Das ist ein Knochenjob», sagt der CEO von Zweifel zu seinem Aussendienstmitarbeiter Bruno Gauch, der gerade die Spar-Filiale von Arnegg mit Nachschub versorgt. An sechs marktstrategisch wichtigen Punkten dieses geräumigen Verkaufslokals mitten im Dorf werden Pomy-Welten aufgebaut. Mathias Adank ist ganz in seinem Element. Man könnte fast meinen, dieser Laden gehöre ihm. «Sehen Sie, das ist unsere neuste Kreation ‹Graneo›, sagt er und holt ein Muster aus dem Gestell. Es sind Snacks aus fünf Getreidesorten und Sonnenblumenkernen ohne künstliche Aromen und Farbstoffe. Dabei fällt auf, dass er die Packung professionell behutsam und nur an der Verschweissnaht anfasst, um die Chips nicht zu zerkrümeln.

Als Handelsreisender unterwegs

Adank liebt die Front, war er doch zu Weiterbildungszwecken während seiner langjährigen Tätigkeit bei Nestlé auch als Handelsreisender unterwegs. Mit einem Dr. iur. im beruflichen Rucksack ein nicht erwartbarer Start für eine CEO-Karriere. So nebenbei erfährt man, dass er an der Uni Neuenburg studiert hat und später Assistent des bekannten National- und Ständerates Jean-François Aubert war, und dass seine Dissertation das Thema von Freiheiten mit Blick auf deren Güterabwägung aus verschiedenen Blickwinkeln behandelte. Er muss selber lachen, wenn man das alles nicht sofort auf eine Reihe kriegt, weil es irgendwie in seinem Lebenspuzzle nicht zusammenpasst.

Und das Tollste ist: Er war für Nestlé als Pet-food-Verkäufer unterwegs, um Erfahrungen an der Front zu sammeln. Was auch erklärt, dass er beim Abschreiten der Auslagen im Spar-Geschäft immer wieder auch dort stehen bleibt, wo gar keine Produkte aus seinem Haus angeboten werden. «Ah, Maggi-Suppen, dafür war ich auch einmal zuständig», sagt er. Der Anblick von Nescafé, Cailler-Schokoladen oder Le Parfait in den Gestellen löst bei ihm Erinnerungen an frühere Stufen auf seiner langen Karriereleiter aus.

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«Dr. iur. Pet-food-Verkäufer»

Die Neugierde wächst: «Das kam so», holt er aus. «Nach meinem Studium arbeitete ich zuerst auf dem Verwaltungsgericht in Chur, dann in einer Anwaltskanzlei.» Aber er wollte einfach noch eine andere Berufsluft schnuppern und heuerte bei Nestlé Schweiz an, wo er Chef des Rechtsdienstes wurde. «Ich gab mir zwei Jahre, um dann zu neuen Ufern aufzubrechen. Aber es wurden vier daraus.»

Bereits etwas ungeduldig traf er sich mit seinem Vorgesetzten. «Ich erinnere mich noch haargenau an dieses Gespräch, als ob es gestern gewesen wäre», meint Adank rückblickend. Sein Chef signalisierte Verständnis, nicht ohne ihn zu bitten, sich die Sache doch nochmals zu überlegen. «Aber mein Entschluss stand fest. Ich wollte in die Linie. Darauf gab er mir die Hand, und ich dachte, er wolle sich von mir verabschieden.»

Da folgte die grosse Überraschung. Weil er mit seiner Arbeit so zufrieden war, wollte ihn Urs Fluri nicht einfach ziehen lassen. Er ging mit ihm in ein benachbartes Büro, zum Generaldirektor der Schweizer Nestlé-Tochter. Dort wurde ihm beschieden, dass sein Wunsch wohlwollend geprüft werde, er aber zuerst eine Aus- und Weiterbildung zu absolvieren habe. Das war Adank recht, zumal auch ein Studium am renommierten IMD drin lag. Was danach erwartet wurde, hätten viele an seiner Stelle ausgeschlagen. Er wurde an die Linie - also an die Front - geschickt, als Verkäufer von Tiernahrung. Adank wurde Handelsreisender. Klar, dass ihn seine früheren Kollegen neckten: «Wie willst Du Dich bei den Kunden vorstellen? Als Dr. iur. Pet-food-Verkäufer?» «Mich ficht das nicht an, habe ich mir gesagt und meinen ersten Kunden besucht.» Das war der Coop-City in Lausanne.

