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Analyse
Hilti: «Als Kleinstaat sind wir besonders exponiert»

Michael Hilti: Sohn des Firmengründers und Mitglied des Verwaltungsrats. Keystone

Die Hilti-Gruppe ist der grösste Industriebetrieb im «Ländle». Verwaltungsrat Michael Hilti über die Schweiz, den EWR und den Faktor «Made in Liechtenstein».

Von Roberto Stefano
am 01.02.2016

Handelszeitung: Liechtenstein hat seit der Krise am Finanzplatz turbulente Jahre hinter sich. Wie hat sich das Land seither verändert?
Michael Hilti*: Die gravierenden Veränderungen auf dem Finanzplatz waren nötig, denn das Geschäftsmodell der Vergangenheit funktionierte nicht mehr. Durch den Wandel ist es zu einer Verlagerung gekommen. Neben Treuhand-Dienstleistungen werden heute vermehrt Versicherungs-, Vermögensverwaltungs- oder Fondsservices angeboten. Bei den Banken ist es zu einer Konsolidierung gekommen. Und selbst für die Industrieunternehmen haben sich die Rahmenbedingungen verändert und wir müssen vor allem wertschöpfende Tätigkeiten ausführen. Trotz diesen massiven Veränderungen ist die Zahl der Beschäftigten in Liechtenstein gestiegen. Heute bietet das Land über 36 000 Arbeitsplätze.

Wie spürt die Bevölkerung den Umbruch?
Auch das Fürstentum weist inzwischen ein Staatsdefizit aus. Das kannten wir vorher nicht. Und die Konsequenzen davon sind klar: Der Staat muss Kosten sparen und versuchen, zusätzliche Mittel zu generieren.

Weshalb war der Wandel richtig für Liechtenstein?
Als Kleinstaat sind wir besonders exponiert. Einen Skandal wie jenen bei VW hätte das Land wohl nicht überlebt. Dies ist ein grosser Nachteil eines Kleinstaates. Auf der anderen Seite bringt er den Vorteil, dass wir sehr schnell reagieren können und dies auch getan haben. Die Krise hat unser Selbstbewusstsein zudem positiv verändert.

Welche Vorteile bietet der Kleinstaat eigentlich einem Unternehmen wie Hilti?
Einerseits besteht eine enge Beziehung zur EU über die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Zudem sind wir mit der Schweiz eng verbunden, unter anderem über den Zollvertrag. Diese Position ist einzigartig. Weitere Pluspunkte sind der stabile Staat mit einer hohen Rechtssicherheit, eine sehr gute Sozialpartnerschaft sowie eine hohe Leistungsfähigkeit und ein gehobenes Bildungsniveau. Wichtig ist auch die hohe Differenzierung der Wirtschaft mit verschiedenen Hightech-Firmen, die weltweit in ihren Nischen unter den Marktführern sind.

Was bringt dem Fürstentum die Nähe zu Europa über den EWR?
Der EWR hat Stabilität und Ruhe sowie Wirtschaftswachstum gebracht. Es ist schade, dass es die Schweiz verpasst hat, dem EWR beizutreten. In Liechtenstein hatten damals alle Gemeinden dafür gestimmt. Eine andere Lösung kann ich mir heute nicht vorstellen, zumal wir als Kleinstaat den bilateralen Weg nicht hätten gehen können.

Hilti ist ein Weltkonzern. Wie wichtig ist dabei der Faktor «Made in Liechtenstein»?
Wir produzieren global an verschiedenen Standorten und die Produkte werden weltweit verkauft. Für die Kunden macht es keinen Unterschied, wo unsere Produkte produziert werden. Er erwartet von Hilti die Qualität, für die wir einstehen. Entscheidend ist daher vielmehr die Marke und weit weniger das Ursprungsland.

