Wie wäre es, wenn es ein Medikament gäbe, das den Blutdruck senkt, das Leben verlängert und dafür sorgt, dass man mehr verdient? Jeden Tag angewendet, machte es das Leben besser - im Büro, in der Freizeit, in der Partnerschaft. Man muss kein Pharma-Analyst sein, um zu erkennen, dass ein solches Mittel schnell zum Bestseller würde. Das Erstaunliche: Dieses Mittel gibt es schon und es ist in zahlreichen Studien getestet worden. Es heisst: Glück.

Glück macht erfolgreich und beliebt. Wer glücklich ist, lebt länger und gesünder. Glückliche Menschen haben mehr Freunde, stabilere Beziehungen und verdienen mehr. Das zeigen zahlreiche Studien von Psychologen und Ökonomen. Also einfach immer lächeln und alles wird gut? Kann es wirklich so einfach sein?

Nein, sagen Psychologen, die den wissenschaftlich verordneten Frohsinn für unsinnig und sogar gefährlich halten.

Schlechtgelaunte arbeiten besser

Einer der Kritiker ist Todd Kashdan, Professor für Psychologie an der George Mason University in Fairfax. Auch Kashdan war früher ein Glückssucher und Anhänger der «positiven Psychologie», einer Forschungsrichtung, die auf der These beruht, dass alles besser läuft, wenn wir einfach gut drauf sind. Doch irgendwann fragte sich Kashdan: Wenn glücklich sein so praktisch ist, warum sind wir es dann so selten?

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Er wurde misstrauisch und fand tatsächlich immer mehr Studien, die an den Grundfesten der positiven Psychologie rüttelten. Kashdan las über erfolgreiche Pessimisten, die motivierenden Kräfte von Angst und Neid und die überraschenden Vorzüge eines gepflegten Wutanfalls.

Da ist zum Beispiel die Studie des Managementforschers Ronald Bledow von der Singapur-Management-Universität, die den Botschaften der positiven Psychologie komplett widerspricht. Immer mit einem Lächeln zur Arbeit kommen, dann läuft alles wie von selbst? Bledow und seine drei Kollegen haben gezeigt, dass das ein Mythos ist. Sie rekrutierten für ihre Untersuchung 55 Softwareentwickler aus sechs unterschiedlichen Unternehmen und liessen sie über mehrere Arbeitstage hinweg genau protokollieren, wie sie sich bei der Arbeit fühlten. Das überraschende Ergebnis: Wer morgens schlecht gelaunt ist, arbeitet sogar besser. Die Entwickler, die grummelig zur Arbeit kamen, schafften am Ende mehr und lieferten bessere Arbeit ab als ihre Kollegen, die mit einem Lächlen das Büro betreten hatten.

Mehrere Stimmungsphasen am Tag

Zu dem Effekt kam es allerdings nur, wenn sich die Laune der Morgenmuffel im Laufe des Tages besserte. Wer den ganzen Tag schlecht drauf war, arbeitete auch schlechter. Allerdings traf das nur auf einen kleinen Teil der Entwickler zu. Die meisten machten während eines Tages sehr unterschiedliche Stimmungsphasen durch. Das schien produktiver zu sein als ewige Zufriedenheit.

Für Todd Kashdan ist daher klar: Ganz so einfach ist die Sache mit dem Glück nicht. Er hat eine Gegenbewegung zur Glücksforschung gestartet, die er etwas esoterisch «Ganzheitlichkeit» nennt. In seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch «Die Kraft der negativen Emotionen» beschreibt er zusammen mit dem Psychologen Robert Biswas-Diener, warum es nicht immer das Beste ist, einfach gut drauf zu sein, und wie wichtig die dunkle Seite der Seele ist. Wut, Scham, Schuld, Trauer, Angst - all das sind keine Fehler im System, sondern hilfreiche Eigenschaften, die man nutzen kann, so Kashdan.

