Wer als Aargauer Skiweltmeister wird (Morioka 1993), für den ist kein Hang zu steil, kein Hindernis zu hoch. Der schafft ­jede Aufgabe – oder auch ganz viele gleichzeitig. Urs Lehmann ­(41) bewirtschaftet jedenfalls ein beeindruckendes Portfolio. Er ist CEO der Arzneimittelfirma Similasan (Umsatz: 60 Millionen Franken), er ist Präsident des Verbands Swiss-Ski (Budget: 30 Millionen), er ist Vorstand der European Ski Federation, Mitinhaber und Verwaltungsrat einer Athleten-Beratungsagentur, er sitzt in einem Stiftungsrat und fungiert als Co-Kommentator beim TV-Kanal Eurosport. Erstaunlich auch, wie er ein 50-Prozent-Pensum für den Skiverband bewältigt: frühmorgens, spätabends, am Wochenende. Und darüber hinaus findet er auch noch Zeit fürs Familienleben.

Diese Umtriebigkeit, meinen Kritiker, sei eine der Ursachen für die jüngsten Negativschlagzeilen um den Skiverband (siehe «Die Kontrahenten»). Wahr ist aber auch, dass Lehmann Swiss-Ski auf Vordermann brachte, stabiler und erfolgreicher machte. Innert zweier Jahre ist er dem persönlichen Ziel etwas näher gerückt, einen FC Bayern München aufzubauen: einen erfolgreichen Sportclub mit attraktivem Angebot, gesteuert von ehemaligen Spitzen­athleten. Und er selber der Uli Hoeness der weissen Pisten.

Die Freunde

Eng befreundet ist Lehmann mit Andreas Wenger, den er zum operativen Chef von Swiss-Ski kürte. Dieser hat sich längst daran gewöhnt, dass der hyperaktive Präsident gelegentlich den Schalter selber umlegt. Unterstützt wird er im Verwaltungsrat von ­Hotelier Pirmin Zurbriggen. Seit langem befreundet ist er mit Völkl-Präsident Gregor Furrer, für dessen Marke er sich einst die Hänge hinunterstürzte.
In einer eigenartigen Beziehung steht der höchste Schweizer Skilobbyist mit Giusep Fry, Geschäftsführer der GFC Sports Management in Chur. GFC ist Berater von 20 Schweizer Alpin-Athleten, darunter Daniel Albrecht und Carlo Janka. Letzten April kauften Lehmann und Bruno Kernen die Vermarktungsfirma GFC je hälftig. ­Einen Interessenskonflikt sieht Lehmann nicht, GFC sei ein finanzielles Engagement, seine Rolle aufs Strategische beschränkt. Er kenne nicht einmal die Athletenverträge.
Bekannt ist Lehmann mit der Familie Jüstrich. Die Unternehmer kauften vor drei Jahren Similasan, den Hersteller homöo­pathischer Arzneimittel. Michel Jüstrich holte Lehmann als CEO an Bord.

Die Kontrahenten

Wenn sich die Schweizer fetzen, freut dies Österreichs Ski-Chef Peter Schröcksnadel. ­Dazu bot man ihm jüngst des Öfteren Gelegenheit. «Blick»-Schlagzeilen wie «Lehmann in Not» ­waren zweifellos nach Schröcksnadels Gusto. Konkret: Die abrupte Trennung von Swiss-Ski-Direktor Denis Vaucher bereits nach wenigen Monaten war kein Ruhmesblatt für Lehmann; den Abgang von Männer-Cheftrainer Martin Rufener hätte man womöglich verhindern können. Der Streit mit Lara Gut über Vermarktungsrechte ist – immerhin – auch dank Lehmanns Zureden glimpflich ausgegangen.
Die wenig pflegeleichte Skirennfahrerin wird von der Sportvermarktungsfirma Pool Po­sition beraten, die auch Radrennfahrer Fabian Cancellara oder Fussballer Diego Benaglio promotet. Pool Position ist ein Joint Venture des Ringier-Konzerns mit der deutschen Kick Media und wird von Armin Meier, früher Radprofi und Tour-de-Suisse-Direktor, geführt.

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Die Laureus-Connection

Lehmanns wichtigster kommerzieller Verbündeter ist Skitourenfahrer Carsten Schloter. Seine Swisscom ist mit fünf Millionen Franken Hauptsponsor des Schweizer Skisports. Zu den Skibegeisterten gehört Raiffeisen-Chef Pierin ­Vincenz, dessen Bankengruppe als Sponsor des Skiverbands (2 Millionen) auftritt und Spitzenfahrerin Lara Gut unter Vertrag hat. Zugang zu einer jüngeren ­Managergeneration hat Lehmann übers Präsidium der Schweizer Laureus-Stiftung. Dort trifft er sich mit Georges Kern (IWC), Karl Schregle (Mercedes-Benz), ­Martin Wittwer (TUI Schweiz), ­Dominique von Matt (Werbe­agentur Jung von Matt / Limmat), Ottmar Hitzfeld (Fussballtrainer) und Marc Walder (Chef Ringier Schweiz/Deutschland).

Die Karriere

Vor und nach den Rennen büffelte Urs Lehmann jeweils für die ­Matura. Nach dem Rücktritt vom Sport absolvierte er ein Betriebswirtschaft-Grundstudium an der Universität Zürich, anschliessend dislozierte er nach St.  Gallen, wo er abschloss. Dann arbeitete er für die Skifirma Salomon, wechselte aber bald zu Abegglen ­Management Partners in Zürich. Bis 2008 wurde er Finanzchef der Logistikgruppe Via Mat. Berufsbegleitend schrieb er ab 2004 eine Dissertation («Internes Kontrollsystem IKS – ein Gestaltungs­konzept für mittelgrosse Unternehmen»), die er 2008 bei Conrad Meyer, Noch-VR-Präsident der NZZ, einreichte.

Die Familie

Urs Lehmann wuchs in Rudolfstetten AG auf. Der Vater arbeitete für die Bank Vontobel, später gründete er ­seine eigene Taxi- und Kleintransportfirma, die er noch heute leitet. Der ­Filius ist verheiratet mit der ehemaligen Ski­akrobatikweltmeisterin Conny Kissling. Mit einer sechsjährigen Tochter wohnt das Sportlerpaar im Kanton Aargau. Kissling arbeitet für die Mode- und Sportfirma Bogner, Konkurrent des Swiss-Ski-Ausrüsters Descente. Lehmann gehört die Beratungsfirma Lehmann Management GmbH in Baar ZG.