Ein fertiger «Schinken» sei das gewesen, damals. Peter Müller kratzt sich am Kopf, überlegt kurz, erinnert sich: «Ja, genau, ‹Anwalt der Gerechtigkeit›, so hat die TV-Serie aus Amerika geheissen.» Als kleiner Junge habe er in den frühen 60er-Jahren jeweils gebannt vor dem Bildschirm gesessen, wenn Anwalt Herb Maris sich für die zu Unrecht in die Mühlen der Justiz geratenen Mitmenschen einsetzte. «Ich war fasziniert und irgendwie habe ich wohl auch realisiert, dass das dereinst auch meine Mission sein würde: Menschen an einen Tisch bringen, Konflikte schlichten, Kompromisse finden.»

Kein Tag ohne gehässiges Mail

Der 58-Jährige zückt den Stift, zeichnet zwei sich überlappende Kreise aufs Papier und schraffiert die daraus entstehende neue Fläche. «Hier, die Schnittmenge! Sie zu definieren gilt es immer wieder, wenn es um Forderungen und Leistungen, Ansprüche und Angebote, Probleme und Positionen geht.» Peter Müller sitzt in seinem Büro, Bern-Ittigen, viel Holz, viel Glas, und weiss: In seinem neuen Job werden die beiden Kreise sehr gross, das schraffierte Feld indes sehr klein ausfallen.

Seit Mai steht der Aargauer dem Bundesamt für Zivilluftfahrt, dem BAZL, vor. Als dessen Direktor zeichnet er unter anderem verantwortlich für den viel zitierten «Sachplan Infrastruktur Luftfahrt», kurz SIL, der die Leitplanken für den Betrieb des Flughafens Zürich setzt. Ein - gelinde gesagt - heikles Dossier. Das wusste Müller schon, bevor er die Nachfolge von André Auer und Raymond Cron antrat. Seit sein Name immer öfter im Zusammenhang mit SIL Erwähnung findet, werde er zunehmend mit Klagen konfrontiert, die das BAZL beträfen. Kaum ein Tag vergehe, ohne dass nicht mindestens ein gehässiges Mail seitens eines vom Fluglärm geplagten Zeitgenossen bei ihm lande, «meist mit cc an Bundesrat Leuenberger», führt Peter Müller aus.

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Er trägt es mit Fassung. Die mit seiner Person verknüpften Erwartungen seien eben vielschichtig, gegensätzlich und widersprüchlich. «Aber ich bin es gewohnt, mit solch einem Druck umzugehen.» Zudem - er lacht, kurz, trocken - sei es ihm viel lieber, von allen Seiten unter Beschuss zu geraten als bloss von einer. «Das zeigt, dass ich ausgeglichen agiere.» Dass er deswegen auf einem Schleudersitz sitze, nein, diese Schlagzeile möchte er nicht in einer Zeitung sehen. Wohl aber habe er sich freiwillig auf einen «heissen» Stuhl gesetzt. «Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich in dieser Position im Schussfeld der Kritik stehe und Konsequenzen gewärtigen muss, wenn es nicht rund läuft.»

Ein «politisches Amt»

Auch diesem Umstand steht Müller indes mit einer gewissen Gelassenheit gegenüber. «Das hat wohl mit dem Alter zu tun und der Erfahrung», meint er und verweist auf seine Vita, die gespickt ist mit gewichtigen Aufgabenbereichen, der Erarbeitung einer schweizerischen Strafprozessordnung etwa, dem Datenschutzgesetz oder der Spitalplanung.

Den Posten des BAZL-Chefs bezeichnet der Jurist, der sein erstes Geld mit dem Sammeln von Maikäfern, dem Ausliefern von Wohnwänden, auf dem Bau und später im Gastgewerbe verdient hat, auch als «politisches Amt», bei dem viel Fingerspitzengefühl gefragt sei: «Gerade was SIL und die inskünftige Entwicklung des Flughafens Zürich anbelangt, ist es wichtig, Ansätze und Lösungen zu finden, mit denen sämtliche Parteien leben können.» Ein Kraftakt, eine schwierige Mission.

Das sieht man auch bei den «Schneisern» so. Auf Müller, sagt etwa Thomas Morf vom «Verein Flugschneise Süd - Nein», komme in den nächsten Monaten und Jahren eine wahrlich «herkulische Aufgabe» zu. «Er muss das völlig zerstörte Vertrauen der Bevölkerung rund um den Flughafen in die Exekutive wieder herstellen und für eine Deblockierung in diesem Streit sorgen», sagt Morf.

