Schon fast beleidigt reagierte Philippe Hertig, als ihn der damalige Leiter des Zürcher Büros von Egon Zehnder International (EZI), Mark Hoenig, fragte, ob er sich eine Tätigkeit als Berater vorstellen könne. «Mit 34 war ich karrieremässig auf dem aufsteigenden Ast. Berater war nun wirklich das Letzte, was mir zu diesem Zeitpunkt vorschwebte», blickt Philippe Hertig zurück und schmunzelt. Warum er schliesslich trotzdem zusagte, habe viel mit der Philosophie des Unternehmens zu tun, mit der sich Hertig bis heute zu 100% identifizieren kann.

Eigentlich hätte Hertig ja Arzt werden wollen. Doch in der Freiburger Familie mit traditionsreichem Blumen- und Gärtnereiunternehmen gab es nichts zu diskutieren: Der älteste Sohn sollte dereinst das Geschäft übernehmen und daher ein Wirtschaftsstudium absolvieren. «Zum Glück im Nachhinein, genauso wie der Umstand, dass sich mein jüngerer Bruder später aus eigenen Stücken fürs Familienunternehmen entschied», so Hertig.

Mit Blumen hätte Philippe Hertig, dessen Herz schon damals für Technik und Geschwindigkeit schlug, nun wirklich nichts anfangen können. Mit «need for speed» könne er es schon eher, fasst er zusammen, was später dazu führte, dass er sich im Militär zum Kampfjet-Co-Piloten ausbilden liess. Er fliegt heute noch mit dem Tiger F-5F.

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Auch bestritt er im Leichtathletikclub Fribourg mit einigen Ambitionen Sprintwettkämpfe und brachte es über 100 Meter bis in die nationalen Top Ten. Nach dem Studium entschied sich Hertig gegen ein finanziell interessanteres Angebot bei der Grossbank UBS und für den Einstieg als Marketingassistent bei den Pilatus Flugzeugwerken in Stans.

«Unter jeder Menschenwürde»

In diese Zeit fällt eine Episode mit Ernst Thomke, die ihn ein Stück weit geprägt hat. Er war gerade 27-jährig, als Thomkes unzimperliche Sanierungsmethoden in Stans Einzug hielten. Hertig erinnert sich: «Wir mussten eines Tages alle in einen grossen Raum. Thomke legte Folien auf und sagte, dass diejenigen, deren Name rot erscheine, entlassen seien und diejenigen in Blau weiterbeschäftigt würden. Von 1000 mussten 200 auf diese Weise gehen.» Unter jeder Menschenwürde sei das gewesen und habe ihm klar gemacht, dass es so nicht gehe.

Trotzdem blieb Hertig, dessen Name auf der Folie blau erschienen war, weil man ihm einen Job als regionaler Verkaufsleiter anbot. In jungen Jahren hatte er so Verhandlungspartner wie etwa den französischen Verteidigungsminister, und er lernte, die unterschiedlichsten Interessenlagen zu berücksichtigen und sich in komplexen Verkaufsprozessen durchzusetzen.

Als er sich mit dem neuen Vorgesetzten nicht identifizieren konnte, verliess er nach Beendigung des laufenden Projektes den Flugzeughersteller und beendete seine Doktorarbeit bei Norbert Thom an der Universität Bern zum Thema Personalmanagement in Krisenzeiten. «Mir ging es darum, betriebswirtschaftlich zu argumentieren, dass es fatal ist, den Menschen als reinen Kostenfaktor zu betrachten, weil das langfristig die Existenz eines Unternehmens gefährdet.» Doch von Pilatus sollte Hertig nicht loskommen. Mit 31 kehrte er zurück und nahm Einsitz in der Geschäftsleitung als Verantwortlicher für das Regierungsgeschäft weltweit.

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Ein Mittagessen mit Folgen

Drei Jahre später, 1998, fand jenes folgenschwere Mittagessen mit Mark Hoenig von Egon Zehnder International statt. Die in solchen Fällen üblichen 25 Bewerbungs-Interviews mit EZI-Partnern auf der ganzen Welt, die darauf folgten, überzeugten Hertig. Hinzu kam die Tatsache, dass seine Frau nach Zwillingen noch einen Sohn erwartete und er sich eine weitere derart intensi- ve internationale Reisetätigkeit bei Pilatus schlecht vorstellen konnte.