Welche Bedeutung hat Liechtenstein für Hilti aus historischer Sicht?
Wir sind eng mit Liechtenstein verbunden. Hilti wurde hier gegründet, und es hat bisher keinen Grund gegeben, unseren Stammsitz zu verlegen. Historie ist schön und gut, entscheidend für die Entwicklung des Unternehmens und für all seine Mitarbeitenden sind aber die Gegenwart und die Zukunft. Sollte der Standort eine solche Entwicklung nicht mehr erlauben, dann müssten wir entsprechend reagieren.

Hat das Kleinräumige von Liechtenstein Hilti nie eingegrenzt?
Nein. Wir waren schon sehr früh gezwungen, die Weltmärkte anzusprechen, da der Heimmarkt zu klein für uns wurde. Mit der Internationalisierung des Geschäftes kam auch die Internationalisierung der Belegschaft, denn es ist selbstredend, dass das notwendige Potenzial nicht im Lande in ausreichendem Masse verfügbar war. Infolge der sehr rigiden Zuwanderungsbestimmungen war das Schwergewicht immer auf Brain Capital ausgerichtet und nicht auf billige Arbeitsplätze. Das kam auch Liechtenstein zugute. Der Kleinstaat hat noch einen weiteren Vorteil: die Nähe. Wir können die Regierungsmitglieder und selbst den Fürsten direkt ansprechen, wenn uns etwas beschäftigt. Dem Fürstenhaus liegt viel daran, dass sich das Land erfolgreich entwickelt, und so ist das Fürstenhaus wie der Fürst selbst ein sehr stabilisierendes Element.

Wie gelingt es Ihnen, die nötigen Fachkräfte zu rekrutieren?
Am Hauptsitz in Schaan arbeiten Menschen aus rund 60 Nationalitäten, darunter viele Spezialisten und Führungskräfte. Es ist natürlich auch für uns eine Herausforderung, diese Fachleute hierher zu bringen. Entscheidend ist, wie attraktiv ein Unternehmen als Arbeitgeber ist, wie das Arbeitsumfeld ausgestaltet ist und dass ein innovatives und attraktives Produkteprogramm vorhanden ist. Das erzeugt Identifikation und die emotionale Bindung, den Antrieb, die Extrameile zu gehen. Hilti zählt gemäss dem Institut Great Place to Work zu den 25 besten multinationalen Arbeitgebern der Welt. Dies zahlt sich bei der Rekrutierung aus.

Wie fällt die Reaktion bei potenziellen Mitarbeitern aus, wenn Sie erstmals nach Liechtenstein kommen?
Es ist sicherlich eine schwierigere Aufgabe, jemanden für das kleine Land beziehungsweise unsere Region zu begeistern, der aus einer Metropole kommt. Grösstenteils gelingt es dennoch. Und häufig ist es dann so, dass sie nicht mehr wegwollen. Das tolle Freizeitangebot, die hohe Lebensqualität und allgemein die Sicherheit werden sehr geschätzt.

Aufenthaltsbewilligungen vergibt das Fürstentum jedoch nur sehr restriktiv.
Das ist so. In der Vergangenheit haben wir stark von der Regelung mit dem Kanton St. Gallen profitiert. Wenn aber die Schweiz die Masseneinwanderungsinitiative wie gefordert umsetzt, werden wir als angrenzende Region erhebliche Probleme haben. Viele unserer Mitarbeitenden wohnen in der Schweiz. Sollten die Auswirkungen gravierend sein, dann muss Liechtenstein eine neue Lösung suchen und die Zuwanderungsregelung anpassen. Wenn wir das nötige Personal nicht mehr bekommen, müssten wir schlimmstenfalls Verlagerungen von Tätigkeiten ins Auge fassen.