Parallelen zu Ottmar Hitzfeld

Peter Müller hebt angesichts solcher Voten die Augenbrauen; ein Resultat, das rundum für Applaus sorgen wird, werde es garantiert nicht geben. «Aber ich will mithelfen, dass ein tragfähiger Kompromiss gefunden wird. Und das so rasch als möglich.» Peter Müller, der in seinen Ausführungen so besonnen wirkt wie ein Ottmar Hitzfeld bei der Spielanalyse, will «den Platz» nutzen, der ihm zugestanden wird, als «Teamplayer Pässe spielen», das «Spiel gestalten». Und er ist ein «fürchterlich ungeduldiger Mensch» (Müller über Müller).

Der Jurist hat die Sprossen der Karriereleiter mit Souplesse genommen. Der Weg führte ihn vom Bezirksgericht Aarau, wo er in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre als Adjunkt tätig war, über das Bundesamt für Justiz ins Departement für auswärtige Angelegenheiten. Zudem war er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und Mitglied verschiedener Expertenkommissionen, so denjenigen für die Schaffung einer schweizerischen Strafprozessordnung und zur Reorganisation der SRG. Ebenfalls gehörte er dem Komitee für Rechtsfragen im Europarat an.

Im letzten Jahr dann der Wechsel in die Diplomatischen Dienste. Müller ging als Schweizer Botschafter nach Peru, leistete dort Netzwerkarbeit in ökologischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Belangen, repräsentierte, vermittelte, organisierte. Und merkte bald, dass es ihm und seiner Frau in Lima zwar gefiel, er die richtig grossen Herausforderungen indes vermisste; Brocken wie die Revision des Luftfahrtgesetzes oder die Ausarbeitung der Rahmenbedingungen für den Betrieb am Flughafen Zürich. Ein paar Nächte hätten er und seine Frau die Vor- und Nachteile einer Rückkehr in die Schweiz abgewogen. Das Resultat ist bekannt.

Nichtaviatiker mit Flugstunden

Der neue Chef des BAZL ist Nichtaviatiker. Ein Nachteil? Peter Müller zuckt mit den Schultern. Natürlich, bei technischen Fragen wäre er manchmal froh, über eine solide Ausbildung in der Branche zu verfügen. Ansonsten aber wertet er «die Distanz zum System» als Vorteil. Als Behörde sei das BAZL zum einen darum besorgt, dass die einheimische Luftfahrt günstige Rahmenbedingungen vorfinde.Zum anderen müsse das Amt sicherstellen, dass sich diese Luftfahrt mit den Entwicklungen in sozialer, ökologischer und finanzieller Hinsicht vertrage. «Wir sind also sowohl Förder- als auch Aufsichtsorganisation. Da ist es manchmal gut, wenn man nicht aus dem ‹Kuchen› kommt.»

Er zeigt auf das Bücherregal, wo ein Handbuch für Piloten steht. «Als ich erfahren habe, dass ich dieses Amt übernehmen werde, habe ich in Peru sogar noch eine Schnellbleiche im Fliegen absolviert - ein paarmal mit dem Lehrer die Pazifikküste entlang und zwei zittrige Landungen.» Er lacht. «Pilot? Nein, als das kann man mich nun wirklich nicht bezeichnen.»

Jeden Prozess vom Ende her denken, das sei seine oberste Maxime, sagt Peter Müller. Was wollen wir am Schluss? Wohin wollen wir? Was passiert auf dem Weg bis zum Ziel? Er schmunzelt. «Diesen Grundsatz zitiere ich manchmal zum Überdruss meiner Kollegen wieder und wieder. Aber er ist halt ganz typisch für einen Juristen.»

Dass er einst diesen Weg eingeschlagen hat, habe mit seiner Orientierungslosigkeit nach der Matur zu tun gehabt. Ebenso gut hätte aus Peter Müller nämlich auch Psychologe werden können, Theologe, Mediziner, Volkswirtschafter. Bereits damals habe er sich für vieles und für Grundverschiedenes begeistern können. Ein Zug, den der BAZL-Direktor bis zum heutigen Tag bewahrt hat: «Um all das noch auszuprobieren und zu erleben, was mich reizt, bräuchte ich wohl noch zwei oder drei weitere Leben.»