Markus Marthaler aus Zürich liebte das «geile Spiel», viel Geld zu verdienen. 500000 Fr. Jahresumsatz machte er als Coach für Personalverantwortliche in namhaften Firmen. Der dicke Verdienst gab ihm das gute Gefühl, mitzumischen im Big Business. Er leistete sich alles, was dazu gehört: Ein teures Auto, eine schicke Wohnung; im grossen Freundeskreis zeigte er sich spendabel. «Die ganze Runde in Restaurants einzuladen, war selbstverständlich», sagt der 49-Jährige.

Der Preis, den er dafür bezahlte: Jene, die zu Hause auf ihn warteten, blieben oft allein, zu oft. Seine Frau lernte, ohne ihn klarzukommen. Und seine kleine Tochter drohte ihm fremd zu werden. «Jahrelang hatte ich von den beiden verlangt, dass sie hintenanstehen müssen.» Die Scheidung folgte - und ihm sei nur die bittere Erkenntnis geblieben, als Ehemann und Vater versagt zu haben.

Arbeit und nochmals Arbeit

Birgit Schuberts* Leben bestand lange Jahre aus Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Ihr Abteilungsleiterjob in einem Fachverlag hatte oberste Priorität. Danach erst kam ihr Ehemann, dann kamen die Freunde. Doch auch die ihr nahe stehenden Menschen vernachlässigte sie mehr und mehr. «Ich habe sogar Verabredungen vergessen», sagt die 51-Jährige. War sie im Büro, konnte sie nicht mehr aufhören. Nicht einmal ihre eigenen Bedürfnisse nahm sie noch wahr. Sie machte keine Pausen, ass nichts - dass sie arbeitssüchtig war, realisierte sie lange Zeit nicht. Es brauchte schmerzhafte Erlebnisse: Ihre Ehe zerbrach. «Und als dann noch meine Schwester mit 48 Jahren an Krebs starb, war mir endgültig klar, dass mein Leben zu kostbar ist, um so weiterzumachen.»

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Markus Marthaler und Birgit Schubert zogen die Notbremse. Sie traten beruflich kürzer - aus der Erkenntnis heraus, dass es mehr geben muss als Karriere, Kohle und Konsum. Downshifting nennen Fachleute diese Bewegung. Und es sind längst nicht mehr nur ein paar Exoten, die sich dazu entschliessen. «Das Runterschalten im Beruf zugunsten anderer Lebensbereiche oder als Folge einer Sinnkrise könnte sich als Trend erweisen, zumindest für einen Teil unserer Gesellschaft», sagt Beate Schulze, Soziologin an der Universität Zürich (siehe «Nachgefragt»). Downshifter kehren der Arbeitswelt und der Gesellschaft nicht ganz den Rücken. Doch signalisieren sie, dass sie sich nicht mehr nur daran messen wollen, was sie erreichen, was sie verdienen und was sie sich dafür leisten können.Aber was heisst Kürzertreten? Sich von seinem alten Lebensstandard verabschieden? «Ganz klar», sagt Markus Marthaler. Weniger arbeiten bedeute weniger verdienen, also auch mit weniger auskommen.

Er berät heute Firmen im Gesundheitsmanagement. Durchschnittlicher Jahresumsatz als Selbstständiger: 125000 Fr. Das entspricht nach Abzug aller Auslagen einem Bruttolohn von zirka 60000 Fr. Die Konsequenz: Kleinere Wohnung, kleineres Auto, keine teuren Restaurants mehr - und ein geschrumpfter Freundeskreis.

Der Gewinn des Kürzertretens

Dennoch kann Marthaler nicht sagen, er habe an Lebensqualität eingebüsst. Erst recht, wenn er betrachtet, welcher Gewinn im Kürzertreten liegt: Mehr Zeit für sich, mehr geistige Präsenz, mehr Freude am Job. Kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er sich etwas Gutes tut und nicht immer erreichbar ist. Und vor allem: «Ich kann aktiv daran teilhaben, wie mein Kind aufwächst.» Markus Marthaler arbeitet von Montag bis Donnerstag. Der Freitag gehört ihm. Die Wochenenden verbringt er mit seiner neunjährigen Tochter. Diese Zeit sei ihm heilig. Und sie sei lehrreich: «Es ist anspruchsvoll, sich ganz auf jene Menschen einzulassen, die einem am Herzen liegen.»

