber, der Herz und Verstand gut zu gebrauchen weiss.

Von 2003 bis 2009 war Gähwiler für das Risikomanagement im Private Banking der CS tätig und hatte nolens volens auch zeitweilig dem Chef Oswald Grübel - seines Zeichens CEO bei der CS - zu berichten. «Wir waren nicht immer gleicher Meinung. Aber wir haben einander immer gut zugehört, manchmal hat er interveniert oder auch gesagt, er könne meine Vorbehalte nachvollziehen.» Solche Erinnerungen und die Erfolge des blutjungen Bankers mögen auch der Grund dafür gewesen sein, dass sich Grübel nun wieder an Gähwiler erinnerte.

In bankinternen Kreisen ist man der Meinung, dass er der Mann ist, der tatsächlich dazu imstand sein wird, frischen Wind in die UBS zu bringen. «Klar, dass er Neider haben wird, aber im Grunde genommen ist es doch das einzig Richtige, was die Herren da oben tun können. An der Generalversammlung und an jeder Pressekonferenz zu wiederholen, dass man ja nix für die Altlasten kann und jetzt alles besser wird, nützt wenig, wenn nicht die Aktienkurse steigen und neue Gesichter glaubwürdig dasselbe Credo verkünden», sagt ein UBS-Regionaldirektor, der ungenannt bleiben will.

Eigentlich hat es Gähwiler gut: Er kann ein Territorium betreten, dessen Ausmasse zwar abgesteckt sind, aber er kann selber ausloten, wie er mit dem Vertrauensverlust und den noch nicht verheilten Narben des UBS-Debakels zurande kommt. Es gibt keine Vorbilder für diese Aufgabe - nur seine eigene Richtschnur. Und diese ist - nach den ersten Eindrücken von ihm - hochgespannt. Das macht ihn sympathisch. Er hat ja gelernt, was es heisst, beinharte Entscheide wie jene in Kanada durchzuziehen. «Mir wurde bewusst, dass sie im Grunde genommen eine grosse Ähnlichkeit mit denen haben, die meine damaligen Chefs im Grossen zu bewältigen hatten.»

Er wollte einst Bauer werden

Und noch etwas ist ihm aus seinen Lehr- und Wanderjahren geblieben: Gähwiler hat bei der St. Galler Kantonalbank angefangen, ein Schritt, den er nie bereut hat, obwohl seine Mutter ihn eigentlich lieber in einer Lehre bei der Gemeinde gesehen hätte. Aber sie hat doch etwas bewirkt, das weder sie noch ihr Sohn heute bereuen. «Eigentlich wollte ich als Bub Bauer werden.» Das kam so: Seine Gotte bewirtschaftete einen Bauernhof in der Nähe. In seiner Freizeit fand man den jungen Gähwiler nur dort. «Bis zur sechsten Klasse bin ich mit dem Traktor herumgefahren und habe gemäht.»

Dass er nicht Bauer geworden ist, hat er seiner Mutter zu verdanken, die das Schicksal kleinerer Bauernhöfe in der Schweiz vorausgeahnt hat. Dass er nicht als Gemeindeschreiber endete, hat er seinem Willen zuzuschreiben, am Schluss immer allein zu entscheiden, welchen Weg er wählte.

Klar, dass ihn die Finanzkrise geprägt hat, vor allem, weil er in dieser Zeit Kreditchef bei der CS war. «Da ist mir einmal mehr meine militärische Führungsausbildung in ganz jungen Jahren zugute gekommen.» Gähwiler scheut sich nicht, diesen Lehrblätz zu erwähnen, auch wenn es heute nicht mehr so «in» ist.

Zwischendurch Hausmann

Bleibt noch die Frage nach Gähwiler privat. Wozu kann man einen solchen «rising star» eigentlich noch zu Hause gebrauchen? Im Garten, allenfalls in der Küche oder überhaupt nicht? Autsch, das war wohl der verkehrte Ansatz: Gähwiler hat sich zwischen seinem Job in der CS und jenem in der UBS eine Auszeit als Hausmann gegönnt. Das darf doch wohl nicht wahr sein? Es ist.

«Damals habe ich gelernt, was Frauen, die sich ganz dem Wohl ihrer Familie widmen, unter einen Hut bringen müssen. Das werde ich auch nie wieder vergessen.» Damit markiert er eine neue Generation von Leadern. Und was würden seine Kinder sagen, wenn man dort auftauchte und fragte: «Was tut euer Daddy? Gähwiler hat seinen Kids seinen Job anhand des Sparbatzens beigebracht, den sie tunlichst auf der Bank einzahlen sollen. «Dann kann die Bank das Geld anderen Leuten ausleihen, damit diese beispielsweise ein Haus kaufen können.» Und man nimmt ihm ab, dass er das Bankengeschäft auch mit grösseren Batzen erfolgreich führen wird.