Prof. Dr. Christian Farenholtz empfängt in seinem Studierzimmer, in einer Überfülle von Papieren, Büchern und Kunstwerken, wie ein Universalgelehrter der alten Schule. Einer recht alten, muss er selbst zugeben, denn er erfreut sich seines 95. Lebensjahres. Die eigene Schulzeit hat er in Magdeburg verbracht, wo seine Vorfahren über zwei Jahrhunderte Rohstoffhandel betrieben haben. Geblieben sind davon nur die ererbten Accessoires eines grossbürgerlichen Lebens: der Braunschweiger Barockschrank, die Ahnenporträts, das monströse silberne Taufbecken, das heutzutage den täglichen Posteingang zu halten versucht, wenn nicht Kartoffelsalat.
 
Doch obgleich Magdeburg zeitlich wie räumlich weit entfernt ist, spielt es für Christian Farenholtz’ Sammelleidenschaft eine Rolle. Schon seine Eltern waren aufgeschlossene Sammler und mit zahlreichen Avantgarde-Künstlern freundschaftlich verbunden: Emil Nolde, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Georg Kolbe. Historische Aufnahmen ihres von Paul Mebes 1912 erbauten Hauses zeigen grosszügige, mit Werken dieser Künstler gefüllte Räume.
 
Ob sich die Bilder seit der russischen Übernahme 1945 in einem St. Petersburger Museumskeller befinden, interessiert Christian Farenholtz «überhaupt nicht». Einige wenige Werke konnte seine Mutter in der unmittelbaren Nachkriegszeit über die grüne Grenze retten; «die hat sie gleichsam aus ihrem eigenen Haus gestohlen». Im Haus von Christian Farenholtz erinnern nicht nur jene naturgemäss kleinformatigen Werke an diese ungewöhnliche Frau, sondern auch ihre Bronzebüste von Georg Kolbe. Ihr Mercedes Roadster hingegen – sie war eine der ersten Automobilistinnen des Deutschen Reichs – ist ein vom Sohn unbetrauerter Kriegsverlust.
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Christian Fahrenholtz Garten

Kunst im Garten.

Quelle: Salvatore Vinci

«Hinzubeten es lohnt»: Der Stefan-George-Jünger

Hatte die Kinderstube die Werte der Klassischen Moderne und die Achtung vor der Kunst der Vergangenheit vermittelt, so brachte ein enger Freund der Eltern entscheidende Reifung. Über den Berliner Museumskustos Ludwig Thormaehlen lernte Christian Farenholtz erst den Bildhauer Frank Mehnert kennen, kurz darauf Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, dann dessen Bruder Claus, den späteren Hitler-Attentäter. Diese kleine Gruppe traf sich regelmässig und las gemeinsam, diskutierte, übersetzte Homer. Vor allem aber erging man sich in der «Verehrung des Meisters», des 1933 verstorbenen Dichters Stefan George.

 
Und auch wenn Christian Farenholtz in den späten 1930er Jahren nur noch den Abglanz der lebzeitigen George-Verehrung erfahren durfte, so hat diese – wie er es heute nennt – «Anbetung» seine Ideen geformt: von Kunst, Ästhetik und Haltung, einem Anspruch an sich, an Gesellschaft und Bildung. Ein absoluter Anspruch, der sein Leben geprägt hat, vermutlich nicht immer zur reinen Freude seiner fünf Kinder. Bis heute zeigt sich die Stefan-George-Verehrung in hemmungslosem Erwerb von Erstausgaben der berühmten Gedichtbände.
 
Nach dem Krieg war an Kunstsammeln zunächst jedoch nicht zu denken. Dem Architekturstudium folgte eine Berufsausübung, die klar auf gesellschaftlichen Wandel ausgerichtet war und sich im Städtebau niederschlug. Nach einer Station im Stadtplanungsamt Lübeck («Wie baut man eine grossteilig zerstörte Stadt wieder auf, die vor allem über ihre historische Substanz wahrgenommen wird?») wurde Christian Farenholtz Mitarbeiter der Hamburger Planungsbehörde und Leiter des Senatsprojekts, mit der City Nord Konzernzentralen ein eigenes Quartier zu bieten. Mithilfe anspruchsvollster Architektur sollte verhindert werden, dass derartige Kommerzbauten eine Mischnutzung aus dem Stadtzentrum vertreiben, wie anderenorts schon zu beobachten war.
 