Birgit Schubert geht es heute sehr gut. Sie arbeitet 35 Stunden die Woche, wieder in einem Verlag, als Assistentin des Anzeigenleiters. Budget- und Personalverantwortung hat sie keine mehr. «Die Arbeit frisst mich nicht mehr auf, ich bin ausgeglichener, lebe in einer harmonischen Beziehung, bin wirtschaftlich einigermassen abgesichert.» Es sei ihr bewusst, dass sie sich in einer privilegierten Lage befinde: Sie konnte sich das Downshiften leisten. Sie habe früher gutes Geld verdient, ihre Eigentumswohnung sei abbezahlt. Birgit Schubert verdient heute rund 4000 Fr. brutto. «Und ich habe nicht das Gefühl, auf Wesentliches verzichten zu müssen.» Für Bücher und CDs geht sie jetzt öfter in die Bibliothek, auf grössere Anschaffungen spart sie.

Früher seien ihr und ihrem Mann Statussymbole wichtig gewesen: Das Segelboot am Mittelmeer, die Shoppingtouren - wenn sie ausnahmsweise mal nicht arbeitete. «Ersatzbefriedigung», sagt Birgit Schubert rückblickend.

Die Karriere ist gelaufen

Das ungetrübte Downshifting-Glück? Nicht ganz. «Man muss sich bewusst sein, welche Konsequenzen es hat», sagt Birgit Schubert. Eine davon: Die Karriere dürfte gelaufen sein, vor allem in der Firma, in der man vorher eine glänzende Laufbahn hingelegt hat. Sie hatte die Idee verworfen, in ihrem «alten Verlag» als normale Angestellte weiterzuarbeiten. «Man war andere Leistungen von mir gewohnt.» Diesem Druck wollte sie sich nicht aussetzen; sie suchte ein neues Umfeld. Doch beim Vorstellungsgespräch plausibel darzulegen, warum man kleinere Brötchen backen will, sei schwierig. «Jemandem, der weniger arbeiten will, unterstellt man schnell, dass er es weniger engagiert tut.»

«Noch ist Downshifting ein Tabu, zumindest dann, wenn es jemand freiwillig tut», sagt Markus Marthaler. Man gelte als Aussenseiter, als Schwächling gar. «Unsere Leistungsgesellschaft ist auf ganze Kerle und Frauen ausgerichtet.» Dass sich viele Downshifter schwer tun, offen über ihren Schritt zu sprechen, hat auch Anna  Meier* vom Verein «Crazy Workers» beobachtet. Akzeptiert sei Kürzertreten meist erst, wenn jemand einen veritablen Zusammenbruch erlitten hat - Burnout, Herzinfarkt. Und daran dürfte sich wenig ändern, solange in den Köpfen noch das Bild vom Erfolgstypen verankert sei, der sich heldenhaft zu Tode schuftet. «Absurd», findet Marthaler, «man schaut diejenigen schräg an, die kürzer treten, bevor sie der Druck in die Knie zwingt.»

 *Namen wurden geändert.

 

NACHGEFRAGT
Beate Schulze, Soziologin an der Universität Zürich, Zürich


«Wer kürzer tritt, gilt als faul»

Woher kommt der Wunsch, sich ein Stück weit aus der Arbeits- und Konsumwelt auszuklinken?

Beate Schulze: Viele von uns sind auf mehreren Baustellen unterwegs, beruflich wie privat aktiv, müssen managen und koordinieren. Gleichzeitig sinkt in unserer globalisierten Wirtschaft der Handlungsspielraum für den Einzelnen, viele fühlen sich fremdbestimmt. Da entsteht irgendwann der Wunsch nach Einfachheit, Klarheit und Ruhe - dem Fokus aufs Wesentliche.

Wird diese Art des Aussteigens für immer mehr Menschen interessant?

Schulze: Der Wunsch nach einer besseren Balance zwischen Beruf und Privatleben auf jeden Fall. Darüber hinaus, das bleibt abzuwarten. Wohlstand und Besitz sind vielen Menschen gut und teuer; auch ständige Aktivität und Erreichbarkeit sind eine soziale Währung - man signalisiert, dass man gefragt ist. Und am Arbeitsplatz punktet man noch immer mit hohem, ja exzessivem Engagement. Downshifting ist vielleicht ein Trend - aber noch weit entfernt vom Mainstream.

Warum tun sich viele Downshifter schwer, offen darüber zu sprechen?

Schulze: Kürzer treten heisst, etwas aufzugeben. Und oft geschieht das nicht ganz freiwillig. Da hadert mancher mit seiner Entscheidung, erlebt Konflikte zwischen dem Wunsch nach mehr Freizeit und Lebensqualität, dem eigenen alten Weltbild und den Erwartungen anderer.

Ist Kürzertreten nur dann akzeptiert, wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht?

Schulze: Selbst dann wird es in der Regel nur bedingt oder vorübergehend akzeptiert. Jemand, der nicht oder weniger arbeitet, gilt leider häufig als faul. Der Wunsch nach einem nachhaltigen Lebensstil liegt zwar im Trend, Verzicht im grossen Stil dagegen wird kritisch beäugt - unsere kurzlebige Konsumgesellschaf wird dadurch hinterfragt.