Nun macht den Liechtensteiner Firmen zusätzlich der starke Franken zu schaffen.
Das Problem kennen wir wie die Schweizer Firmen bereits seit 2011. Wir mussten Massnahmen ergreifen, von denen wir heute profitieren – wie beispielsweise Verlagerungen von Tätigkeiten und Beschaffung in den Euro-Raum mit dem Ziel eines natürlichen Hedgings des Euro. Als global agierendes Unternehmen haben wir natürlich einen Vorteil gegenüber lokalen Firmen, deren Kosten primär in Franken anfallen. Auf der anderen Seite machen uns heute andere Währungen wie zum Beispiel der Yen, der Rubel, der brasilianische Real oder auch der australische und der kanadische Dollar zu schaffen, wo praktisch kein «natural hedging» möglich ist.

Eine Verlagerung Ihres Standortes aus Liechtenstein kommt nicht in Frage?
Wir haben andere Pläne. In den vergangenen Jahren haben wir am Hauptsitz viel investiert und beispielsweise ein neues Innovationszentrum mit mehr als 400 Arbeitsplätzen gebaut. Wir glauben an den Standort Liechtenstein.

Haben Sie Alternativen geprüft oder ist Liechtenstein eine Herzensangelegenheit?
Wir haben auch Alternativen geprüft, schliesslich verfügen wir über Entwicklungsstandorte in Deutschland, den USA und China. Für uns war aber schnell klar, dass die Forschung und ein Teil der Entwicklung hier bleiben müssen. Denn die Entwickler brauchen die Nähe zu unseren Geschäftseinheiten und zur Fertigung, nicht zuletzt auch wegen der engen Verflechtung von Produktentwicklung und der Entwicklung neuer Produktionsverfahren. An unserem Hauptsitz ist über die Jahrzehnte ein enormes Fachwissen gewachsen, das wertvoll ist und nicht ohne Weiteres anderswohin transferiert werden kann. Und last, but not least, Liechtenstein liegt in Europa doch sehr zentral.

Welche Rolle haben die Universität Liechtenstein und die umliegenden Hochschulen in diesen Überlegungen gespielt?
Wir arbeiten in der Region wie auch international mit zahlreichen Universitäten und Hochschulen zusammen. Bei dem an der Universität Liechtenstein angesiedelten Hilti-Lehrstuhl für Business Process Management geht es darum, die Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und damit der steigenden Bedeutung der Informationstechnologie wie auch von Geschäftsprozessen aufzuzeigen und zur Steigerung der Produktivität zu nutzen. Die Universität Liechtenstein ist zwar klein, arbeitet diesbezüglich aber in verschiedenen Projekten mit uns zusammen. Und sie ist natürlich auch eine Ressource, um Nachwuchskräfte zu rekrutieren.

Wie beurteilen Sie die Zukunft von Liechtenstein?
Grundsätzlich positiv. Selbstverständlich ist Liechtenstein gefordert. Wie viele andere Staaten müssen wir inzwischen ein Defizit ausgleichen. Das bedingt, dass man sich von Liebgewonnenem unter Umständen trennen muss, dass man restrukturiert und unter Umständen auch neue Wege gehen muss – Stichwort z. B. Gemeindefusionen. Veränderungen sind auch im Bildungswesen erforderlich sowie bei den Sozialsystemen, die langfristig nicht mehr gesichert sind. Diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen.

Was muss das Fürstentum tun, um für Firmen auch zukünftig attraktiv zu bleiben?
Grundsätzlich laufen die heutigen Bestrebungen in die richtige Richtung, und Liechtenstein als Kleinstaat hat auch die Möglichkeit, schneller zu reagieren. So lange Liechtenstein für die Betriebe attraktive und zukunftsorientierte Rahmenbedingungen bietet, bleibt es ein guter Standort.

 

* Michael Hilti ist der Sohn des Firmengründers und sitzt im Hilti-Verwaltungsrat. Der an der HSG ausgebildete Betriebswirt ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Hilti-Gruppe beschäftigt weltweit über 22'000 Mitarbeiter und ist zweitgrösster Arbeitgeber im «Ländle».

 

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