Heute lebt Philippe Hertig die Egon-Zehnder-Philosophie und vergleicht das ausserhalb der USA weltweit grösste Executive-Search-Unternehmen gerne mit der Luftwaffe der Schweizer Armee. «Passion, Professionalität und Kollegialität», das sei beiderorts zentral. Schliesslich gehe es um Essentielles im Leben. «Jeder hat ein Anrecht auf einen guten Chef. Das sollte eigentlich ein Menschenrecht sein», findet Hertig.

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Bei EZI an erster Stelle stehe der Klient, dann kämen die Kollegen und erst zuletzt man selbst. Das musketiersche Motto «Alle für einen, einer für alle» findet er keineswegs abgegriffen. «Ich bin so gut wie die gesamte Egon Zehnder International», sagt Hertig und schwärmt in den höchsten Tönen von der von den 200 internationalen Partnern geführten Unternehmung, die auf absolute Diskretion setzt.

Der Begriff «Headhunter» ist ihm und seinen Partner-Kollegen ein Greuel, weil er nichts, aber auch gar nichts mit EZI zu tun habe. Hertig: «Wir sind eine AAA-Personalberatung: Anders als andere.»

Bei der Mandatserteilung gehe es zuerst immer darum, das Unternehmen als Ganzes zu verstehen, bevor man das Idealprofil erstellen könne. Egon Zehnder International war das erste Search-Unternehmen, das in den 70er Jahren sogenannte Management-Appraisals anbot, also Beurteilungen von gesamten Führungsgremien wie Geschäftsleitungen oder Verwaltungsräten.

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Weiter als Berater tätig

Angestellt wird man bei EZI nur im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, mit Doppelstudium und entweder internationaler Beratungs- oder internationaler Führungserfahrung. Partner kann man frühestens nach fünf Jahren werden und nur, wenn mindestens drei Viertel der bisherigen Partner weltweit zustimmen. An der Arbeit ändert sich daraufhin nichts, ausser dass man finanziell am Erfolg beteiligt wird. Die Fluktuationsrate liege bei nur 2%, wie Hertig sagt.

«Auch als Office Leader hat sich an meiner Arbeit nicht viel geändert, ausser dass ich jetzt einige zusätzliche Repräsentationsaufgaben ausführe, Strategiemeetings organisiere, mich um einige administrative Dinge kümmere und das wertekonforme Verhalten aller Mitarbeiter sicherstelle. Zu 80% bin ich noch immer als Berater tätig», betont Hertig.

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Wie Bundesrat und Parlament

Zwar gibt es bei EZI eine Geschäftsleitung und einen Verwaltungsrat – CEO und Chairman ist John Grumbar mit Sitz in Lon- don –, doch als seinen Chef bezeichnet Hertig den Klienten und niemand anderen. EZI sei wie Bundesrat und Parlament organisiert. Die Geschäftsleitung stelle Anträge, die Partner entschieden per Abstimmung.

Egon Zehnder selbst, der die Firma 1964 gründete, arbeitet 100 m vom Zürcher Büro an der Toblerstrasse entfernt. Zwar bekleidet der 77-Jährige offiziell keine Funktion mehr, wird aber als Sparringpartner noch immer gerne kontaktiert oder auch wenn es um die Anstellung neuer Berater weltweit geht. Hertig bezeichnet den Firmengründer als «mein Vorbild wegen seiner Menschlichkeit und Bescheidenheit, gepaart mit Professionalität und Einsatzwille».

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Noch keine einzige Sekunde habe er seinen Wechsel zu Egon Zehnder International bereut, resümiert Hertig. «Meine Aufgabe ist so diversifiziert und reich. Ich muss mich nicht mit interner Politik herumschlagen und kann meine ganze Kraft und Energie für die Klienten und die Kollegen aufwenden.» Und was wird aus dem Medizinstudium, das er dereinst in Angriff nehmen wollte? – «Frühestens mit 55», sagt Hertig und fügt an: «Ich könnte aber auch bis 100 bei EZI arbeiten.»