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«Ärger gibt Energie»

Im täglichen Leben und bei der Arbeit setzt Ärger oft wichtige Kräfte frei. «Ärger gibt Energie», sagt der Psychologe Norbert Semmer von der Universität Bern. «Nicht umsonst sind Sportler vor wichtigen Wettkämpfen eben nicht glücklich und entspannt, sondern fokussiert und durchaus auch etwas aggressiv.» Laut Semmer ist das eine der zentralen Eigenschaften von negativen Emotionen: «Sie verengen den Fokus und steigern damit die Konzentration.»

Und: «Ärger wird auch von denjenigen, die ihn aushalten müssen, nicht immer als etwas Negatives wahrgenommen», sagt Ursula Hess, Professorin für Organisations- und Sozialpsychologie an der Humboldt-Universität Berlin. «Manchmal wirkt jemand, der wütend wird, dadurch besonders engagiert und motiviert.» Hess hat die Wut in zahlreichen Studien untersucht und dabei immer wieder festgestellt, dass das heftige Gefühl viele gute Seiten hat: Es signalisiert Stärke und Gerechtigkeitssinn und kann damit sogar dazu führen, dass man im Ansehen von Kollegen und Mitarbeitern steigt.

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Effekte von Schuldgefühlen

Allerdings: «Es kommt sehr darauf an, wie sich die Wut äussert», sagt Ursula Hess. «Wenn aus Ärger Feindseligkeit und Aggression wird, ist das gefährlich.» Aber Ärger, der sich auf ein konkretes Problem richtet und nach Lösungen sucht, könne eine sehr wertvolle Emotion sein.

Und Neid ist nicht das einzige unangenehme Gefühl, das uns antreibt. Schuld erfüllt eine ähnliche Funktion, glaubt die Psychologin June Tanguey von der George Mason University. Sie erforscht seit Jahren, warum so viele Exhäftlinge nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wieder rückfällig werden. In den USA begehen im Schnitt zwei von drei Exhäftlingen in den drei Jahren nach ihrer Entlassung eine neue Straftat, zeigen Auswertungen der US-Justizbehörde Bureau of Justice Statistics.

Für eine Studie, die sie im vergangenen Jahr mit zwei Kollegen veröffentlichte, reiste Tanguey durch mehrere Gefängnisse und interviewte mehr als 300 Häftlinge. Die Psychologen wollten von den Häftlingen vor allem wissen, ob sie sich schuldig fühlten oder sich für ihre Tat sogar schämten. Auch nach der Entlassung hielten die Psychologen den Kontakt und schickten regelmässig Fragebogen, auf denen die Exhäftlinge angeben sollten, ob sie erneut kriminell geworden und von der Polizei verhaftet worden waren. Diese Angaben glichen die Psychologen noch mit den offiziellen Statistiken der Polizei ab. Dabei fanden sie ein eindeutiges Muster: Je stärker ein Exhäftling sich für seine Tat schämte und schuldig fühlte, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass er rückfällig wurde.

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«Mit unangenehmen Gefühlen konstruktiv umgehen»

Für Norbert Semmer ist daher klar: Negative Emotionen können viele gute Seiten haben - wenn man sie zu nutzen weiss. «Wir müssen lernen, mit unangenehmen Gefühlen konstruktiv umzugehen», sagt er.

Das heisst zum einen, die Gefühle zu akzeptieren und nicht zu verdrängen, und zum anderen, ihre guten Seiten wie zum Beispiel die gesteigerte Konzentration einzusetzen. «Man muss jedoch immer aufpassen, dass die negativen Gefühle nicht überhandnehmen: Häufig wiederkehrende Unzufriedenheit, Trauer oder Wut ist nicht leistungsfördernd, sondern im Gegenteil sehr gefährlich», sagt der Psychologe. Zwischendurch aber sind es eben oft die negativen Gefühlszustände, die uns helfen, die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die uns stören – und sie dann besser zu machen. Die frohe Botschaft der Anti-Glücksforscher lautet daher: Mehr Mut zur schlechten Laune!

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