Ältere Arbeitnehmer haben es auf dem Arbeitsmarkt schwerer als jüngere Berufskollegen. Warum ist das so?

Michael Agoras: Sie kämpfen mit Vorurteilen. Oft ist es leider so, dass jene, die über Anstellungen entscheiden, glauben, ältere Arbeitnehmer hätten Probleme, die gleiche Leistung zu erbringen wie jüngere Kollegen. Studien allerdings zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Es wird aber wohl noch eine Generation dauern, bis das Vorurteil abgelegt ist.

Sachliche Gründe für die Benachteiligung gibt es nicht?
Doch. Vor allem zwei. Bei den allermeisten Pensionskassen (PK) sind die Versicherungsbeiträge abhängig vom Alter. Je älter ein Angestellter, desto teurer wird er für den Arbeitgeber. Er muss für ihn höhere Einzahlungen machen. Das macht 4 bis 6 Prozent aus. Hinzu kommt, dass sich Firmen und ihre PK darum kümmern müssen, dass die Belegschaft als Kollektiv nicht überaltert. Geschieht es doch, ist es für die Firma langfristig ein Problem und droht, die PK in Schieflage zu bringen.

Die PK bestimmt über die Einstellungspolitik mit?
Selbstverständlich. Das ist ein Thema.

Und was ist der zweite sachliche Grund, der gegen die älteren Angestellten spricht?
Häufig definiert heute ein gewisses Alter ein gewisses Salär. Je älter man ist, desto mehr verdient man üblicherweise. Bei Bund, Kantonen und Gemeinden – zusammen sind sie der mit Abstand grösste Arbeitgeber des Landes – ist dies fix gegeben. Jedes Jahr wird ein Angestellter teurer. Kein Wunder, dass betriebswirtschaftlich denkende Personalleute Jüngere bevorzugen.

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Entscheidend aber ist doch die Frage: Wer bringt dem Unternehmen mehr? Die Jungen oder die Alten?
Untersuchungen zeigen, dass die Performance von älteren Angestellten tendenziell besser ist. Allerdings will das noch niemand glauben. Dabei fehlen Ältere am Arbeitsplatz zum Beispiel weniger als Jüngere. Sie bleiben nicht wegen jeden Kopfwehs daheim.

Was ist gegen die Benachteiligungen der Älteren zu tun?
Die Leistungs-Vorurteile werden bald aussterben. Wegen des demografischen Wandels haben die Firmen gar keine andere Wahl, als mehr Erfahrungen mit älteren Angestellten zu sammeln. Sie werden positiv sein. Konkret müsste man aber auch mit einem Einheitssatz in der Pensionskasse Benachteiligungen beseitigen. Aus­serdem wäre es wichtig, dass Unternehmen Alter und Berufserfahrung nicht mehr gleichsetzen. Heute sucht man Leute bis 35, weil man davon ausgeht, dass die zehn Jahre Erfahrung haben. Eigentlich aber sollte man nicht nach einer Altersgruppe suchen, sondern nach Leuten mit der richtigen Erfahrung und den entsprechenden Kompetenzen.

Üblich ist es, dass Personalleute bei Bewerbern zuerst den Jahrgang anschauen und Ältere aussieben.
Da haben Sie recht. Das passiert immer noch viel zu oft. Es ist aber nachvollziehbar. Firmen suchen ja nach Mitarbeitern, die möglichst zehn oder mehr Jahre bleiben, und das können Leute über 55 schlicht nicht bieten – unabhängig von der Qualifikation.

In welchen Branchen oder Berufen ist die Altersdiskriminierung besonders ausgeprägt?
Von den Branchen hängt es weniger ab. Das Problem ist die Spezialisierung. Beim Schreiner gibt es vielleicht drei, vier Spezialrichtungen und tendenziell wenige ­Diversifikationsmöglichkeiten. Beim IT- oder beim Finanzspezialisten aber gibt es hundert Spezialisierungsgrade, und das Geschäft ändert sich im Jahrestakt. Das heisst: Je länger jemand im gleichen Job ist und sich nicht stetig weitergebildet hat, desto eher ist er nicht mehr up to date und ergo umso schwieriger vermittelbar.

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