D er Beste in irgendwas zu sein, das treibt nicht nur Amerikaner an. Viele Menschen wollen sich nicht abfinden mit der Durchschnittlichkeit des Seins. Ryan Bingham, der von George Clooney im Film «Up in the Air» dargestellte Entlassungsprofi, will einer von sieben werden. Einer von den wenigen, die es bei American Airlines je geschafft haben, 10 Mio Meilen zu sammeln. Das ist sein Traum, der sich just dann erfüllt, als es ihm aufgrund einer Beziehungskrise eigentlich völlig egal ist. Tragisch. Hollywood eben. Oscar-prämiert.

Auch im richtigen Leben gibt es sie, die Meilenmillionäre, die akribischen Sammler, die sich sogar von Reiseexperten wie dem Schweizer Ravindra Bhagwanani dabei beraten lassen, wie sie bei der Vielfliegerei am effektivsten Bonuspunkte einsacken. Und sie haben, wie der smarte Clooney im Film, Erfolg bei den Frauen. Allerdings nur am Boden.

«Es ist ein Märchen, dass Mann die Supertraumfrauen in der Business- oder First-Class trifft. Die fliegen selten mit. Das ist immer noch eine Männerwelt», sagt der Schweizer Thomas Sevcik. Auch er verdient sein Geld, indem er wie Bingham, nur bepackt mit einem ledernen Kleidersack, mehr als 200 Tage im Jahr per Flugzeug von einem Kunden zum anderen jettet. «Ich hasse es, viel zu schleppen. Ich habe seit Jahren kein Gepäck mehr aufgegeben», sagt der studierte Architekt lächelnd.

Funktioniert nicht per Video

Im Unterschied zum eher heimatlosen Bingham hat Sevcik Wurzeln, die er pflegt. Aufgewachsen in der Schweiz, studiert er in Berlin, lernt dort seine Frau kennen, gründet mit ihr die Firma Arthesia in den wilden Berliner Nachwende-Jahren. Erster grosser Auftrag war, an der neuen Autostadt von Volkswagen in Wolfsburg zu arbeiten. Fortan florierte Arthesia. Aber als die Firma zu gross wird und die Last der Verantwortung für die vielen Mitarbeiter zu schwer, kehrt Sevcik mit seiner Frau zurück in die Schweiz und verschlankt seine Firma drastisch.

Heute leben und arbeiten beide in Zürich und Los Angeles, die Firma hat zehn feste Mitarbeiter und beschäftigt je nach Auftragslage weitere. Mit Arthesia positioniert er Unternehmen, Städte, Parteien oder Regionen neu - im Moment beispielsweise Frankfurt am Main.

Damit verdient er gut. Der 41-Jährige ist weltweit als hoch spezialisierter Berater und Redner auf Kongressen gefragt. Sein neuster Kunde ist die russische Stadt Perm. Sevcik pendelt auch oft in die USA. Das muss seiner Meinung nach so sein: «Die Art der Projekte, die wir haben, bedeutet, dass ich oft unterwegs bin», sagt er. «Wir reden auch nur mit Leuten, die in der Hierarchie weit oben angehängt sind», - und das funktioniert in der Regel nicht per Videokonferenz.

Wenn es gut läuft, nimmt Sevcik das ständige Unterwegssein dafür gern in Kauf. «Ich schlafe gut im Flugzeug.» Allerdings nur, wenn die Fluggesellschaften in der Business-Klasse auch genug Platz und Komfort für den Einmeterneunzig- Mann anbieten. Dafür ist er auch gerne bereit, aufs gute Essen und den erlesenen Wein zu verzichten. «Genug Wasser, das reicht.»

Wenn er wach ist, nutzt er die Zeit zum Nachdenken. «Ich arbeite wenig im Flugzeug. Auf den langen Strecken nehme ich meinen Langestrecken-Stapel mit, das sind längere Artikel und Texte, Fachliteratur, die ich immer schon mal lesen wollte. Sie sitzen da ja quasi acht Stunden im Sofa.»

Ausserdem gibt es noch einen ganz handfesten Grund für die vermeintliche berufliche Tatenlosigkeit. «Bei uns ist es strikt verboten, Dokumente im Flugzeug zu lesen.» Zu viel schreckte ihn ab. Teilweise werden Unterlagen, die «strictly confidential» sind, beim Beinevertreten auf dem Nebensitz liegengelassen. «Ich könnte so manche Grossbank umstrukturieren oder ein grosses Medienhaus umgestalten», grinst Sevcik.

Doch das will er gar nicht. Ihm reicht sein kleines, überschaubares Unternehmen, für das die Vielfliegerei ihres Chefs so etwas ist wie ein Fundament. «Meilen sind zur Reservewährung der Welt geworden, und unsere Firma würde ohne Meilen gar nicht funktionieren.» Der Chef ist Mitglied in zwölf Vielfliegerprogrammen. Hat hier und da den Gold- oder Silberstatus erreicht. Mehr Exklusivität kann man nicht erfliegen.

Ende der 90er-Jahre haben Thomas Sevcik und seine Frau bei der Überarbeitung ihres Geschäftsmodells vorausgesetzt, dass die Telekommunikationskosten und die Flugkosten runtergehen würden. «So ist es gekommen und das hat es uns ermöglicht, unsere kleine Firma erfolgreich aufzubauen.» Denn alle Mitarbeiter und auch der Chef selbst fliegen innerhalb Europas nur in der Economy-Klasse. Viele Tickets werden mit Meilen bezahlt, und Flugscheine für den Trip über den Atlantik sind meist mit Meilen in die Business-Klasse upgegradete Eco-Tickets.

Manche Extravaganz leistet er sich dann doch. Wohl auch deshalb fliegt er gerne Virgin Atlantic. «Wenn Sie die Lounge in London betreten, haben Sie das Gefühl, Sie seien in einem feinen Club, mit angeschlossenem Spa. Kostenlose Massage, kostenloser Friseur. Virgin-Airlines-Chef Richard Branson bringt wieder mit einem Augenzwinkern so ein bisschen Glamour ins Fliegen.»

Rund um die Welt verfolgt

Sevcik twittert, wenn er auf Reisen ist. Letzter Tweet aus der Virgin-Lounge des Flughafens London-Heathrow: «Virgin Lounge at Heathrow is full with investment banker and their skinny girl-friends. Maybe using up last years miles …»

Viele seiner Kunden und seine Studenten finden das höchst unterhaltsam und folgen ihm rund um die Welt. Auf seiner Liste der letzten Monate stehen Seoul, London, Hollywood, Moskau, Frankfurt, Manama, Abu Dhabi.

Sevcik lehrt in London am renommierten Saint Martins College of Art and Design. Dort hat auch der jüngst verstorbene Modemacher Alexander McQueen gelernt. Der fast gleichaltrige Sevcik beschäftigt sich eigentlich nicht mit dem Tod. Er hat keine Angst beim Fliegen und kennt die Statistik. «Da passiert halt ganz selten was.» Allerdings gibt es offenbar bei Vielfliegern «so eine Spätkrankheit, wo sie anfangen zu denken, dass sie statistisch gesehen jetzt mal dran sein müssten».

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