Arbeitsplatz der Hausfrau im Zentrum

Das eigene Haus im Hamburger Elbvorort Othmarschen war zur Bauzeit eine vielpublizierte Sensation: Der Arbeitsplatz der Hausfrau stand im Zentrum der Planung, nicht die Gestaltung möglichst repräsentativer Empfangsräume. Auch der flexible Grundriss war in den 1950er Jahren noch eine Ausnahme. Hier füllten sich die Wände mit ersten eigenen Erwerbungen: Werke führender Künstler der Klassischen Moderne, im Unterschied zum Elternhaus jedoch in Form von Grafik und gelegentlichen Zeichnungen.

 
Die Berufung zum Baubürgermeister der Stadt Stuttgart war Auslöser des Weiterzugs gen Süden (und addierte Oskar Schlemmer und Willi Baumeister zum hauseigenen Kanon). Der jüngste Stuttgarter Bürgermeister aller Zeiten wurde hier zu einem der Väter des Städtebauförderungsgesetzes, welches unter anderem die Mitspracheverfahren der Bürger in städtebaulichen Sanierungsgebieten regelte.
 
Seine letzte Karrierestation brachte ihn nach Hamburg zurück: Die Technische Universität berief ihn 1980 zu ihrem ersten Professor für Städtebau und Stadtplanung. Dass Christian Farenholtz den Othmarscher Eigenentwurf der nächsten Generation übergeben und mit seiner Frau ein biedermeierliches Kapitänshaus im Blankeneser Treppenviertel bezogen hat, zeigt nur die Bandbreite seines Geschmacks.
 

«Unmittelbarer sind nur Handzeichnungen»

Wie vielen Sammlern fällt es ihm schwer, ein Lieblingsstück zu benennen. Überraschenderweise sind es seine Goya-Grafiken. Grundstock dieser Gruppe war die Erbschaft von zwei «Caprichos» von seinem Vater. «Eines Tages habe ich irgendwo eine weitere gesehen und dann setzte der Komplettierungswahn ein.» Nach der Klassischen-Moderne-Sozialisierung überrascht die Wahl. Als Ausrede lässt der Sammler gelten, dass ihm zu jenen Zeiten die Mittel gefehlt haben, beispielsweise Noldes grafisches Werk zu komplettieren.
Goya Fahrenholtz

Grafik von Goya.

Quelle: Salvatore Vinci
Zudem hat ihn die künstlerische Kraft von Goya immer sehr bewegt, haben ihn die Grenzüberschreitung, die Gemeinheit der «Caprichos» fasziniert. Es folgten weitere Entdeckungen im Goya-Universum: die «Desastres de la Guerra». «Die Gewalt der Darstellungen wühlt auf, sie zeigt mir Kriegsteilnehmer, dass es keine Grausamkeit gibt, die nicht schon einmal zumindest gedacht wurde», schaudert es Christian Farenholtz beim Anblick seiner eigenen Blätter.
 
Einige hängen an der Wand, andere sind die alten Bücher. Idealerweise sind es Erstausgaben, die Grafiken Erstdrucke. Erstausgaben vermitteln ihm nicht nur den Eindruck, «originaler» zu sein, die Druckplatten sind beim Abdruck frischer. Diese Blätter zeigen am besten den künstlerischen Ausdruck, sie sind zeitnah, und vielleicht hat der Künstler sie sogar selbst berührt? «Hat er nicht, weiss ich ja! Na, vielleicht hat er sie ja zumindest gesehen, der Gedanke gefällt mir doch zu gut!»
Sammlung Goya

Bewegende künstlerische Kraft.

Quelle: Salvatore Vinci