Was Adank jetzt schildert, könnte aus einer Emil-Nummer stammen. «Der Mann bat mich, eine Offerte zu schreiben, was ich am gleichen Abend tat, auf einer Remington-Schreibmaschine mit Kugelkopf. Als ich mein Angebot betrachtete, sah ich, dass es mehr als eine Seite lang war und ich noch Platz für etwas Zusätzliches hatte.» Adank erinnerte sich, dass der Mann ihn gefragt hatte, ob er an der «Tierwoche» mitmachen würde. «Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, und sagte ja.»

Unter dem Stichwort «Tierwoche» war eine Aktion für Pet-food ausgeschrieben und Adank bot an, während sieben Tagen Muster zu verteilen. Aber bei Nestlé war niemand bereit, ihn dabei zu unterstützen. Also ging er selber in diesen Laden und verteilte Tierfutter.

Er ging davon aus, dass die Kunden sich im Klaren waren, dass er Tierfutter verteilte. Aber schon am folgenden Tag hagelte es Reklamationen. Erboste Kundinnen erzählten, sie hätten dieses «Futter» ihrem Mann vorgesetzt. Geschichten wie diese reihen sich im Gespräch mit Mathias Adank aneinander wie Perlenketten. Alle haben sie etwas gemeinsam: Adank war immer wieder begierig, neues Terrain zu betreten.

Darauf angesprochen, ob ihm das Studium der Jurisprudenz eigentlich in seinen späteren Funktionen noch etwas genützt habe, nachdem es ihn voll in die Welt der kulinarischen Genüsse verschlug, muss er sich keine Sekunde besinnen: «Natürlich könnte ich nicht mehr en detail Verträge aufstellen oder einen Prozess führen. Aber ich kann Minenfelder schon erkennen. Gleiches gilt für meine Ausbildung zum Generalstabsoberst oder die Zeit am IMD. Ich habe gelernt, unter grossem Druck innert nützlicher Frist Entscheide zu fällen, die taugen.»

Grillwochenende einplanen

Mittlerweile hat Aussendienstmitarbeiter Bruno Gauch den gesamten Laden wieder neu aufgerüstet. Alle Zweifel-Angebots-Stellen sind aufgefüllt und auf Verfalldaten geprüft. Bruno Gauch und 149 weitere Verkaufsmitarbeiter achten nicht einfach darauf, was in den Läden nachbestellt werden soll. Sie richten sich auch nach dem Wetter und der Saison. Steht ein Grillwochenende bevor? Oder sonst ein grosser Event, an dem tonnenweise Zweifel-Chips vertilgt werden? «Flexibilität ist alles.» Dank seiner Erfahrungen weiss Adank, dass man - quasi - einen befeuchteten Zeigfinger in die Luft ausstrecken muss, um zu erfahren, woher der Bestellungswind bläst.

Beim Gang durch die Einkaufsmeile sind wir mittlerweile bei den Süssigkeiten angelangt. Adank nimmt ein «Biberli» des Appenzeller Unternehmens Bischofberger in die Hand und sagt nicht ohne Stolz: «95% dieser ‹Biberli› vertreiben wir.» Gleich daneben sind kleine Linzertörtli von Berger aufgestapelt. Auch diese wurden von Zweifel angeliefert. Das Gros der Gaststätten in der Schweiz bietet diese beiden Produkte an. Sie sind so etwas wie die «Grundausstattung» auf den Tischen.

Für nichts zu schade

Was auffällt: Adank war sich nie zu schade, Arbeiten auszuführen, die andere ausgeschlagen hätten. Das gilt nicht nur für seinen Start in die Food-Welt, sondern auch für seine Studienzeit: Sein Vater war Arbeiter bei der Rhätischen Bahn, aber alle drei Kinder absolvierten ein Studium und trugen auch finanziell ihren Anteil bei, indem sie während der Semesterferien Jobs annahmen.

Adank selber war Teller- und Pfannenwäscher, arbeitete im Office und als Etagenkellner, als Portier oder als Schuhputzer. «Das alles hat mir in meinem späteren Berufsleben geholfen. Ich kann mich gut in die Rolle anderer Menschen hineinversetzen», sagt er beim Abschied. Wen wunderts angesichts seiner Affinität zu Nahrungsmitteln, dass er am Wochenende gerne auf den Markt geht und einkauft - und seine erwachsenen Kinder zur Arbeit bei Manor fährt, wo sie als Studierende eine andere Welt kennen lernen.